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Nahost

Dissidenten 2.0

Auf der Konferenz re:publica in Berlin geht es um die wachsende Bedeutung sozialer Netzwerke im Internet und ihre Auswirkung auf die Meinungsbildung, gerade in autoritären Staaten wie dem Iran oder China.

Teilnehmer der Konferenz, Foto: re:publica

Welche Macht haben soziale Netzwerke im Internet?

Glaubt man Michael Anti, dann ist der Versuch, das Internet zu zensieren, ziemlich vergeblich. Die Nutzer fänden immer Wege, an Informationen zu gelangen. Wenn es sich die chinesische Regierung durch ihre strengen Auflagen mit Internetkonzernen wie Google verscherzt, tue sie sich keinen Gefallen, glaubt er. Im März schaltete Google aus Protest gegen die chinesische Internetpolitik seine chinesische Suchmaschine ab. Die Nutzer werden nun auf eine Seite in Hongkong umgeleitet, bei sensiblen Suchanfragen wird die Verbindung unterbrochen. "Immer mehr Menschen bemerken die Zensur", sagt der chinesische Blogger. "Und sie werden nach Wegen suchen, um diese zu umgehen. Mehr und mehr Nutzer werden vom zensierten Lager in das unzensierte Lager wechseln."

Die Macht der sozialen Netzwerke

Teilnehmer der Konferenz, Foto: re:publica

Je strenger die Zensur, desto kreativer die Wege, sie zu umgehen

Je offensichtlicher die Zensur, desto kreativer werden die Wege, sie zu überwinden. Auch die Iraner haben diese Erfahrung gemacht. Selten gab es ein so eindrucksvolles Beispiel für die Macht, die die Internetgemeinde entwickeln kann, wie die Proteste gegen das Regime in Teheran im vergangenen Jahr. Zu den offiziellen Medien, so sagt die iranische Bloggerin Farnaz Seifi, habe die Opposition damals keinen Zugang gehabt. "Zwei Monate vor der Wahl konnte man noch kaum etwas von einer Wahlkampfatmosphäre spüren", erzählt sie. Dann hätten die Oppositionskandidaten angefangen, die sozialen Netzwerke im Internet zu nutzen. Und plötzlich kam die Kampagne in Schwung.

Mussawi verlor zwar die Wahl, doch die Zweifel an den Wahlergebnissen führten zu Protesten, die das Regime wochenlang in Atem hielten. Organisiert vor allem über die Netzwerke Facebook und Twitter. Dabei wird das Internet im Iran so streng zensiert wie kaum irgendwo. Kritische Blogger werden verfolgt, Seiten gesperrt, Suchanfragen gefiltert. Doch je mehr Kommunikationsmöglichkeiten im Internet entstehen, desto weniger Chancen hat der Zensor. Die Netzgemeinde sei schneller als der Zensor, erzählt sie. "Zuerst taucht ein Thema in den Sozialen Netzwerken auf – auf Twitter oder Facebook. Dann greifen es die Blogger auf, sie schreiben etwas drüber. Manche von ihnen haben früher als Journalisten gearbeitet oder in der Politik. Sie haben Kontakt zu den Politikern und zu denjenigen, die in die Konflikte verwickelt sind und sie haben mehr Information."

"Namen sind entscheidend"

Auch in Russland, wo die Zensur insbesondere über das Fernsehen recht streng ist, weichen die Menschen in das Internet aus. Eine Internetzensur gebe es in Russland bisher nicht, sagt der russische Blogger Rustem Adagamow. Insbesondere diejenigen, die der Regierung ohnehin skeptisch gegenüber stehen, fänden in den Blogs die Informationen, die ihnen die traditionellen Medien verschweigen. Auch wenn nicht immer ganz klar sei, woher diese stammen. "Das ist eines der schwierigsten Themen überhaupt", gibt Adagamov zu, der unter dem Namen "Drugoi" bloggt – "der Andere". "Man braucht Intuition und man verlässt sich auf gemeinsame Bekannte. Die Namen sind das Enscheidende."

Der Kampf um die Inhalte im Netz findet längst nicht mehr nur auf der technischen Ebene statt. Die Chinesen beispielsweise sind gewohnt, dass im Netz reihenweise Kommentare auftauchen, die die Sicht der Regierung weiter geben. "50-Cent-Partei" nennen sie diejenigen, die sie schreiben – einem Gerücht zufolge bekommen sie für jeden regierungsfreundlichen Eintrag 50 chinesische Cent. Für Michael Anti, einer der bekanntesten chinesischen Blogger, ist das kein großes Problem. "Es gibt diejenigen, denen wir vertrauen und sie erreichen auch die Leute", erklärt er. "Ein 50-Cent Blogger ist in der Welt des Web 2.0 ein Niemand. Glaubwürdigkeit erreicht man auch im Netz erst mit der Zeit."


Screenshot der Konferenzseite, Quelle: re:publica

Die re:publica ist eine Konferenz rund um das Web 2.0, speziell Weblogs, soziale Medien und die Digitale Gesellschaft. Sie wird seit 2007 jährlich in Berlin veranstaltet.



Grenzen der Freiheit

Dennoch hat die Freiheit auch dort ihre Grenzen, wo die chinesischen Nutzer die Zensur raffiniert umgehen. Was weder bezahlte Blogger, noch die technische Zensur erreichen können, nämlich dass im digitalen Freiraum bestimmte Diskussionen gar nicht erst aufkommen, dafür sorgt die Regierung im Zweifelsfall mit ganz analogen Methoden: 72 Chinesen sitzen zurzeit für ihre Internet-Einträge im Gefängnis, so viele wie nirgends sonst. Das weiß auch Michael Anti: "Ich spreche über Informationsfreiheit, über Rede- und Pressefreiheit, aber ich würde nie über einen Regimewechsel sprechen. Jeder in China übt Selbstzensur, macht Kompromisse. Manchmal prescht jemand vor, das bezahlt er dann mit seiner Freiheit."

Autor: Matthias Bölinger
Redaktion: Ina Rottscheidt

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