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Politik

Dorasan - der koreanische Geisterbahnhof

Die Hostessen strahlen in Südkoreas modernster Bahnhofshalle um die Wette. Der chromblitzende Bahnhof Dorasan macht mehr her als die Stationen im 56 Kilometer entfernten Seoul. Nur die Fahrgäste fehlen - noch.

Militärpolizist vor Bahnhofschild in Dorasan

Einsamer Militärpolizist bewacht den Geisterbahnhof

Auf einem riesigen Plakat gleitet ein Schnellzug durch blühende Landschaften. Himmelblau leuchtet im Hintergrund ein Schriftzug "Nach Pjöngjang". Soldaten im Tarnanzug posieren bereitwillig mit Touristen. Denn sonst kommt niemand nach Dorasan, zu diesem nördlichsten Bahnhof Südkoreas, gleich an der Grenze zum verfeindeten Bruderstaat Nordkorea. Denn die Halle füllt sich nur, wenn Busladungen einheimischer und ausländischer Touristen hereinströmen, nachdem sie einen Blick über den Stacheldraht in den Norden geworfen haben. Über die noch immer am schärfsten bewachte Grenze der Welt.

Trügerischer Name

Die Wiedervereinigung hat schon mehr als 50 Jahre Verspätung. Der Koreakrieg, der von 1950 an drei Millionen Menschenleben forderte, ist offiziell noch gar nicht zu Ende. Völkerrechtlich gesehen befinden sich beide Staaten noch im Kriegszustand, denn es gibt keinen Friedensvertrag, nur den Waffenstillstand von 1953, der das Land längs des 38. Breitengrades geteilt hat.

Der unverheilte Schnitt durch die koreanische Halbinsel ist 4 Kilometer breit und 238 Kilometer lang. Die so genannte demilitarisierte Zone stand lange in trauriger Konkurrenz mit der Berliner Mauer. Ihr Name jedoch trügt. Statt demilitarisiert ist sie mit Panzersperren und Minen gespickt. Gleich hinter ihr stehen sich 1,1 Millionen nordkoreanische Soldaten und 650.000 Südkoreaner gegenüber, zusammen mit 6000 US-Soldaten, die restlichen 25.000 US-Soldaten sind weiter südlich in permanenter Alarmbereitschaft.

Doch nach einer Eskalation sieht es derzeit nicht aus. Stattdessen mehren sich die Zeichen, die auf eine vorsichtige Annäherung hindeuten. Hilfslieferungen aus dem Süden in den Norden wurden vereinbart, Familienbegegnungen; möglicherweise sogar tatsächlich ein Aussetzen des nordkoreanischen Atomprogramms.

Von Seoul nach Paris

Irgendwann wird auch in Dorasan das Warten ein Ende haben. Dann wird er endlich rollen, der erste Zug nach 50 Jahren Unterbrechung. Manches spricht dafür, dass der Tag nicht mehr so fern ist, an dem die Augen der Welt nach Dorasan blicken. An dem Politiker die Zukunft beschwören und die ersten Passagiere ihre Fahrkarten lösen - nach Pjöngjang in die 205 Kilometer entfernte Hauptstadt Nordkoreas.

Die Streitkräfte Süd- und Nordkoreas haben am Freitag (12.5.07) schon mal den Weg für die ersten Zugfahrten auf Strecken über die Grenze zwischen beiden Ländern seit mehr als einem halben Jahrhundert freigemacht. Schon nächste Woche könnten die ersten Züge rollen.

Zug auf Brücke

Irgendwann soll wieder ein Zug über die Grenze rollen

Die nötigen Schienen liegen bereits, Brücken sind gebaut, aber noch sind die Schranken geschlossen. Trotzdem macht sich allmählich selbst in diesem bisher so hochgerüsteten und entsprechend strukturschwache Grenzgebiet Hoffnung breit. Schon jetzt fährt drei Mal täglich ein - zugegeben menschenleerer - Zug von Seoul bis zu diesem toten Ende - und kehrt wieder um. Ganz optimistisch heißt er "Tongil" - Vereinigung. Und der einsame Bahnhof an der Grenze nennt sich offiziell "Internationaler Bahnhof Dorasan". Denn eines Tages sollen die Züge von hier über Nordkorea bis Paris rollen. Irgendwann einmal.

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