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Geschichte

Doping im vereinten Deutschland: Von alten und neuen Systemzwängen

Im Sport war die DDR der Bundesrepublik überlegen – in den Kalten Krieg auf der Aschenbahn wurde massiv investiert. Doping war dabei Mittel zum Zweck. Das Kapitel ist noch immer nicht abgeschlossen.

Vor einer wehenden DDR-Flagge hält eine Hand eine Spritze (Fotos: dpa, Montage: DW)

Die DDR war der Bundesrepublik in vielen Bereichen unterlegen - im Sport aber triumphierte sie: In den 20 Jahren ihrer alleinigen Teilnahme konnte die DDR 409 Medaillen bei Olympischen Sommer- und 110 Medaillen bei den Winterspielen erringen. Mehrfach stand der sozialistische Staat auf Rang drei oder gar zwei des Medaillenspiegels - vor der Bundesrepublik. Doch für den sportlichen Erfolg war nicht nur die frühe und gute Sportförderung verantwortlich.

Doping für 13-Jährige

Die DDR-Mannschaft bei den Sommerspielen 1972 in München läuft ins Stadion ein (Foto: dpa)

Olympia 1972: Einnmarsch der DDR-Mannschaft

"Seit 1966 wurde massiv gedopt. Und spätestens seit 1969 flächendeckend in fast allen Olympiasportarten", sagt der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler von der Universität Potsdam. Sportliche Talente wurden früh gefördert, die Besten nahm man schließlich ins nationale Doping-Programm auf. Das Doping-System sei - auf dem Papier - streng wissenschaftlich gewesen, sagt Teichler. Die Athleten erhielten leistungssteigernde Mittel von ihren Trainern, diese wiederum erhielten Doping-Pläne von sogenannten Sektionsärzten. Da es früher noch keine Trainings-, sondern nur Wettkampf-Dopingkontrollen gab, war es möglich, gezielt an sportliche Wettkämpfe "heranzudopen". Vor internationalen Wettbewerben testete man die Sportler im Dopingkontroll-Labor in Kreischa und hielt sie bei Auffälligkeiten zurück.

Heute ist bekannt, dass schon der Nachwuchs gedopt wurde - bei den Schwimmern bereits im Alter von 13 Jahren. Dabei war das Anabolikum "Oral-Turinabol" weit verbreitet. Das künstlich hergestellte Testosteron fördert unter anderem den Muskelaufbau und die Aggressivität. Wissenschaftler gehen davon aus, dass 6000 bis 8000 DDR-Leistungssportler gedopt wurden.

Schwere Folgen

Ein Doping-Analytiker hält Reagenzgläser Urinproben in den Händen (Foto: AP)

Urinproben werden auf das Dopingmittel EPO getestet

Viele Athleten leiden noch immer an den Spätfolgen. Deshalb setzt sich die ehemalige DDR-Sprinterin Ines Geipel weiterhin für die Opfer ein. "Es gibt mittlerweile eine ziemlich lange Todesliste, es gibt behinderte Kinder, es gibt schwerste Hormonstoffwechselstörungen, es gibt massive Krebsfälle und bei Frauen gibt es sehr harte Virilisierung, also Vermännlichungen", sagt sie.

Obwohl die Doping-Geschichte der DDR nach der Wiedervereinigung zunehmend ans Licht kam, blieben Konsequenzen häufig aus. Doping-Opfer und Kritiker beklagen oft, dass bundesdeutsche Sportverbände auch DDR-Trainer mit Doping-Vergangenheit beschäftigen. Der frühere Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), Manfred von Richthofen, räumt heute ein: "Man wollte von den Erfolgen der DDR profitieren. Und insofern war man bei dem Zusammenschluss der beiden Sportorganisationen nicht an einer Beschädigung der Aktiven, der Trainer und der Ärzte interessiert."

"In der Bundesrepublik wurde weggesehen"

Geschädigte mussten lange für ihre Rechte kämpfen. Nach vielen Prozessen erhielten rund 170 anerkannte Doping-Opfer vom DOSB eine einmalige Entschädigungszahlung in Höhe von 9250 Euro. Außerdem einigte sich der Verein "Doping-Opferhilfe" mit dem Pharmahersteller Jenapharm auf eine weitere Abfindung in gleicher Höhe. Jenapharm hatte zu DDR-Zeiten Doping-Mittel weitergegeben, die noch gar nicht abschließend erforscht waren. Der Kampf um Entschädigung ist aber noch nicht abgeschlossen. Opfer, die infolge der Mittel arbeitsunfähig sind, prozessieren noch heute und fordern zum Beispiel eine lebenslange Entschädigungsrente.

Auch in Westdeutschland sei Doping noch in den 1970-er und 1980-er Jahren von namhaften Sportärzten toleriert worden, solange es unter ärztlicher Aufsicht passierte, sagt Göttrik Wewer, Vorsitzender der Nationalen-Anti-Doping-Agentur (NADA). "Aber in der DDR war Doping Staatspolitik und in der Bundesrepublik wurde möglicherweise eher weggesehen." Die klare Null-Toleranz-Linie in Sport und Politik habe sich erst in den vergangenen 20 Jahren entwickelt.

Systemzwänge nach dem Systemwechsel

In der DDR, das haben verschiedene Prozesse gezeigt, wussten Sportler teilweise nicht, dass sie dopen oder welche Folgeschäden sie davon tragen würden. Auch heute ist vielfach ungeklärt , wie sich Doping auswirkt - so können die langfristigen Folgen von Blut- und Gendoping noch nicht abgeschätzt werden – doch für den sportlichen Erfolg blenden Athleten dies aus. Wilhelm Schänzer, Leiter des Biochemischen Instituts der Sporthochschule Köln, glaubt, "dass Sportler zum Teil die Schäden unterschätzen, vielleicht vergleichbar zum Raucher."

Systemzwänge bestehen auch 20 Jahre nach dem Ende der DDR weiter, sagt der Heidelberger Doping-Forscher Gerhard Treutlein. Denn Athleten und Verbände sind auf Ausnahmeleistungen angewiesen, um Sponsoren zu finden oder mit öffentlichen Mitteln gefördert zu werden. Treutlein nennt das "organisierte Unverantwortlichkeit". So sei die Teilnahme an Olympischen Spielen in einigen Disziplinen an Leistungsvoraussetzungen geknüpft, die ohne Doping zum Teil kaum erreichbar seien: "Und wenn etwas passiert, ist immer nur der Athlet verantwortlich - und alle anderen sind fein außen vor."

Autorin: Franziska Schmidt

Redaktion: Dеnnis Stutе