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Filme

Donald Trump und die Selbstjustiz - Interview mit dem Filmexperten Peter Vogl

Er ist großspurig, geht seinen Weg und lügt. Das sind einige Parallelen zwischen Trump und den Helden des Vigilantenfilms. Peter Vogl erklärt im DW-Interview, was der Präsident mit dem Selbstjustizkino gemeinsam hat.

Deutsche Welle: Herr Vogl, Sie haben in Ihren Buch Filme zum Thema Selbstjustiz untersucht, ein Thema, das vor allem im US-amerikanischen Kino sehr häufig vorkommt. Sie verwenden den Begriff Vigilantismus, definieren ihn als eine bestimmte Form von Rache/Selbstjustiz. Was macht Vigilantismus genau aus?

Peter Vogl: Vigilantismus ist eine konservative, systemstützende Form von Selbstjustiz. Die Vigilanten in meinem Buch wollen nicht Rache üben oder ein persönliches Unrechtsgefühl tilgen, sondern wenden "selbstlose Selbstjustiz" im Dienste der Allgemeinheit an. Sie brechen mit gewaltsamen Handlungen das Gesetz, um dem Gesetz und einem höheren Wohl zu dienen.

Bildergalerie 10.Todestag Charles Bronson (picture-alliance/dpa)

Noch sitzt er ruhig in der Ecke, gleich sieht er rot: Charles Bronson (l.) in "Ein Mann sieht rot"

Einige Punkte ihrer Definition erinnern in diesen Tagen fatal an das Weltbild von Donald Trump - welche sind das?

Trump erinnert in der Tat stark an typische Narrative der Vigilantenfilme: Er ist ein Reaktionärer, der aus der Oberschicht kommt, sich mit einer aggressiven Rhetorik in eine Außenseiterrolle begibt und vorgibt, für das Wohl der Bevölkerung "aufräumen" zu wollen. Mit dem Unterschied, dass in einem Vigilantenfilm Gewalttaten anstatt der Rhetorik stattfinden, und an Stelle des Polit-Establishments räumt der Filmheld mit dem Verbrechen auf. Trump hat angekündigt, den Polit-Sumpf in Washington trockenzulegen. Seine Gegner bezeichnet er als unfähig, schwach und korrupt - genau so sieht der Filmvigilant das Rechtssystem, gegen das er sich stellt. Beide sind Helden der so genannten angry white men und bieten für komplexe Probleme einfache Lösungen an. Es gibt noch mehr Überschneidungen.

Trump geht jetzt nicht mit der Pistole auf die Straße und fordert auch nicht dazu auf - aber er suggeriert, dass die etablierte Regierung in Washington nicht in der Lage ist, die USA voranzubringen - und dass er das jetzt selbst in die Hand nimmt - ist das eine Form von (Wirtschafts-)Selbstjustiz? Und gibt es dafür Vorbilder im US-Kino?

Trump hat sogar ein paar Mal erwähnt, dass er manchmal eine Handfeuerwaffe mit sich herumträgt. Er zeichnet ein Bild, wonach die USA komplett den Bach runtergehen, und nur er sie wieder zum Licht führen kann - wie ein Superheld. Präsidenten waren in Filmen fast nie Vigilanten. "Air Force One" (Regie: Wolfgang Petersen) ist ein bekannteres Beispiel, darin spielt Harrison Ford den "leader of the world" (Präsident James Marshall), der als Actionheld seinen Flieger von russischen Terroristen befreien muss.

Ein interessanteres Beispiel ist der heute so gut wie unbekannte "Gabriel Over the White House", der auch in meinem Buch besprochen wird. Darin verhängt der neu gewählte amerikanische Präsident kurzerhand das Kriegsrecht, bringt das gesamte Land auf Vordermann und macht mit Kriminellen kurzen Prozess. Der Film wurde 1933 veröffentlicht, als Franklin D. Roosevelt das höchste Amt im Staat erlangte und sein "New Deal" das Ende der Großen Depression einleitete. Ob uns mit Trump eine Zäsur ähnlichen Ausmaßes bevorsteht, bleibt abzuwarten.

Peter Vogl (Peter Vogl)

Peter Vogl

Sie listen eine ganze Reihe von Beispielen aus der frühen Filmgeschichte auf - ist dieses Thema eines der Ur-Themen der US-Kino-Kultur seit jeher? Und wenn ja, Warum?

Es ist sogar das Ur-Thema des amerikanischen Kinos. Die Gruppe ist schwach, der einzelne ist stärker und effektiver: Der Held ist ein einsamer Streiter mit einem unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn und einem strengen moralischen Kompass, der sich für das Wohl und dem Schutz seiner Community über das Gesetz stellt und Gewalt anwendet. Dem Staat und seinen demokratischen Institutionen bringt er Misstrauen entgegen. Die Idee der Regeneration durch notwendige Gewalt ist in der amerikanischen Geschichte, Kultur und Psyche eingebettet.

Die gängigsten Filme des "Genres" sind natürlich vor allem "Ein Mann sieht Rot" und "Dirty Harry" - was zeichnet diese beiden Filme aus?

Beides sind ausgezeichnete Actionthriller, die in den 1970ern den Nerv der Zeit getroffen haben. Nach der Hippie-Ära und der Bürgerrechtsbewegung schwang das Pendel wieder in die andere Richtung. Der reaktionäre Filmvigilant kommt quasi der weißen Mittelschicht zur Rettung. Er stellt sich über das Gesetz, um dem als zu liberal empfundenen Rechtssystem nachzuhelfen.

Ist "Taxi Driver" eine intellektuelle Spielart des Selbstjustiz-Films?

Man könnte auch sagen: Ein Vigilantenfilm mit sehr künstlerischem Anspruch. "Taxi Driver" ist mehr eine melancholische Charakterstudie, und im Gegensatz zu praktisch allen anderen Vigilantenfilmen ein resignatives Drama, das aber dennoch ein brutales und kathartisches Finale hat.

Bildergalerie Clint Eastwood wird 85 Dirty Harry (picture-alliance/AP Photo/Warner Bros.)

Clint Eastwood räumt auf - hier in "Dirty Harry"

Wenn man auf die verschiedenen Filmjahrzehnte zurückblickt, was hat es da für Entwicklungen gegeben?

In den 1930ern waren Law-and-order-Filme beliebt; zwischen den 1940ern und 1960ern, der Zeit des "Production Codes", gab es nur vereinzelt Beispiele; in den 1970ern dominierten urbane Vigilanten, die die Großstädte "säuberten"; die Vigilantenfilme der 1980er finden sich eher im Bereich der B-Filme und Exploitationfilme; die 1990er waren weitgehend friedlich und seit den 2000ern erleben Comic-Superhelden einen immensen Höhenflug, der immer noch ungebremst ist.

Die "Batman"-Filme stellen eine besondere Spielart dar - wie unterscheiden die sich von den klassischen Selbstjustiz-Filmen?

Batman ist nicht nur der kompetenteste, sondern auch der selbstloseste aller Filmvigilanten. Insbesondere in der "Dark Knight"-Trilogie von Christopher Nolan wird er zu einer Art Jesus-Figur, der sich beinahe selbst opfert, als er sich für die Rettung seiner Stadt gegen Verfall, Korruption und Anarchie stellt. Batman missachtet, wie die meisten Vigilanten, aus einer Notwendigkeit heraus das Gewaltmonopol des Staates, kooperiert dabei aber gleichzeitig mit offiziellen Gesetzesvertretern, um Recht und Ordnung wieder herzustellen.

Könnte nicht auch Trump irgendwann zu einem Vertreter des Establishments werden, der dann wiederum von einem selbsternannten Rächer "zur Strecke gebracht" werden könnte? Will sagen: Ist der Rächer - in Kultur und Realität - nicht auch immer dem Risiko ausgesetzt, selbst ins Fadenkreuz zu geraten?

Wer in der Politarena polarisiert, gegen den wird logischerweise mobilisiert. Im Film zieht der Vigilant nicht nur den Hass von Verbrechern auf sich, die er bekämpft, sondern er ist auch den offiziellen Gesetzesvertretern ein Dorn im Auge, die ihre Autorität untergraben sehen. In der Realität würde ein Filmvigilant schnell entzaubert werden, und dasselbe könnte mit Trump passieren, wenn er es nicht schafft, sich mit kompetenten Leuten zu umgeben. Trump wusste eine Medienlandschaft für sich nutzen, in der derjenige, der am lautesten schreit und die wildesten Dinge sagt, am meisten Aufmerksamkeit erhält. Das gilt für traditionelle Medien ebenso wie für die sozialen Medien.

Wenn man die Nachrichten in einen 24-Stunden-Entertainment-Zirkus verwandelt, braucht man sich nicht wundern, wenn ein Selbstdarsteller mit markanten Sprüchen die Oberhand bekommt. Trump ist ein Narziss und Schaumschläger, der aber wie alle anderen Präsidenten nach seinen Taten gemessen werden wird. So könnte sein schlimmster Gegner die Realität werden und vielleicht braucht es dann gar keinen Anti-Trump als Gegenpol.

Das Gespräch führte Jochen Kürten.

Peter Vogl:"Hollywood Justice - Selbstjustiz im amerikanischen Film 1915 - 2015" ist im "Mühlbeyer Filmbuchverlag" erschienen, hat 218 Seiten, ISBN 9783945378298".

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