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Kunst

"Disneyland des Kalten Krieges": Der Fotograf Martin Roemers über seine neue Ausstellung in Berlin

Atombunker, Schießstände, Militärfriedhöfe. Der Fotograf Martin Roemers hat sie gesehen - auf beiden Seiten des einstigen Eisernen Vorhangs. Ein Gespräch über den "neuen Kalten Krieg" und die Macht der Fotografie.

DW: Ihre Fotoserie "Relikte des Kalten Krieges" wird jetzt in Berlin gezeigt. Aufgenommen haben Sie die Bilder zwischen 1998 und 2009. Was geht Ihnen im Kopf herum, wenn Sie die Fotos heute betrachten?

Martin Roemers: Die Fotos erinnern uns heute daran, wie es zu Zeiten des Kalten Krieges war. Zugleich können wir uns aber auch vorstellen, wie die Dinge im derzeitigen politischen Klima wieder werden könnten. Sie sind also auch eine Mahnung. Deswegen ist es wichtig, sie jetzt zu zeigen.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew erst kürzlich von "Zeiten eines neuen Kalten Krieges" zwischen der Europäischen Union und Russland gesprochen. Ihre Bilder erscheinen auf einmal aktueller denn je.

Sie sind sicherlich aktuell, da sie uns zeigen, wie es wieder werden könnte. Die derzeitige politische Situation ist besorgniserregend und mag etwas von einem kalten Krieg haben. Sie aber mit dem Kalten Krieg von vor 30 Jahren zu vergleichen, ist übertrieben. Wir sind noch weit weg von der unmittelbaren Gefahr eines tatsächlichen Krieges, wie sie in den 1980er Jahren existierte.

Was hat Sie speziell an dieser Ära des Kalten Krieges interessiert?

Ich bin zu Zeiten des Kalten Krieges aufgewachsen. Er war überall: in den Zeitungen, im Fernsehen. Damals fanden in den Niederlanden in der Schule Diskussionen und auf der Straße ständig Demonstrationen statt. Die Russen als Gefahr zu sehen, war Teil unseres alltäglichen Lebens. Obwohl ich damals noch sehr jung war, fragte ich mich aber, wer diese Menschen wirklich waren. Ich hatte schon immer ein Interesse daran zu erfahren, was auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs passierte.

Martin Roemers (Foto: Koos Breukel)

Der Fotograf Martin Roemers, ausnahmsweise nicht hinter, sondern vor der Kamera.

Die beiden Seiten des Eisernen Vorhangs

Später dann, als ich schon Fotograf war, widmete ich mich in verschiedenen Projekten der Frage, welche Folgen Kriege und Konflikte haben - zuerst betraf das vor allem die Frage nach den Menschen, die einen Krieg erlebt hatten, aber schließlich begann ich mich auch für die Folgen für Landschaften und Architektur zu interessieren. So begann dieses Projekt: Die Russen hatten Deutschland verlassen - und ich wollte sehen, was sie hinterlassen hatten. Da ich wusste, dass sie während des Kalten Krieges sehr viele Truppen rund um Berlin in Brandenburg stationiert hatten, begann ich dort meine Recherche. Ich besuchte Armee- und Luftwaffenstützpunkte, Atombunker, Militärfriedhöfe. Brandenburg war für mich damals eine Art Disneyland des Kalten Krieges.

Es war ja schon viel Zeit vergangen seit dem Kalten Krieg …

Das war genau das, was mich interessierte. Wenn man ein paar Jahre wartet, dann nehmen die Dinge eine ganz andere Gestalt an. Es beginnt der Verfall. Die Natur ergreift Besitz von den Gebäuden. Es sind Symbole für das Ende einer Ära.

Sie haben Ihre Fotos in zehn europäischen Ländern gemacht. Neben Deutschland waren sie auch in Russland, Polen, Lettland und in ihrer Heimat, den Niederlanden, unterwegs. Haben Sie dabei so etwas wie länderspezifische Merkmale der Relikte erkennen können?

Das genaue Gegenteil war der Fall. Ich entdeckte, dass all diese Armeestützpunkte auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs viel mehr gemein hatten, als sie trennte. Sie bauten wirklich aus ein und derselben Angst vor einem Angriff der jeweils anderen Seite, dieselben Verteidigungsstrukturen.

Es dauerte zehn Jahre bis Sie die Fotoserie beendet hatten. Eine lange Zeit.

Der schwerste Part war es, die Orte überhaupt erst einmal zu finden. Natürlich gibt es viele berühmte Beispiele für Gebäude aus den Zeiten des Kalten Krieges, wie die Berliner Mauer. Aber die meisten Objekte, die ich fotografiert habe, wurden in der Vergangenheit geheim gehalten. Also sprach ich mit Personen, die eine wichtige Rolle während des Kalten Krieges gespielt hatten. Das waren zum Teil pensionierte Armeegeneräle, aber auch wichtige Figuren der Friedensbewegung. In Deutschland gaben "Die Grünen" mir eine Karte, auf der sie damals alle Orte markiert hatten, an denen Atomwaffen stationiert worden waren, in Ost- wie in Westdeutschland. Immer wenn ich genügend Orte recherchiert hatte, fuhr ich für ein paar Wochen los. Und dann war es nicht gerade leicht dort hineinzukommen.

Ein authentisches Stück Berliner Mauer? Schwer zu finden …

Besonders viel Zeit habe ich damit verbracht, in Deutschland ein authentisches Stück Mauer zu finden. In Berlin wurde die Mauer viel zu oft neu bemalt und arrangiert. Auch an anderen Orten in Deutschland hat sie oft etwas von einem Museumsstück, ist mit neuem Stacheldraht versehen und frisch angestrichen. Immer wenn ich so etwas sah, kehrte ich sofort um. Am Ende fand ich ein authentisches Stück Mauer in einem entlegenen Stück Land zwischen Bayern und Thüringen.

Haben Sie ein Lieblingsfoto oder einen Lieblingsort ihrer "Relikte des Kalten Krieges"?

Ich mag das Foto eines alten Panzers, das ich in Altengrabow in Sachsen aufgenommen habe, sehr gerne. Man kann darin ein menschliches Gesicht erkennen. Vor allem aber kann man an diesem Ort verschiedene Schichten deutscher Geschichte sehen: Die Schießanlage wurde schon im Kaiserreich gebaut. Auf den Kaiser folgten die Nazis und trainierten am selben Ort. Dann kamen die Russen und ließen, als sie abzogen, wiederum den alten sowjetischen Panzer zurück, der ebenfalls als Übungsziel hergehalten hatte. Im Hintergrund kann man eine rote Zielscheibe erkennen. Sie wird heute von der Bundeswehr genutzt.

Relikte des Kalten Krieges (Foto: Martin Roemers)

Mehr als 100 Jahre deutsche Geschichte in einem Bild: Der Militärübungsplatz in Altengrabow in Sachsen

Es gibt etliche Mahnmale in Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Aber was erinnert eigentlich offiziell an den Kalten Krieg?

Nach einem richtigen Krieg, der ausgefochten wurde, entwickelt sich stets eine Erinnerungskultur. Veteranen und Kriegsopfer haben ihre Gedenktage, Denkmäler werden gebaut. Beim Kalten Krieg ist das natürlich anders, weil er ja nie zu einem wahren Krieg wurde, zumindest nicht in Europa. Indem ich diese Landschaften fotografierte, habe ich visuelle Mahnmale dieses Krieges geschaffen. Die Bilder kann man sogar als schön empfinden. Wenn man aber über die Absicht der Gegenstände auf ihnen nachdenkt, wird man Patriotismus, Paranoia und Aggression sehen. Das ist ein gewolltes Ungleichgewicht.

Sie haben zwei Mal den World Press Photo Award gewonnen (zunächst den zweiten Platz für die Porträts der Serie "Never ending War" 2006, dann den ersten Preis für "Metropolis" 2011). Kann Fotografie Menschen und Politik verändern?

Das ist schwer zu sagen. Natürlich gibt es ein paar wenige Fotos, die tatsächlich etwas verändert haben - wie das Napalm-Mädchen in Vietnam [von Nick Ut, der 1972 für dieses Foto den World Press Photo Award und ein Jahr später den Pulitzer Preis gewann, Anm.d.Red.]. Ich denke schon, dass man mit dem, was man nicht nur fotografiert, sondern auch schreibt oder filmt öffentliche Meinungen beeinflussen kann. Aber ich bin kein Friedensaktivist. Ich will nicht Kriege oder Konflikte beenden. Ich bin ein Künstler. Meine Fotos spiegeln die Realität. Ich zeige, wie Konflikte die Gesellschaft beeinflussen.

Das Interview führte Sarah Judith Hofmann

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