Doina Cornea gestorben: Rumäniens Gewissen | Europa | DW | 04.05.2018
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Nachruf

Doina Cornea gestorben: Rumäniens Gewissen

Doina Cornea war eine unbeugsame und mutige antikommunistische Widerstandskämpferin in Rumänien. In den langen Jahren der Diktatur war sie ein Symbol der rumänischen Zivilgesellschaft. Sie starb im Alter von 88 Jahren.

Sie war eine kleine, zierliche Frau. Sie hatte eine zarte Stimme. Sie wirkte zerbrechlich und strahlte dennoch große Kraft und Entschlossenheit aus. Die brauchte sie lange Zeit auch, denn sie war eine der mutigsten Gegnerinnen der Ceausescu-Diktatur und jahrelangen Repressalien der Geheimpolizei Securitate ausgesetzt: Doina Cornea, Französischlehrerin und Literaturdozentin aus dem siebenbürgischen Klausenburg (Cluj). Nach einem Schlaganfall vor einigen Jahren hatte sie zurückgezogen und abseits der Öffentlichkeit gelebt. In der Nacht zum Freitag starb sie in ihrer Wohnung in Klausenburg im Alter von 88 Jahren.

Zur Widerstandskämpferin wurde sie durch einen Zufall: Im August des Jahres 1982 verlas der Sender "Radio Freies Europa" ein geheimes Schreiben, das aus Rumänien nach Deutschland geschmuggelt worden war. Der Brief warnte vor dem geistigen Verfall und der Isolierung Rumäniens unter dem Diktator Nicolae Ceausescu. Die Absenderin, Doina Cornea, wollte eigentlich anonym bleiben. Doch versehentlich nannte der Sprecher beim Verlesen ihren Namen.

Eine mutige Kämpferin

Sie leugnete die Autorenschaft nicht, sondern stand zu ihrem Schreiben. Damit wurde die damals 53-Jährige zur Staatsfeindin im sozialistischen Rumänien. Der damalige Rektor an der Universität Cluj entließ sie. Zum Schweigen bringen konnte er sie aber ebenso wenig wie die Geheimpolizei. Mehr als 30 öffentliche Briefe schickte Doina Cornea bis 1989 an Radio Freies Europa, in denen sie die Ceausescu-Diktatur anprangerte - in den 1980er Jahren die brutalste im realsozialistischen Lager.

Rumänien: Menschenrechtlerin und Schriftstellerin Doina Cornea gestorben (Archivbild 1993) (imago stock&people)

Diona Cornea: "Habe versucht, so zu leben, als ob es die Angst nicht gäbe"

Ihre mutige Haltung machte Doina Cornea zu einer der wenigen Symbolfiguren des Widerstandes gegen die Ceausescu-Diktatur. Rumänien war ein Land, in dem es keine Opposition gab, sondern nur eine Handvoll offener Gegner Ceausescus, etwa der Schriftsteller Paul Goma, der Arbeiter und Gewerkschaftsaktivist Vasile Paraschiv oder die fünf Mitglieder der Samisdat-Zeitschrift "Ellenpontok" (Kontrapunkte).

Bereits nach ihrem ersten Brief stand sie unter Dauerüberwachung der Securitate. Im November 1987 inhaftierte der Geheimdienst sie für fünf Wochen, weil sie sich mit aufständischen Arbeitern im siebenbürgischen Kronstadt (Brasov) solidarisiert hatte. Ceausescu hatte diesen Arbeiteraufstand blutig niederschlagen lassen.

Keine Sklavin der Angst

Nach ihrer Freilassung stand sie unter Hausarrest - bis zum 21. Dezember 1989, dem Tag vor dem Sturz Ceausescus. An kalten Wintertagen pflegte Doina Cornea ihren Bewachern heißen Tee anzubieten - was diese ablehnen mussten. Am 21. Dezember 1989 wagte sie es, zusammen mit ihrem Sohn aus dem Haus in Klausenburg gewissermaßen auszubrechen und sich den antikommunistischen Demonstranten auf den Straßen Klausenburgs anzuschließen. An diesem Tag war es noch ein Spiel mit dem Leben. Niemand konnte wissen, dass der Diktator am nächsten Tag stürzen würde, die Armee schoss auf das Volk.

Später sagte Doina Cornea über ihre Zeit als Oppositionelle: "Ich habe versucht, so zu leben, als ob es die Angst nicht gäbe, obwohl ich diese ziemlich oft verspürt habe. Wir müssen frei bleiben und nicht Sklaven der Angst werden."

Nach dem Sturz Ceausescus im Dezember 1989 wurde Cornea Mitglied in der "Front zur Nationalen Rettung", die Ceausescus ehemaliger Zögling Ion Iliescu unmittelbar nach dem Sturz des Diktators als provisorische politische Plattform gegründet hatte. Doina Cornea verließ diese "Front" schon am 23. Januar 1990, weil sie Iliescu für einen Altkommunisten hielt, der keine demokratische Entwicklung Rumäniens gewährleisten würde. Zugleich war sie bereits unmittelbar nach dem Sturz Ceausescus eine der bekanntesten Repräsentantinnen der rumänischen Zivilgesellschaft - zusammen mit anderen prominenten Intellektuellen gründete sie die "Gruppe für sozialen Dialog", die bis heute eine der wichtigsten rumänischen Wochenzeitungen ("22") herausgibt.

Hetzkampagnen der Staatsmedien

Doina Cornea stand wegen ihrer Opposition zu Iliescu in der ersten Hälfte der 1990er Jahre unter Dauerbeschuss durch dessen Regime und seine Propagandisten. Sie erhielt permanent Drohungen, in den damaligen Staatsmedien liefen permanente Hetzkampagnen gegen sie. Anfang 1993 klagte die Staatsanwaltschaft sie wegen ihrer Kritik am Staatspräsidenten Iliescu an. Weil ein internationaler Skandal zu befürchten war, wurde das Verfahren jedoch eingestellt.

g Securitate-Bestände in Bukarest (dpa/picture-alliance)

Die Securitate sammelte umfangreiche Dossiers über die "Staatsfeinde"

Später erhielt sie vom ersten demokratischen postkommunistischen Präsidenten Rumäniens, Emil Constantinescu, die höchste Staatsauszeichnung, den "Stern Rumäniens", sowie zahlreiche internationale Auszeichnungen. Politisch war sie nach 1989 eine überzeugte Monarchistin, die glaubte, dass Rumäniens langfristige Demokratisierung und rechtsstaatliche Entwicklung nur im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie gewährleistet werden könne.

Zahlreiche ihrer einstigen Mitstreiter würdigten nach ihrem Ableben ihre Persönlichkeit. Der Historiker und "Securitate-Jäger" Marius Oprea nannte sie ein "Beispiel für moralische Stärke und für ein aufrechtes Leben". Die Dichterin Ana Blandiana sagte, sie sei die "fragilste und zugleich stärkste moralische Kraft Rumäniens" gewesen: Sie habe, ganz allein, die rumänische Zivilgesellschaft in einer Zeit verkörpert, als niemand in Rumänien diesen Begriff gekannt habe.