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Sport

DLV-Lust und Moskauer Frust

Eigentlich sollte 2013 ein Übergangsjahr sein. Doch nach der WM von Moskau stehen Deutschlands Leichtathleten so gut da wie lange nicht. Russland muss dagegen seine Lehren aus der Großveranstaltung ziehen.

Die sportliche WM-Bilanz ist aus deutscher Sicht hervorragend, die Perspektive blendend. "Wir fahren mehr als zufrieden nach Hause. Und viermal Gold ist das Sahnehäubchen", resümierte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), am Ende der WM in Moskau. Für das goldene i-Tüpfelchen sorgte ausgerechnet die "ewige Zweite" Christina Obergföll, die mit 69,05 Meter triumphierte und als zweite deutsche Speerwurf-Weltmeisterin nach Steffi Nerius 2009 in die Geschichte eingeht.

In der russischen Hauptstadt sammelten die DLV-Athleten insgesamt siebenmal Edelmetall (4 Gold/2 Silber/1 Bronze). Genauso viel wie bei der vergangenen WM, 2011 in Daegu/Südkorea (3 Gold/3 Silber/1 Bronze). Im Medaillenspiegel belegten sie hinter Russland, den USA, Kenia und Äthiopien Rang fünf. Vier WM-Titel gab es zuletzt 1999 in Sevilla. Moskau hat also die Erwartungen übertroffen, doch trotz der Erfolge sieht der DLV-Chef bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro noch viel Luft nach oben. "Das Niveau und Potenzial kann noch höher werden. Es ist die Mannschaft der Zukunft", sagte Prokop.

Kugelstoßer David Storl feiert mit deutscher Fahne und Hütchen in Schwarz-Rot-Gold seinen WM-Titel (Foto: REUTERS/Kai Pfaffenbach)

Leichtathletik-WM Moskau David Storl Kugelstoßen 16. August

Besonders die beiden "jungen Weltmeister" Raphael Holzdeppe (Stabhochsprung) und David Storl (Kugel), die beide gerade einmal 23 Jahre alt sind, haben noch viel Zeit, dem WM-Gold von Moskau weitere Titel folgen zu lassen. Hoffnung darf der DLV außerdem aus anderen guten Resultaten junger Athleten aus dem 66-köpfigen Kader schöpfen, aus dem sich rund zwei Dutzend unter den Top zwölf wiederfanden. Dabei, so hatten es die DLV-Bundestrainer vorgegeben, sollte 2013 nur ein Übergangsjahr sein. Der Fokus liege ein Jahr nach den Olympischen Spielen von London bereits auf den kommenden Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Stattdessen hat das DLV-Team nun ein Ergebnis erreicht, auf dem man beruhigt aufbauen kann, an dem man sich in drei Jahren aber auch messen lassen muss. Eine Situation, die man beim Verband gerne annimmt. "Die deutschen Leichtathleten haben erneut eine hervorragende Visitenkarte ihrer Leistungsfähigkeit im Weltmaßstab abgegeben", freute sich DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen.

Schlechtes Zeugnis für Moskauer Organisation

Nicht allzu viele Gründe zur Freude bescherte die Weltmeisterschaft dagegen den Moskauer Organisatoren. So gab es bei dieser WM keinen Weltrekord zu bestaunen. Allerdings darf das nicht als Hinweis auf mangelnde Qualität der Wettkämpfe gewertet werden. Im Gegenteil: die gezeigten Leistungen waren oft herausragend. Dennoch litten die 14. Welttitelkämpfe im riesigen Luschniki-Stadion oft unter Zuschauer- und Stimmungsmangel. Das fiel auch den Athleten auf und sorgte für Kritik: "Bis zum Hochsprung dachte ich, das wäre eine Trainingseinheit", sagte beispielsweise Zehnkämpfer und Silber-Gewinner Michael Schrader. "Da waren vielleicht 20 Leute und es wurde kaum geklatscht." Außerdem sei es für die Athleten schwierig gewesen von den Helfern und Ordnern im Innenraum des Stadions Informationen zu bekommen, da die wenigsten von ihnen eine andere Sprache als russisch sprechen konnten.

Jelena Issinbajewa präsentiert ihre Goldmedaille den Fotografen (Foto: imago/Golovanov + Kivrin)

Jelena Issinbajewa verteidigte das umstrittene Gesetz zunächst, ruderte dann aber wieder zurück

Zudem ging es neben dem Sportlichen spätestens ab Mitte der Woche auch um die Diskussion über den Umgang mit den Rechten der Schwulen und Lesben in Russland. Ein Gesetz stellt seit Juni die Verbreitung von Informationen über Homosexualität an Minderjährige unter Strafe. Einige Sportlerinnen hatten mit lackierten Fingernägeln in den Farben des Regenbogens ihre Solidarität mit den Homosexuellen in Russland zum Ausdruck gebracht, Russlands Stabhochsprung-Weltmeisterin Jelena Issinbajewa hatte das mit zweifelhaften Aussagen öffentlich kritisiert und das Gesetz verteidigt. Das von Präsident Wladimir Putin unterzeichnete Gesetz hatte auch international Zweifel an der Offenheit und den Gastgeberfähigkeiten Russlands aufkommen lassen. Es wurden sogar Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 laut.

Generalprobe für Sotschi misslungen

Russlands Sportminister Mutko war indes darum bemüht, die Wogen zu glätten. "Alle Rechte werden bei den Olympischen Winterspielen im Februar in Sotschi geschützt", betonte der Politiker. Das Gesetz diskriminiere die Homosexuellen nicht, sondern solle Jugendliche und Teenager im Land ebenso wie bei Maßnahmen gegen Alkohol und Drogen schützen.

Dennoch, die Diskussion über die Homosexuellen-Rechte wird eher in den Köpfen hängen bleiben als die sportlichen Leistungen. Und sie wird wohl auch im Vorfeld der Winterspiele im kommenden Februar noch einmal aufgewärmt werden. Bis dahin sollten die Sportminister Mutko und die Olympia-Organisatoren ihre Lehren aus der Leichtathletik-WM in Moskau ziehen. Denn insgesamt hat Russland ein halbes Jahr vor den Winterspielen in Sotschi und fünf Jahre vor der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land noch nicht beweisen können, dass man in der Lage ist, ein stimmungsvolles und bewegendes Großereignis im Sport zu organisieren.

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