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Kultur

Doktor aus Verzweiflung

Das Dr.-Kürzel vor dem Namen steht bei Akademikern in Deutschland hoch im Kurs. Nicht nur des Titels wegen, sondern als vermeintlich letzte Alternative zum Kellnern oder Doseneinräumen im Supermarkt.

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Doktorhütchen statt Arbeitslosigkeit

"Ich hatte schon einen Haufen Bücher aus der Bibliothek nach Hause geschleppt, da sind sie dann aber verstaubt und haben Gebühren verursacht", erinnert sich Silke König, "eigentlich war es eine Verzweiflungstat." Nach einem Studium in Regelstudienzeit, garniert mit Praktika und Auslandsaufenthalten, war plötzlich Schluss: Über zahlreiche erfolglose Bewerbungen und Besuche beim Arbeitsamt führte der Weg der Politologin wieder zurück an die Universität - nicht der hehren Wissenschaft zuliebe, sondern in der Hoffnung, mit einer Promotion die Lücke im Lebenslauf elegant zu füllen.

Doktorantenflut

Mit dieser Idee ist sie nicht alleine: 2003 waren in Deutschland 253.332 Akademiker arbeitslos gemeldet, 13,3 Prozent mehr als im Vorjahr. "Dennoch hat jemand mit Studium im Vergleich immer noch die besten Jobaussichten", erklärt Beate Raabe, Arbeitsmarktexpertin von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV), "man muss sich nur auf eine längere Zeit des Suchens einstellen".

Immer mehr Betriebswirte, Geographen oder auch Philosophen entscheiden sich dafür, mit einer Doktorarbeit diese Warteschleifen zu überbrücken und der Arbeitslosigkeit fürs Erste zu entgehen. Aus der Promotion, sonst Sahnehäubchen auf dem akademischen Lebenslauf, wird in der Krise ein Notnagel. Und weil auch an den Universitäten die Stellen knapp werden, sind Promotionsstipendien heiß umkämpft. "Die Zahlen sind in den letzten Jahren drastisch gestiegen", berichtet Gerhard Teufel, Generalsekretär der Studienstiftung des deutschen Volkes. Während in den 1990er Jahren durchschnittlich rund 650 Bewerbungen pro Jahr auf seinem Schreibtisch landeten, sind es mittlerweile weit über 1000. Nur 460 von ihnen konnten jedoch vom größten deutschen Begabtenförderungswerk aufgenommen werden.

Promovieren zahlt sich aus - manchmal

Andere Stiftungen vermelden ähnliche Bewerberfluten, Jeanette Ruszbült von der Friedrich-Ebert-Stiftung berichtet: "Die Mehrheit ist auch tatsächlich hoch qualifiziert, aber die meisten müssen wir wegen begrenzter Fördermittel ablehnen." Dabei sind die zwei Buchstaben vor dem Namen nicht nur Ausdruck einer hohen wissenschaftlichen Qualifikation, sie zahlen sich offenbar auch in barer Münze aus. Nach einer Studie der Personalberatung Kienbaum verdient beispielsweise ein promovierter Ingenieur beim Berufseinstieg rund 5000 Euro im Jahr mehr als der diplomierte Kollege.

... wenn er denn einsteigt. Beate Raabe von der ZAV warnt davor, die Promotion als einen Freibrief in die Arbeitswelt zu begreifen. Zwar gebe es durchaus Branchen wie Chemie, Biologie oder Medizin, in denen die Promotion fast als ein integraler Bestandteil einer soliden Ausbildung gilt. Auch für eine Hochschulkarriere sei das Doktorhütchen selbstverständlich ein Muss.

Praxis: das A und O

In anderen Bereichen, etwa Jura oder BWL könne es ein durchaus nützliches Aushängeschild für diejenigen sein, die mit der Selbständigkeit liebäugelten, ergänzt Werner Dostal aus dem Bereich Berufsforschung bei der Bundesagentur für Arbeit. "Das hat dann eher schmückenden Charakter, als dass es ein Nachweis qualifizierter Kompetenz ist. In künstlerischen oder technischen Bereichen ist es in den wenigsten Fällen sinnvoll".

Wer in der wissenschaftlichen Arbeit an sich keinen Reiz sehe, solle sich besser mit berufsnahen Qualifikationen, Praktika oder praxisbezogenen Aufbaustudiengängen beschäftigen, rät Beate Raabe: "Allein aus Gründen der Arbeitslosigkeit zu promovieren ist eine Fehlinvestition, finanziell als auch hinsichtlich des Arbeitsaufwandes." Denn eine Promotion ist kein Spaziergang, sie erfordert neben Fachwissen auch jede Menge Disziplin. Knapp 25.000 Doktorhüte wurden 2001 in Deutschland verliehen. Ebenso viele Promovenden kommen Schätzungen zufolge mit ihrer Arbeit nicht ans Ziel."Und praktische Arbeitserfahrung hat man nach der ganzen Zeit immer noch nicht", ergänzt Raabe.

Auf die praxisorientierte Strategie hat sich auch Silke König verlegt. Nach der dritten unbezahlten Hospitanz tun sich nun für sie kleine Honorarstellen, Vertretungen und freie Jobs auf. Ein Anfang? Achselzucken. "Ich hangele mich von Monat zu Monat. Was im Mai ist, weiß ich noch nicht." Doch die Literaturlisten liegen immer noch griffbereit in der Schublade. Für alle Fälle: "Wenn das alles nicht klappt, werde ich die wieder auspacken". Denn: "Drei Jahre Promotion sieht im Lebenslauf immer noch besser aus als drei Jahre kellnern".

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