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Diskussion um Ditib-Absage an Friedensdemo

"Ditib schadet sich selbst"

Am Samstag wollen in Köln tausende Muslime gegen islamistischen Terror auf die Straße gehen. Ausgerechnet Deutschlands größter Islamdachverband Ditib ist nicht dabei. Die politischen Reaktionen sind vernichtend.

Aydan Özoguz hält mit ihrem Unverständnis kaum hinter dem Berg. Die SPD-Politikerin ist die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Für die Haltung der Ditib hat sie keinerlei Verständnis: "Ehrlich gesagt, das finde ich überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Ich glaube auch, dass die Ditib sich am meisten selbst schadet, vor allen Dingen natürlich auch ihren eigenen Mitgliedern, die ja teilweise auch diesen Aufruf gut finden." Diese Mitglieder würden durch die Entscheidung des Vorstands vor den Kopf gestoßen werden, so Özoguz. 

Unter dem Motto "Nicht mit uns" wollen Muslime am Samstag in Köln für Frieden und gegen islamistischen Terrorismus demonstrieren. Die Veranstalter, rund um die liberale Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, rechnen mit zehntausend Teilnehmern. Vor allem über die sozialen Medien wird die Veranstaltung beworben.

Für die Verantwortlichen der Ditib, Deutschlands größter Islam-Dachverband mit rund 900 Moscheen und 800.000 Mitgliedern, ist die Demonstration ein Affront. In einer Pressemitteilung wirft der Verband den Veranstaltern unter anderem "mediale und politische Effekthascherei" vor und äußert die Sorge, dass "muslimische" Anti-Terror-Demos Muslime selbst stigmatisieren würden.

Ähnlich wie Aydan Özoguz kann auch Cemile Giousouf mit der Argumentation der Ditib nichts anfangen. Für die Integrationsbeauftragte der CDU/CSU-Fraktion gibt es "keinen sachlichen Grund, die Teilnahme an der geplanten Demonstration gegen den islamistischen Terrorismus abzulehnen". 

Spionagevorwürfe und interne Querelen

Es sind schwierige Zeiten für die Ditib: Imame des eingetragenen Vereins sollen in Deutschland Gemeindemitglieder ausspioniert haben, die im Verdacht standen, der Gülen-Bewegung anzugehören. Die Regierung in Ankara macht die Bewegung für den Putschversuch in der Türkei im vergangenen Sommer verantwortlich. Die Generalbundesanwaltschaft hatte Ermittlungen gegen die Imame eingeleitet. Auch innerhalb der Organisation brodelt es. Weil "liberale Tendenzen" in der Organisation nicht geduldet seien, hatte erst Mitte Mai der gesamte Bundesvorstand der Jugendorganisation der Ditib das Handtuch geworfen.

Deutschland Zentralmoschee in Köln (picture-alliance/dpa/M. Becker)

Ditib Moschee in Köln: Anfang Juni wurde die neue Moscheekuppel eingeweiht, der neue Gebetsraum fertig gestellt.

Für den Türkei-Experten Christoph Ramm von der Universität Bern kommen die jüngsten Diskussionen zur Unzeit für den Verband: "Früher galt die Ditib zum Beispiel bei der Islamkonferenz ein bisschen als 'everybody's darling', sie war berechenbar, sie kam aus dieser säkular-verstandenen Türkei, man kannte die Leute. Im Gegensatz zu einigen kleineren, intransparenten Islam-Verbänden war sie für die Politik ein willkommener Ansprechpartner."

Im Zuge des gescheiterten Putsches in der Türkei im Sommer des vergangenen Jahres sei die Ditib allerdings zu den 'bad guys' geworden. Insbesondere die "Spionagevorwürfe" und die "Politik Erdogans", die er über die Ditib auch in Deutschland, zum Beispiel während der Zeit des Referendums betrieben habe, rückten den Verband in ein schlechtes Licht, so Ramm.

Ditib bekommt Geld aus öffentlicher Hand

Im politischen Berlin lässt die Kritik an der Ditib Parteigrenzen verschwinden. Cem Özdemir, Vorsitzender der Grünen, schließt sich seinen Kolleginnen Özoguz und Giousouf an und bezeichnet die Begründung der Ditib-Absage als "mehr als fadenscheinig". Özdemir weiter: "Es ist mir schleierhaft, dass Ditib diese Möglichkeit nicht nutzt, um ein klares Signal des Zusammenhalts zu senden."

Aydan Özoguz Beauftragte der Bundesregierung für Migration (picture alliance/dpa/M. Becker)

Aydan Özoguz: Kein Verständnis für die Haltung der Ditib.

Für die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, liegt das Problem vor allem darin, dass die Entscheidungsträger in Verbänden wie der Ditib nie wirklich in Deutschland angekommen seien, "obwohl es die Mitglieder zum großen Teil längst sind. Ich meine, viele sind hier geboren und groß geworden. Aber der Verband ist eben doch an vielen Stellen, und gerade im Vorstand dann doch eher an Ankara angedockt und versucht da, irgendwie auch ein Stück weit natürlich außenpolitisch einzuwirken."

Nur mit der Unterstützung Ankaras und ganz ohne Hilfe aus Deutschland scheint der Verband allerdings auch nicht auskommen zu wollen. Nachdem die Zahlungen an den Verband wegen der Spionageaffäre zwischenzeitlich ausgesetzt wurden, fließt das Geld seit einiger Zeit wieder. Beim zuständigem Bundesfamilienministerium heißt es: "Unter Abwägung aller relevanten Aspekte wurde entschieden, dass die Mittelauszahlung für bereits bewilligte Projekte wieder fortgesetzt wird". Seit 2012 hat die Ditib vom deutschen Staat insgesamt rund sechs Millionen Euro erhalten.