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Deutschland

Dortmunds Arbeiterstrich

Deutsche Städte klagen über vermehrte Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien ab 2014. Viele von ihnen sind arm und ungebildet. Ein Besuch in Dortmunds Nordstadt, wo Männer in der Kälte ihre Arbeit anbieten.

Die Uhr zeigt ein paar Minuten nach sechs Uhr morgens. Die Kälte kriecht durch die Ritzen der Eingangstür. In dem düsteren Café drängt sich ein Dutzend Männer um wackelige Holztische. Ungefilterter Zigarettenrauch mischt sich mit der Musik, die aus einem kleinen Fernseher dröhnt. Die Männer starren auf den Bildschirm, auf dem eine Frau schmachtend in die Kamera singt. Die Männer schweigen. Der Kaffee kostet fünfzig Cent und wird in dünnen Plastikbechern serviert.                

Später, am Nachmittag, werden ein paar von den älteren Männern Karten spielen, andere an den zwei Automaten im Halbdunkel neben der Theke ihr Glück versuchen. Eine Handvoll von ihnen wird draußen stehen, an der Straßenecke. Ein paar Stunden später werden sie immer noch dort stehen. Sie warten darauf, dass ein Auto hält und ihnen oft schlecht bezahlte Arbeit anbietet. "Arbeiterstrich“, so nennen viele in Dortmund die Straßenecke abfällig. 

Kaum Perspektiven in der Heimat

"Sie sind auf der Suche nach Arbeitern?" Der junge Mann, die langen Haare zu einem Zopf gebunden, der im kleinen Kiosk an der Ecke Bier und Süßigkeiten verkauft, nickt langsam, deutet dann auf die Männer. "Fragen Sie doch einfach." Er schiebt das Fenster zu. "Arbeit?" Angel lächelt breit. Er sitzt am Tresen des düsteren Cafés und rührt Zucker in seinen Tee für fünfzig Cent. Die Bedienung, eine junge Bulgarin, mischt sich ein. Sie lächelt freundlich. Angel könne alles, streichen, tapezieren, Möbel zusammen zimmern. Angel nickt. Die Bulgarin deutet auf die Männer, die Karten spielen. "Wenn Sie noch mehr Männer brauchen, Angel regelt das."

Dortmunds Nordstadt, Namensschilder (Foto: Naomi Conrad/DW)

Wer wohnt hier? Oft teilen sich ganze Familien ein Zimmer

Angel mag um die Mitte vierzig sein, vielleicht auch älter, in seinen sorgfältig zurückgekämmten Haaren verstecken sich graue Strähnen. Er stammt aus Bulgarien, erzählt die Bedienung, wie der Großteil der Männer, die im Café warten. Viele von ihnen sind Roma aus Plowdiw, der zweitgrößten Stadt Bulgariens, 150 Kilometer von der Hauptstadt Sofia entfernt. Ein paar stammen aus Rumänien, erklärt Frank Merkel von der Caritas Dortmund. Er arbeitet für die kirchliche Einrichtung und hat erlebt, wie, nachdem die EU 2007 ihre Grenzen gen Osten geöffnet hat, immer mehr Roma nach Dortmund gezogen sind. Viele von den Männern, die in der Nordstadt warten, haben kaum Bildung, nicht wenige sind Analphabeten, so Merkel. In ihrer Heimat haben sie keine Perspektiven.

Menschen schlagen sich durch

"Die Menschen schlagen sich irgendwie durch“. Frank Merkel zuckt die Schultern: "Man wird kreativ, in der Not." Die Integration der Roma sei schwer, sagt er, "bei den Menschen steht die Existenzsicherung an erster Stelle." Es gehe vor allem darum, genug Essen auf den Tisch zu bekommen, an Nachbarschaftsfesten und Kennenlernabenden bestehe da weniger Interesse.

Zwar dürfen Bulgaren und Rumänen nach Deutschland, doch bis Anfang 2014 haben viele europäische Länder ihnen Arbeitsbeschränkungen aufgelegt: Sie dürfen lediglich selbstständig arbeiten, nur Akademiker erhalten Ausnahmen. Seit drei, vier Jahren, erzählt Merkel, gäbe es verstärkt Kontrollen auf Baustellen und am Arbeiterstrich, das mache es den Roma nicht einfacher. "Seitdem geht das alles versteckter zu".

"Problemhäuser" in den Griff bekommen

Vom Arbeiterstrich möchte Jürgen Walther nicht sprechen. Der Abteilungsleiter für Sicherheits- und Ordnungsangelegenheiten der Stadt Dortmund spricht lieber davon, dass Dortmund eine "Vorzeigestadt" sei. Davon, wie seit 2011, als der Straßenstrich geschlossen wurde, die Kriminalität gesunken ist. Und dass die Stadt die "Problemhäuser" langsam in den Griff bekommt: Früher waren es an die 60 Häuser, in denen Großfamilien, "ganze Clans", in kleinen Räumen gehaust haben, oft ohne Wasser und Strom. Jetzt, so Walther, seien es vielleicht um die 30 oder 40."

Seit 1904 dient die Dortmunder 200 Meter lange Linienstrasse als Bordellstrasse. Foto: DW / Cristian Ștefănescu

Seit der Straßenstrich abgeschafft wurde, findet die Prostitution nur noch in der Linienstraße statt

Die Stadt, so Merkel, sei wirklich bemüht, den Menschen zu helfen. Doch die Rahmenbedingungen sind nicht einfach: So erhalten Ausländer oft nur Lebensmittel von Sozialstellen oder eine Übernachtungsmöglichkeit in einem Obdachlosenheim.

Neben der Empfangstür des Obdachlosenheims mahnt ein großes Schild, dass Alkohol und Waffen hier nichts zu suchen haben. "Natürlich lassen wir alle rein, wenn es draußen kalt ist", erzählt der junge Mann am Empfang. Sie dürften dann eine Nacht im Aufenthaltsraum schlafen. Nicht länger, wenn sie keinen Nachweis haben.

Ab 2014 mehr Zuwanderer?

Ab Januar 2014 dürfen Bulgaren und Rumänen uneingeschränkt arbeiten, auch Sozialleistungen stehen ihnen dann zu. Dann fürchtet Walther den "großen Run“ nach Deutschland und auf die Sozialsysteme. Der Deutsche Städtetag, ein Zusammenschluss verschiedener Städte, schlägt bereits Alarm vor der bevorstehenden "Armutswanderung". Merkel sieht es gelassener: "Es wird dann sicherlich leichter, einen Arbeitsplatz zu bekommen." Schon jetzt würden sich immer mehr Bulgaren und Rumänen entscheiden, langfristig zu bleiben. Das stimmt ihn hoffnungsvoll. Denn gehen die Kinder in die Schule, lernen sie Deutsch und es bestehen mehr Möglichkeiten auf dauerhafte Integration. Letztlich, glaubt Merkel, sei die Migration doch nur in den Herkunftsländern in den Griff zu bekommen - durch eine Integration der Roma, Bildung und Arbeit.

Auch Angel möchte bald Deutsch lernen, einen Kurs besuchen, sagt er. Warum? Die Bedienung mischt sich ein: "Weil das wichtig ist." Ohne Deutsch, sagt sie, komme man hier nicht weiter. Dann muss sie weiter, die Kunden bedienen. Zum Abschied sagt sie: "Rufen Sie Angel an, egal wann. Er kann helfen." Aber fügt sie noch hinzu, man solle langsam sprechen, weil er ja noch nicht so gut Deutsch spreche - noch nicht.

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