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Europa

Diskussionen um Italiens Afghanistan-Einsatz

Viele Italiener fordern den Abzug der Truppen aus Afghanistan. Die Diskussion wird immer wieder angeheizt: durch den Tod italienischer Soldaten oder durch den Vorwurf, es seien Schutzgelder an die Taliban gezahlt worden.

Zerstörtes Gebäude in Afghanistan (Foto: AP)

Ist Italiens Einsatz in Afghanistan noch ein Friedenseinsatz?

Kabul am 17. September 2009: Bei einem Selbstmordanschlag kommen sechs italienische Soldaten ums Leben. "Unsere Soldaten fuhren mit zwei Fahrzeugen vom Flughafen in die Stadt Kabul, als sie Opfer eines Selbstmordattentäters wurden, der mit einem Fahrzeug, das mit Sprengstoff beladen war einen Zusammenstoß verursachte", berichtete damals Italiens Verteidigungsminister Ignazio La Russa dem Parlament in Rom .

Diskussionen um einen Abzug der Soldaten

Blick in eine Kirche mit Särgen, auf denen italienische Flaggen liegen (Foto: AP)

Die italienischen Soldaten wurden am 21.09.2009 beerdigt

Schon seit langer Zeit wird in Italien darüber diskutiert, ob das fast 3000 Mann starke italienische Kontingent aus Afghanistan abgezogen werden soll. Viele Italiener und die Opposition fordern genau das. Es ist fraglich, ob der Einsatz in Afghanistan tatsächlich ein Friedenseinsatz ist. Eine Teilnahme an kriegerischen Aktionen ist laut Verfassung des Landes nämlich ausdrücklich verboten.

Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der den Einsatz immer verteidigt hat, wollte sich auf eine solche Diskussion nach dem Tod der Soldaten nicht einlassen. Er bemühte den Nationalstolz, um der Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen. "Wir sind stolz auf unsere Soldaten, die in Afghanistan mit Mut den Frieden und die Demokratie verteidigen. Und wir wehren uns gegen diese Art von Opposition im Lande. Eine Schande ist das", sagte er.

Schutzgeld für die Taliban?

Doch kaum waren die getöteten Soldaten beerdigt, musste sich vor wenigen Tagen Verteidigungsminister Ignazio La Russa erneut mit dem heißen Eisen Afghanistan befassen: Die englische Tageszeitung "The Times" behauptete, dass die italienischen Truppen Schutzgeld an die Taliban-Krieger gezahlt hatten, um so vor Attentaten geschützt zu sein. La Russa stritt diesen Vorwurf ab und ging zum Gegenangriff über. "Diese Informationen sind reiner Müll und werden genauso wie Müll behandelt. Ich habe unserer Rechtsexperten beauftragt, Anzeige gegen die Times zu erstatten", reagierte er.

Eine Hand nimmt eine Zeitung vom Stapel (Foto: AP)

Die Recherechen der "Times" sorgen für Aufsehen

Die renommierte Londoner Tageszeitung bekräftigte darauf ihre Vorwürfe und fügte hinzu, dass auch andere Nato-Truppen immer wieder Geld an die Taliban bezahlt hätten, etwa für den gefahrlosen Transport von Nachschub. Das Problem sei, dass die Italiener diese Schutzgeldpraxis verschwiegen hätten, als sie durch französische Truppen abgelöst wurden. Die an die Zahlungen gewöhnten Taliban hätten daraufhin Anschläge auf französische Soldaten verübt.

Ablenkungsmanöver der Regierung?

Auf diese neuen Vorwürfe hat die italienische Regierung bislang nicht reagiert. Sie zieht es vor, auch über die von ihr kontrollierten Medien Berlusconis Bild vom heldenhaften Einsatz mutiger junger Italiener für Frieden und Freiheit in Afghanistan zu verbreiten. Dafür werden keine Mühen gescheut: Bei einer großen Trauerfeier für einen getöteten Soldaten war der italienische Senatspräsident, der zweithöchste Politiker des Landes, anwesend. Der getötete Soldat gilt offiziell als Kriegsheld - auch wenn er eigentlich bei einem banalen Autounfall tödlich verunglückt ist.

Autor: Karl Hoffmann
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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