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Alltagsdeutsch – Podcast

Dorfsterben in der Eifel

Viele ländliche Gebiete in Deutschland stehen vor einem Problem: Junge Menschen verlassen die Dörfer und ziehen in Städte. Orte wie das Eifeldorf Eisenschmitt kämpfen ums Überleben.

Sprecher:
Für Deutsche und ausländische Besucher gilt sie als idyllisches Erholungsgebiet: die Eifel. Die Mittelgebirgsregion im Westen Deutschlands erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 5300 Quadratkilometern bis zu den Nachbarländern Belgien und Luxemburg. Wie viele ländliche Regionen in Deutschland steht auch die Eifel vor dem Problem, dass junge Leute zum Studium oder zur Arbeit in die Städte ziehen und die Älteren in den Dörfern zurückbleiben. Das trifft auch auf das Eifeldorf Eisenschmitt zu. Laut einer Statistik hat der Ort, der nahe der rheinland-pfälzischen Stadt Manderscheid liegt, nur noch 279 Einwohner, halb so viele wie in den 1970er Jahren. Die abnehmende Bewohnerzahl hat auch Konsequenzen für die Infrastruktur, wie Ortsbürgermeister Georg Fritzsche erklärt:

Georg Fritzsche:
„’Ne Kindertagesstätte und Schule für Körperbehinderte oben im Wald, was eine vorbildliche Schule für Behinderte war, also die dann auch aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurde. Damit sind auch Arbeitsplätze verloren gegangen. Da waren natürlich bei Behinderten viele Leute, die zu Fuß zur Arbeit gehen konnten, ’n Stunden-, Teilzeit- oder sogar Fulltimejob hatten.“

Sprecher:
In Eisenschmitt mussten die Kindertagesstätte, eine besondere Form eines Kindergartens, und die Körperbehindertenschule, eineEinrichtung für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, schließen. Es gab zu wenig Schüler und Behinderte. Es war nicht wirtschaftlich, die Einrichtungen zu betreiben. Arbeitsplätze gingen verloren – egal, ob auf Stundenbasis oder in Vollzeit, in Fulltime, gearbeitet wurde. Kinder und Körperbehinderte besuchen nun Einrichtungen in benachbarten Orten. Außerdem schloss vor Jahren die einzige Bank im Dorf, Ärzte und Apotheken gibt es nicht. Die sogenannte „Landflucht“ begann etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. In Eisenschmitt gab es große Vorkommen von Eisenerz. Aus dem Gestein wird durch Erhitzen in Öfen Roheisen erzeugt, die Grundlage für Stahl. In den Wäldern wurde die Holzkohle zum Heizen gewonnen, am Fluss Salm produzierten zahlreiche Mühlen durch Wasserkraft Energie. Damals lebten etwa 1350 Menschen in dem Ort. Dann rückte die Industrieproduktion näher an die Großstädte des Rhein-/Ruhrgebiets heran, weil unter anderem die Transportwege kürzer waren. Die Männer waren gezwungen, der Arbeit „hinterherzuziehen“. Sie kamen nur zweimal pro Jahr nach Hause. Die Frauen erledigten alle Haus- und Feldarbeiten. Der ehrenamtlich arbeitende Ortsbürgermeister Georg Fritzsche versucht, ein völliges „Dorfsterben“ zu verhindern, indem er Werbung macht.

Georg Fritzsche:
„Wir bieten jetzt hier nicht ’n Begrüßungsgeld oder Ähnliches. Die Anreize kann man natürlich da drin sehen, in einem anerkannten Erholungsort, in gesunder Landschaft und Luft, aber auch in bezahlbaren Mieten, und hier sind auch noch Baugrundstücke zu Preisen zu bekommen, die erschwinglich sind in der heutigen Zeit.“

Sprecher:
Wer nach Eisenschmitt zieht, sollte nicht damit rechnen, als Dankeschön ein Begrüßungsgeld zu erhalten. Der Begriff stammt noch aus den Zeiten, als Deutschland geteilt war. Jeder Bürger der damaligen DDR sowie der früheren Volksrepublik Polen, der eine deutsche Abstammung nachweisen konnte und in die Bundesrepublik einreiste, erhielt jährlich eine Unterstützung von zunächst insgesamt 60, dann 100 D-Mark. Ende 1989 – nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze – wurde die Zahlung des Begrüßungsgeldes eingestellt. Für Georg Fritzsche ist der Vorteil, in der Eifel zu wohnen, unter anderem, dass es kaum Luftverschmutzung gibt. Eisenschmitt ist als Erholungsort staatlich anerkannt, weil Luft und Klima gut für die Gesundheit sind. Außerdem sind das Wohnen und der Hausbau in dem Ort preiswerter als in der Stadt. Man kann es sich leisten, es ist erschwinglich. Aber auch das Verhalten der Menschen ist anders als in der Großstadt. Diese Erfahrung hat zumindest Ben gemacht.

Ben:
„Ich bin sehr einfach gestrickt – trotzdem ziemliches Allgemeinwissen, ziemliche Bildung, um die ich nichts gebe. Aber hier draußen sind andere Werte gefragt: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit – das hab’ ich beobachtet. Die Menschen hier sind sehr zuverlässig. Wenn die sagen: ‚Ich würde gern dann und dann zu Ihnen kommen’, oder ‚Reservieren Sie mir das und das’, dann sollte man das unbedingt ernst nehmen. Man braucht nicht viel in der Eifel. Hier brauchen Sie keine goldenen Kettchen und goldene Uhren und ’n dollen Schlitten. Wenn man das möchte, kann man das. Aber man muss so was hier nicht haben.“

Sprecher:
Ben und seine Frau zogen Ende der 1990er Jahre aus Köln in das Eifeldorf. Von sich selbst behauptet er, einfach gestrickt zu sein – wie ein Pullover ohne kompliziertes Muster. Er stellt keine großen Ansprüche – so wie auch die Menschen in der Eifel, hier draußen wie er sagt. Für sie sind Werte wie Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit wichtiger als das äußere Erscheinungsbild oder eine Hochschulbildung. Für sie zählt es nicht, dass jemand beispielsweise ein sehr schönes Auto fährt, einen dollen Schlitten wie Ben umgangssprachlich sagt. Stattdessen wollen sie sich darauf verlassen können, dass Termine oder Absprachen eingehalten werden. Ben gebraucht statt einer genauen Zeitangabe und eines Objektes die in der Umgangssprache üblichen Floskeln „dann und dann“ beziehungsweise „das und das“. Aber Ben und seine Frau mussten auch erfahren, dass Zugezogene nicht immer akzeptiert werden von denjenigen, die schon immer in dem Ort gelebt haben. So nutzte ein einflussreicher Hotelier seine Beziehungen, um den Umbau des Hauses, das Ben und seine Frau gerade erworben hatten, zu stoppen. Er fürchtete die Konkurrenz eines angeblichen Gastwirts. Denn eigentlich verkaufen Ben und seine Frau besondere Möbel und Lampen. Auch Peter und seine Familie haben nicht nur gute Erfahrungen mit den Eifelern gemacht. Sie wollten einen Ferienpark mit Blockhäusern im alpenländischen Stil errichten.

Peter:
„Da kann ich ’n Buch von schreiben, wie das hier ist, so was auf den Weg zu bringen und da einige Behörden extra ihren Senf dazugeben mussten. Das ist schon ’n Abenteuer für sich gewesen.“

Sprecher:
Peter brauchte Jahre, um seine Idee zu verwirklichen, um sein Projekt auf den Weg zu bringen. Er kann ein Buch darüber schreiben, was er alles erlebte. Es ähnelte einem Abenteuer, es war ein Abenteuer für sich. Die Baubehörden bezweifelten, dass solche Bauten in die Eifeler Landschaft passen und bemängelten, dass der Ferienpark zu nahe an einem Bauerhof läge. Außerdem wollten manche Behörden auch ihre Zustimmung geben, sie mussten – wie es Peter umgangssprachlich formuliert – ihren Senf dazugeben, ihre Meinung äußern. Jahrelang wurde vor Gericht gestritten. Nun stehen fünf individuelle Holzhäuser am Hang über Eisenschmitt. Peters Ehefrau Maria versucht, trotz des großen Ärgers das Positive an einem Leben in dem Eifeldorf hervorzuheben:

Maria:
„Es ist hier im Dorf keiner arbeitslos, ne. Ich mein’, das ist ja auch ’ne tolle Sache, irgendwo.“




Fragen zum Text

Ben ist der Ansicht, dass …
1. die Eifeler einfach gestrickt sind.
2. nur Menschen mit Geld von Eifelern akzeptiert werden.
3. Eifeler Menschen schätzen, die ihr Wort halten.

Was kann nicht erschwinglich sein?
1. Ein Fahrrad
2. Ein Mensch
3. Ein Laib Brot

Wer meint, zu allem etwas sagen zu müssen, …
1. schmiert anderen den Honig um den Mund.
2. ist ein Abenteuer für sich.
3. gibt ihren/seinen Senf dazu.


Arbeitsauftrag
Lies dir diesen Beitrag genau durch: http://bit.ly/18d6gLP. Fasse den Inhalt zusammen. Beantworte dabei folgende Fragen: Was unternehmen deutsche Gemeinden gegen „Landflucht“? Auf welche Probleme stoßen sie? Welche Lösungen wurden in der als Beispiel genannten Gemeinde Wallmerod gefunden?

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