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Deutschland

Doppelte Moral und menschliche Schwäche

Michel Friedman ist in den Schlagzeilen: Der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrates der Juden findet sich mitten in einem Skandal um Drogen und Prostituierte - was Peter Philipp kommentiert.

Es ist mal wieder sommerliche Saure-Gurken-Zeit für die deutschen Medien. Mit Diskussionen über Reformprogramme, die den Bürger letztlich nur mehr kosten oder länger arbeiten lassen, wird man zwar noch tagtäglich überschüttet, aber: Wer nimmt das wirklich noch ernst? Wer blickt da noch durch? Größere Kriege scheint es auch gerade nicht zu geben und eine Ministerin, die Flutspenden in die eigene Tasche geleitet hat? Nichts, was Auflage oder Quote steigern könnte.

Wenn es nicht Michel Friedman gäbe: Der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland und für viele wegen seines provozierenden Stils bestgehasster Talk-Gastgeber im deutschen Fernsehen liefert manchen Zeitungen und Zeitschriften seit Tagen den Stoff, mit dem Auflagen gesteigert werden. Und das, weil man bei ihm anderen Stoff gefunden hat: Kokain. Zumindest als kleinen Rest in drei "szeneüblichen" Tütchen. So ließ die Staatsanwaltschaft wissen, nachdem sie Friedmans Wohnung und Anwaltskanzlei durchsucht hatte. Es dauerte eine geschlagene Woche, bis diese Staatsanwaltschaft zum Fall Friedman Nachrichtensperre verhängte.

Eine Woche, in der sie eifrig mitgewirkt hatte bei der Verbreitung von Nachrichten, Vermutungen, Spekulationen und Verdächtigungen zum Fall, die dann in den Medien genüsslich weitergesponnen wurden: War der Drogenverdacht zunächst angeblich nur das zufällige Nebenergebnis der Fahndung nach einem Ring von Frauenhändlern, so wurde Friedman bald mit diesem Milieu in Verbindung gebracht: Er habe Umgang mit Prostituierten gepflegt, an "wilden Orgien" teilgenommen und vieles andere mehr.

Für manchen war das Wasser auf die Mühlen. War Friedman doch auch deswegen vielen so unsympathisch, weil er immer wieder von Moral sprach und von Aufrichtigkeit. Und nun sollte gerade solch einer der Unmoral entlarvt worden sein und der Unaufrichtigkeit? Warum sollte man da noch auf Beweise warten? Das passte doch alles wunderbar zusammen. Zumal Beweise ja im Grunde auch nichts beweisen: Kokain zu nehmen ist nach deutschem Recht nicht strafbar und die deutsche Öffentlichkeit hat sich längst mit solchen Fällen abgefunden – die vom prominenten Chefredakteur über den Liedersänger oder den Fußballtrainer bis jetzt zum Anwalt und TV-Moderator.

Alle haben sie ihren Drogenskandal längst unbeschadet überstanden. Jetzt aber spekulieren verschiedene Medien, ob die Karriere von Friedman wohl beendet sei und es werden sogar Umfragen veröffentlicht, nach denen eine Mehrheit meint, er solle wohl von der Führung des Zentralrats der Juden zurücktreten. So, als hätten die Befragten darüber zu entscheiden.

Dass Friedman prominenter und auch exponierter Jude ist, hat mit dem Fall überdies nichts zu tun. Oder so sollte es jedenfalls sein. Und ein Politikum ist der Fall auch nicht, wie im Berliner "Tagesspiegel" zu lesen war: "Wer Alkohol im Übermaß oder eine illegale Droge konsumiert, offenbart eine menschliche Schwäche. Sie wird erst dann ein politischer Faktor, wenn der Konsument von Amts wegen Gesetzestreue durchzusetzen hat. Friedman ist jedoch weder Innensenator noch Polizeipräsident."

Bleibt die Frage der "doppelten Moral", aber sie trifft wohl mehr auf die Gesellschaft – und auch die Medien – zu, solange Alkohol, Tabak und andere "leichte" Drogen salonfähig sind und selbst daran Süchtige noch Publikumslieblinge sein können. Beispiele hierfür gibt es ja genug.

  • Datum 23.06.2003
  • Autorin/Autor Peter Philipp
  • Schlagwörter friedman
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  • Permalink http://p.dw.com/p/3lcU
  • Datum 23.06.2003
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