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Filme

Doris Dörrie: "Die Spielfilmklasse war die arroganteste"

Doris Dörrie studierte in den 70ern Spielfilmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF). Im DW-Interview blickt sie zurück auf ihre Anfänge als Filmstudentin - und erinnert sich an eine wilde Zeit in München.

Deutsche Welle: Sie sind nicht nur prominenter Alumni, sondern inzwischen auch Professorin für "Creative Writing" an der Münchner Filmhochschule HFF. Wie waren Ihre eigenen filmischen Anfänge als junge Studentin dort?

Doris Dörrie: Ich habe dort von 1975 bis 1978 studiert. Aber ich hatte den großen Vorteil, dass ich gerade aus Amerika zurückkam, wo ich vorher auch Film studiert hatte. Und ich hatte schon ein bisschen was von der Welt gesehen, als ich in München angefangen habe.

Was für ein Ruf eilte denn dieser jungen Filmhochschule damals voraus? Sie war ja erst 1967 gegründet worden?

Das war sehr wild da in München, extrem chaotisch und sehr experimentell, was die Filmemacher anbetraf. Das war tatsächlich so, das war nicht nur der Ruf dieser Hochschule. Untergebracht war sie in einer kleinen Villa in der Stadt, in Schwabing, wirklich sehr klein.

Das war schon ein verrückter Haufen, der sich da rumgetrieben hat. Das Studium war sehr offen damals. Man konnte da seltsame Dinge tun, experimentieren und sich ausprobieren. Das war wirklich eine kreative Spielwiese. Mir hat das nicht nur sehr gut gefallen, sondern auch gut getan.

Filmstill Grüsse aus Fukushima (Mathias Bothor / Majestic)

Große Innigkeit: Regisseurin Doris Dörrie (links) am Set von "Grüße aus Fukushima"

Was hat Ihnen das als junge Filmstudentin an der HFF gebracht? Filmemachen war damals auch mit Geld verbunden oder konnten Sie selbstproduzierte Filme machen?

Nein, wir haben gerade mal ein bisschen Geld für unsere Übungsfilme bekommen, aber das war nicht viel. Es war eben der Platz, um sich als Filmemacher auszuprobieren. Ich habe damals überhaupt erst darüber nachdenken können, was will ich eigentlich erzählen? Und was für Filme will ich machen?

Da gab es einen fantastischen Professor für Filmgeschichte, Helmut Färber, der uns alle sehr geprägt hat, indem er uns ganze Filmreihen gezeigt hat - von Regisseuren wie Yasujiro Ozu zum Beispiel, der mich stark beeinflusst hat. Es war eben wie an einer Kunsthochschule: ein freies Experimentierfeld. Es gab damals auch keinen Druck, dass man gleich sowas wie eine Visitenkarte herstellen oder auf den sogenannten "Markt" schielen sollte.

An den deutschen Kunsthochschulen und Akademien gab es immer eine strenge Hierarchie, welche Klasse die wichtigste war. Wie war das an der Münchner Filmhochschule?

Es gab damals nur zwei Abteilungen an der Filmhochschule. Wir Spielfilm-Regisseure waren natürlich die Größten, und die Arrogantesten. Dokumentarfilmer waren auch noch da, die waren aber weniger wichtig. Wir waren da in der Hackordnung weit oben. (lacht)

Doris Dörrie kniet vor ihrem Stern in Berlin (DW)

Boulevard der Stars: Doris Dörrie hat auch einen Stern in Berlin

Das war noch die "Post-68er-Zeit", wie war da das politische Klima an der Filmhochschule? Waren die Dokumentarfilmer sowas wie die "Working-Class-Heroes"?

Nein, es gab auch politische Spielfilme. Es war alles möglich und hat sich stark durchmischt. Da war die Trennlinie zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm nicht so scharf, weil keiner von uns einen kompletten Spielfilm herstellen konnte. Das war eher experimentell und improvisiert.

In München gab es - ganz anders als in Berlin, die schon immer politischer waren - eine sehr starke Diskussion um Form und Ästhetik. Es gab sowas wie den "Münchner Sensibilismus", wie das damals genannt wurde. Das war viel atmosphärischer und spielt ja inzwischen heute wieder eine große Rolle.

In den Jahrgängen vor mir gab es junge Studenten, die haben ein halbe Stunde lang eine Straßenkreuzung gefilmt. Oder haben endlos lange Einstellungen aus dem Auto gedreht, wo Haare im Wind flattern und so. Das war wirklich so ein Suchen nach einer neuen Form, nach einer neuen Art mit Bildern zu erzählen.

Filmstill Männer (picture-alliance/United Archives/IFTN)

Einer ihrer größten Kinoerfolge: Doris Dörries "Männer" mit Uwe Ochsenknecht (rechts)

Was war und ist in München an der Filmhochschule anders als in Berlin? Spielt da der Humor eine andere Rolle, als in Berlin? Man hat immer das Gefühl, es ist nicht ganz so bierernst, wie bei den Preußen…

Das war auch in München bierernst. Ich war als junge Regisseurin die erste, die sich überhaupt getraut hat, Komödien zu drehen. Ich kam damals frisch aus Amerika und hatte dort gelernt, keinen Unterschied zu machen zwischen Entertainment und Kunst. Das war neu in Deutschland und wurde eher schräg angesehen. An der Hochschule war das ein absolutes No-Go. Und ich habe damals auch wahnsinnig viel Kritik dafür bekommen.

Später war "Männer" (1985), mein erster größerer Spielfilm nach der Hochschule, auch international sehr erfolgreich. Da hat sich was geändert, aber heute ist das immer noch so, dass Komödien in der Filmbranche eher belächelt und nicht ernst genommen werden. Den Mut zu haben, zu seinem Lachen zu stehen, den haben in der sogenannten Hochkultur, oder auch bei den Filmkritikern, nur wenige.

Das Gespräch führte DW-Autorin Heike Mund.

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