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Wirtschaft

Dokumentation: Vorwürfe gegen Merrill Lynch

DW-WORLD veröffentlicht Auszüge aus dem Bericht des Obersten Staatsanwalts von New York über Ermittlungen gegen die Investmentbank Merrill Lynch. Ihr wird die wissentliche Täuschung von Anlegern vorgehalten.

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Staatsanwalt Eliot Spitzer: "Mangelnde Objektivität"

"Seit 1999 haben die Internet-Analytiker (die "Internet-Gruppe") von Merrill Lynch regelmäßig Anlageempfehlungen zu Internet-Aktien veröffentlicht, die aus folgenden Gründen irreführend waren:

(1) Die Urteile der Analytiker gaben in vielen Fällen nicht ihre wahre Meinung über die betreffenden Unternehmen wider;

(2) als Folge einer geheim gehaltenen, internen Geschäftspolitik wurden keine "Reduzieren"- oder "Verkauf"-Urteile gefällt, womit die öffentlich propagierte Fünf-Punkte-Skala de facto in ein 3-Punkte-System verwandelt wurde;

(3) Merrill Lynch informierte die Öffentlichkeit nicht über einen Interessenkonflikt: Die Finanzanalytiker handelten hinsichtlich der untersuchten Unternehmen gleichsam als Investment-Banker und erstellten, bearbeiteten und/oder manipulierten Recherche-Unterlagen mit der Absicht, Kunden für ihre Tätigkeit als Investment Bank zu gewinnen oder zu halten, wobei sie irreführende Urteile fällten, die weder objektiv noch unabhängig waren, obwohl sie dies vorgaben."

Mangelnde Integrität

"Die Anlageempfehlungen entstanden, nachdem die Mauern zwischen der Bankabteilung auf der einen und der Analyse-Abteilung auf der anderen Seite zerbrochen waren; diese Trennung war jedoch Grundlage für die Integrität der Aktien-Empfehlungen, die Merrill Lynch veröffentlichte. Obwohl Merrill Lynchs veröffentlichte Geschäftspolitik Verständnis für die Wichtigkeit dieser Trennung zeigte, enthüllen [unsere] Beweise, dass zumindest in der Internet-Gruppe eine unzureichende Trennung zwischen Analytikern und Aktienverkäufern herrschte.

Unsere Ermittlungen haben ergeben, dass das Vergütungssystem für Internet-Analytiker maßgeblich zum Zusammenbruch der Mauern zwischen der Internet-Gruppe und der Investment-Abteilung der Bank führte. Die Analytiker wussten, dass ihre Vergütung davon abhing, welches Geschäft sie für die Investment-Abteilung generierten; und die Geschäftsführung ermutigte sie, zur Belebung der Geschäfte der Investment-Banker beizutragen. [...] Mitunter durften Kunden oder mögliche Kunden die Berichte der Analytiker umformulieren, um Zitate ergänzen, mit den der betreffende Analytiker für das Unternehmen warb, oder angeben, welches Anlageurteil für sie akzeptabel war."

5-Punkte-System

"Merrill Lynch ist eine international tätige Investment-Firma, die Kunden Dienstleistungen im Bereich des Investment Banking bietet, darunter der Verkauf von Aktien für institutionellen und für private Investoren sowie die Analyse und Beurteilung von Aktien.[...]

Bis zum 15. Juni 2001 hatte Merrill Lynch ein 5-Punkte-System für die Beurteilung von Aktien:

  1. Kaufen (20% oder mehr Kursgewinn erwartet)
  2. Zukaufen (10%-20% Kursgewinn erwartet)
  3. Neutral (10% Kursgewinn bis 10% Kursverlust erwartet)
  4. Reduzieren (10% - 20% Kursverlust erwartet)
  5. Verkaufen (20% oder mehr Kursverlust erwartet)

    Mangelnde Objektivität

    "Jede beobachtete Aktie wurde kurzfristig (für die folgenden zwölf Monate) und langfristig (für mehr als 12 Monate) beurteilt; sie erhielten jeweils eine Anlagebewertung zwischen "A" (am wenigsten riskant) und "D" (sehr riskant). Die Urteile wurden Anlegern als unabhängig und objektiv vorgestellt und durch folgende Erklärung ergänzt:

    'Objektivität der Meinungen. Die Meinungen [unserer] Analytiker müssen objektiv sein. Jedes Indiz, dass ein Anlageurteil nicht völlig objektiv ist oder durch eine Geschäftsbeziehung zur betroffenen Firma beeinflusst sein könnte, kann den Ruf der Firma ernsthaft gefährden und möglicherweise zu einem Rechtsstreit führen.'

    Unsere Ermittlung zeigte, dass dies bei Anlageempfehlungen der Internet-Gruppe nicht der Fall war."

    "Mist" und "Schrott"

    "Daher war der Öffentlichkeit nicht bewusst, dass, während die Internet-Gruppe eine 3 (neutral) für eine Aktie vergab, intern geäußert wurde, die Aktie 'laufe deutlich darunter' [...] oder das Unternehmen sei ‚Mist’ [...]. Die Öffentlichkeit wurde ebenso im unklaren darüber gelassen, dass die Internet-Gruppe zwar eine 2 (zukaufen) für mehrere Aktien vergab, intern – und zu ausgesuchten institutionellen Investoren - aber sagte, es gibt 'keinen Grund, mehr von diesen Aktien zu kaufen', das Unternehmen 'lasse nach', es gebe 'keinen Grund, die Aktie zu besitzen' oder die Aktie werden in den nächsten Monaten 'am Boden' bleiben, falls dort nicht ein echter Katalysator auftauche. Der Öffentlichkeit wurde ferner nicht gesagt, dass die Gruppe intern Aktien, die eine 2 erhalten hatten, als 'Stück Scheiße' [...] und so ein 'Stück Schrott' einstufte."

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  • Datum 16.04.2002
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  • Permalink http://p.dw.com/p/25oJ
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