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Europa

Dorfleben mit Perspektive für Roma

Das Dorf Stejaris in der Nähe von Sibiu in Rumänien zeigt, wie Roma die Armut überwinden können. Das Erfolgsrezept: schulische und berufliche Ausbildung - und gegenseitige Akzeptanz der im Dorf lebenden Kulturgruppen.

Schon der Weg ins Dorf bietet eine Überraschung: Auf dem Ortsschild steht nicht nur die rumänische, sondern auch die deutsche Bezeichnung dieser ursprünglich von deutschen Siedlern gegründeten Ortschaft: Probstdorf. Heute leben hier nur noch wenige Rumäniendeutsche. Die meisten sind nach dem Ende der kommunistischen Diktatur (1989) in die Bundesrepublik gezogen. Schätzungen zufolge sind heute etwa 85 Prozent der Dorfbewohner Roma, die häufig in den alten Häusern der ausgewanderten Rumäniendeutschen wohnen. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn bei den letzten Volkszählungen haben sich überall im Land viele Roma als Rumänen bezeichnet: Zu groß war ihre Angst vor möglichen Diskriminierungen.

Über die ungepflasterte Dorfstraße fährt ein Pferdewagen, der Heu geladen hat: Futter für die Pferde des britischen Thronfolgers. Prinz Charles, der diese Gegend oft besucht, hat im Nachbardorf einen alten Bauernhof gekauft und saniert. Dadurch sind neue Verdienstmöglichkeiten entstanden - auch für einige Bauern aus Stejaris.

Ein Schuljunge mit einer Bayern-München-Mütze aus dem Dorf Stejaris (Foto: DW/Stefanescu)

Die Kinder werden mit einem Kleinbus in die Schule im Nachbardorf gebracht

Nach der politischen Wende von 1989 kam auch ein österreichischer Ingenieur ins Dorf, um den Einwohnern in den Wirren der Übergangszeit von der kommunistischen Diktatur zur Demokratie beizustehen. Wolfgang Hosiner gründete 2007 zusammen mit Barbara Schöfnagel, die früher Attachee für soziale Angelegenheiten der österreichischen Botschaft in Bukarest war, die Stiftung Au-Ro (Österreich-Rumänien), die soziale Projekte in Rumänien umsetzt.

Schulbus für die Kinder

Eines dieser Projekte soll den Einwohnern von Stejaris zugute kommen. Barbara Schöfnagel erklärte wiederholt in Interviews, dass dieses Dorf ideal für eine solche Initiative sei: Denn hier funktioniere das Zusammenleben der Roma, Rumänen und Deutschen besonders gut. Das bestätigt auch der deutschstämmige Dorfbewohner Misch Gierling, der am Projekt mitarbeitet. Um wirtschaftlich aufholen zu können, wird den Roma eine fundierte Berufsausbildung geboten. Inzwischen sind einige in der Metall- oder Holzverarbeitung tätig. Ausgebildet wurden sie von ehrenamtlichen Senior-Experten aus Deutschland und Österreich.

Zwei Dorfbewohner, die in der Milchproduktion arbeiten - der eine von ihnen gießt Milch aus einem Eimer in einen großen Topf (Foto: DW/Stefanescu)

Einige der Dorfbewohner arbeiten in der Milchproduktion

Zum Projekt der Stiftung Au-Ro in Stejaris gehört neben der Ausbildung der Erwachsenen auch die Schulbildung der Roma-Kinder: Damit sie die vier Kilometer entfernte Schule im Nachbardorf besuchen können, hat die Stiftung einen Kleinbus angeschafft. "Heute gibt es auch unter den Roma-Kindern praktisch keinen einzigen Schulabbrecher mehr", erzählt Mathematik-Lehrerin Adela Gierling, die die Kinder unterrichtet.

"Keiner ist von hier weggezogen"

Viele der Erwachsenen arbeiten heute in der Landwirtschaft, bestellen ihre Felder oder züchten Kühe. Die Milch verkaufen sie an zwei Großbetriebe. "Keiner ist von hier weggezogen", erzählen mehrere Dorfbewohner stolz: Auch nicht nach West-Europa, um zu betteln oder Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen.

Misch Gierling schließt die Türe des Kirchturms auf (Foto: DW/Stefanescu)

Misch Gierling ist einer der letzten Deutschstämmigen im Dorf

Zwar fahren einige von ihnen jedes Jahr nach Deutschland, wo sie als Saisonarbeiter verhältnismäßig gut verdienen. Aber sie kommen zurück, renovieren mit dem Geld und mit der Unterstützung der Stiftung Au-Ro ihre Häuser, kaufen sich kleine Traktoren und landwirtschaftliches Gerät. Der Aufschwung ist sichtbar in Stejaris - auch bei den Roma.

Im Sommer pflücken sie Waldfrüchte in den umliegenden Wäldern, die dann im Dorfbetrieb zu Marmelade oder Schnaps verarbeitet werden. Auch eine kleine Fabrik im alten evangelischen Pfarrhaus neben der Kirchenburg gehört zum langfristig angelegten Projekt der Stiftung Au-Ro. Die begehrten Produkte werden nicht nur in Rumänien, sondern auch in Wien verkauft.

"Die Stiftung hat mein Leben verändert"

Dorfbewohnerin Felicia vor einem Regal mit selbstgemachten Produkten (Foto: DW / Stefanescu)

Auch Dorfbewohnerin Felicia arbeitet für die Stiftung Au-Ro

Es ist Abend in Stejaris. Im alten evangelischen Pfarrhaus versammeln sich einige Dorfbewohner zum Plausch. Felicia ist eine der Frauen, die eine Festanstellung bei der Stiftung Au-Ro hat. Ihr Mann ist Schmied und arbeitet in seiner eigenen Werkstatt. Früher lebten sie in einer dürftig gedeckten Hütte, heute wohnen sie in einem hübschen kleinen Haus. "Die Stiftung hat mein Leben und das der anderen Dorfbewohner von Grund auf verändert", erzählt sie strahlend.

300.000 Euro an Direktinvestitionen sind bisher in das Projekt geflossen - und rund 15.000 freiwillige Arbeitsstunden der deutschen und österreichischen Senior-Experten. "Der Einsatz hat sich gelohnt", sagt Misch Gierling. Mit den gespendeten Hilfsgütern von Firmen und Stiftungen aus Rumänien und Österreich seien dem Dorf insgesamt eine Million Euro zugute gekommen. Deutsche, Österreicher, Rumänen und Roma - sie alle haben dazu beigetragen, dass Stejaris/Probstdorf heute ein Vorzeige-Projekt geworden ist. "Und irgendwann werden auch die Roma ihre ethnische Zugehörigkeit nicht länger verschweigen", sagt eine alte Dorfbewohnerin. Obwohl das gar nicht so wichtig sei: "Wichtig ist, dass es allen gut geht in unserem Dorf."

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