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Sport

Doppelkarriere: In zwei Sportarten erfolgreich

Die meisten Leistungssportler haben mit einer Karriere rundum genug. Doch es gibt auch Athleten, die höchst erfolgreich auf zwei Hochzeiten tanzen. Nicht immer zur Freude ihrer Trainer.

Bobfahrer Christoph Langen. Foto: dpa-pa

Christoph Langen - erst Zehnkämpfer, dann Bobfahrer

Bereits ein Sport allein fordert, wenn man hoch hinaus will, die volle Energie. Insofern ist es schon Luxus, an eine zweite Sportart zu denken. Oder bloße Neugier? Die 22-jährige Lisette Thöne jedenfalls wollte den Sprung von der Schönwettersportlerin zu einer Wintersportlerin schaffen: "Ich mache zum einen Weitsprung. Da muss ich kurz vor dem Brett die Maximal-Geschwindigkeit haben." Wenn Thöne jedoch am Bob steht, um im nächsten Moment "zu explodieren“, müsse sie sofort alles geben. Das sei der große Unterschied.

Bei ihr begann es 2009 mit einem Probetraining in Winterberg in Nordrhein-Westfalen. Ein Bobtrainer hatte die blonde Weitspringerin angesprochen. Thöne reizte der Wechsel vom Stadion zum Eiskanal. Wenig später schob die 22-Jährige im Europacup den Bob an. Die Erfolgsaussichten waren ein wichtiger Wechselgrund. Mit einer Bestleistung von 6,11 m lässt sich keine deutsche Meisterschaft im Weitsprung gewinnen. Im Bobsport dagegen ist die Konkurrenz überschaubar und irgendwann der Weltcup in Reichweite. Wenn alles toll läuft, ist sogar eine Olympiateilnahme möglich.

Viele Leichtathleten im Bobsport

Die deutsche Bobfahrerin Romy Logsch, Foto: Tobias Hase dpa/lby

Romy Logsch - vom Diskus zum Bob

Gelernte Leichtathleten sind im Bob immer gefragt. Mit ihrer Schnellkraft gelten sie als gute Anschieber. Beispielsweise Romy Logsch, die früher den Diskus 57 Meter weit warf, damit zur nationalen Spitze gehörte und heute erfolgreich den Bob im Weltcup anschiebt. Zweites Beispiel: Der heutige Bob-Bundestrainer Christoph Langen: Er begann als Zehnkämpfer und wechselte in den Eiskanal, wo er schließlich Olympiasiege feierte! Doch ist meist mit dem Einstieg in den Bob das Ende der Sprinter- oder Springerkarriere besiegelt.

Studentin Lisette Thöne wechselt noch immer zwischen Leichtathletik und Bobsport, aber die Zeichen stehen eher auf Anschieberin. Das Dauerproblem für Athleten, die zwei Sportarten auf hohem Niveau betreiben, ist der Zeit- und Energieaufwand: Bobfahren bedeutet viele Fernreisen. Ein geordnetes Lauf- und Sprung-Training ist kaum möglich, weiß Lisette Thöne. Außerdem steht beim Bob das Krafttraining im Vordergrund, was zu viel Körpermasse für den Weitsprung schafft.

Trainer als Bedenkenträger

Skisprung-Weltmeisterin Daniela Iraschko. Foto: dpa

Daniela Iraschko - Skisprung-Weltmeisterin und Fußballerin

Der zweite Knackpunkt: Wer zwei Karrieren verfolgt, steigert die Verletzungsgefahr. Zumindest kommt das so im Kopf des Trainers an. Schon mit 16 Jahren war für Jenna Mohr aus Willingen Schluss mit der "Doppelhochzeit". Im Fußball spielte sie Landesliga, im Skispringen kam sie allmählich in die nationale Spitze. Da meinten die Trainer, sie müsse sich entscheiden, entweder professionell Skispringen oder Fußball. Jenna Mohr hängte die Fußballschuhe an den Nagel. Immerhin wurde sie bei der Skisprung-WM 2009 Fünfzehnte.

Konsequent zweigleisig fährt hingegen Daniela Iraschko: Die Österreicherin hütet im Sommer das Tor des Bundesligisten Wacker Innsbruck. Im Winter zählt für die 27-Jährige nur das Skispringen. Iraschko wurde im Februar 2011 sogar Weltmeisterin. Im Fußball findet sie den perfekten Ausgleich: "Ich denke, dass es der Sprungtrainer mittlerweile akzeptiert und sagt: Wenn es dich glücklich macht, dann mache es."

Doch den Trainer beschäftigt weiterhin die Angst, dass sie sich im Tor verletzt . Ob Iraschko künftig weiterhin Bälle hält, ist fraglich: Im Herbst führt der Welt-Skiverband FIS den Weltcup der Skispringerinnen ein. Dann werden womöglich Sponsoren der Torfrau in die Parade fahren.

Selten Blick über den Tellerrand

Doppelkarrieren werden künftig noch unwahrscheinlicher. Immer höher werden die internationale Leistungsdichte und der damit geforderte Trainingsumfang. "Probephasen“ für mehrfach begabte Sportler werden seltener. Dabei wissen diese oft erst nach jahrelangem Training, wo sie die besten Aussichten haben. Für den Leiter des Olympia-Stützpunkts Rheinland, Michael Scharf, gibt es im deutschen Sportsystem noch allerhand Nachholbedarf bei so genannten "Talent-Transfer-Programmen“. Oft vermissten die Trainer hierzulande den Blick über den Tellerrand und die Einsicht, die Sporttart zu wechseln, wenn es erfolgversprechend erscheint.

Das sei in Deutschland sehr schwierig und werde auf jeden Fall in den anglo-amerikanischen Ländern besser gelöst, sagt Scharf. Am ehesten scheinen Doppelkarrieren im Ausdauersport möglich: Die US-Amerikanerin Beth Heiden war 1979 Mehrkampf-Weltmeisterin im Eisschnell-Lauf, 1980 Rad-Weltmeisterin im Straßenrennen – mit gerade einmal 21 Jahren.

Auch Behindertensportler wechseln erfolgreich das Lager

Andrea Eskau auf ihrem Skischlitten. Foto: UPI

Andrea Eskau - Edelmetall mit Handbike und Skischlitten

Sportler mit Handicap haben meist weniger Konkurrenz als Nicht-Behinderte. Ob Doppelkarrieren für sie in jedem Falle leichter sind, muss bezweifelt werden. Oft sind Sportgeräte derart teuer, dass Behinderte kaum Chancen zum Ausprobieren haben, berichtet Paralympics-Siegerin Andrea Eskau, die für ein gutes Renn-Handbike 7000 bis 8000 Euro bezahlen muss. Die Ausdauersportlerin aus dem rheinischen Bergheim kombiniert – ähnlich wie Beth Heiden – Rad- und Wintersport. Nur ist die querschnittgelähmte Psychologin inzwischen 40 Jahre alt und nach wie vor extrem siegeshungrig. "Freunde sehen mich als wildes Huhn oder verrückte Nudel, die alles mitmachen muss", sagt Eskau.

2008 bei den Paralympics in Peking holte sie Gold mit dem Handbike und mischte sich dann unter die Skilangläufer. Der Skischlitten war zunächst nur ein zusätzliches Trainingsgerät. Ihr Traum damals: die Paralympics 2010 in Vancouver. Ein paar Trainingsmonate reichten ihr für die Winterspielpremiere. Eskau holte im Langlauf und Biathlon Edelmetall. Die Paralympics in London 2012 und Sotschi 2014 hat sie fest im Blick. Einen solchen Doppelstart hält Eskau im Nichtbehinderten-Bereich für unmöglich: "Da muss man sich spezialisieren. Die Teilnehmerfelder sind größer, ein wesentlich stärkeres Hauen und Stechen als bei uns!"

Autor: Gerd Michalek
Redaktion: Wolfgang van Kann

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