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Kultur

Diskurs der Vernunft: Jürgen Habermas

Demokratie und Öffentlichkeit - das sind die großen Themen von Jürgen Habermas. Auch er selbst meldet sich stets öffentlich zu Wort. In dieser Woche feiert der deutsche Philosoph und Soziologe seinen 85. Geburtstag.

Viele kennen das Gefühl: Dass man es in der Politik eher mit einem anonymen Bürokratieapparat als mit seinen eigens gewählten Vertretern zu tun hat. Und dass ein Effizienzdenken, wie es für die Wirtschaft charakteristisch ist, zunehmend auch andere Lebensbereiche durchdrungen hat. Auch Jürgen Habermas kennt das Gefühl. Und mehr noch: Eine bürokratische Massendemokratie, in der einige wenige undurchschaubare Kompromisse aushandeln, und eine "Ökonomisierung der Lebenswelt" sind für Habermas Kennzeichen der modernen Gesellschaft. Deshalb plädiert er für eine stärkere politische Beteiligung der Zivilgesellschaft - ähnlich der von ihm beschriebenen "liberalen Öffentlichkeit", in der sich Bürger einst in Kaffeehäusern trafen, um miteinander zu diskutieren und gesellschaftlich Einfluss zu nehmen.

Seine scharfsinnigen Gegenwartsdiagnosen wie im "Strukturwandel der Öffentlichkeit" - Habermas erstem großen Werk -, seine öffentlichen Stellungnahmen zu kontroversen Themen und seine Beiträge in der analytischen und politischen Philosophie machten den nicht immer leicht zu lesenden deutsche Philosophen weltbekannt. Am Mittwoch (18.06.2014) wiurde der bekannte deutsche Philosoph und Soziologe 85 Jahre alt.

Deliberative Demokratie und Diskursethik

"Was die Habermassche Theorie wie einen roten Faden durchzieht, ist das Thema 'Demokratie', das hat er selbst einmal als das 'Zauberwort' seines Denkens bezeichnet", erläutert Stefan Müller-Doohm, Soziologe und Habermas-Biograph. Dazu gehöre auch die Ansicht, dass ein kapitalistisches Wirtschaftssystem mit demokratischen Mitteln "gezähmt werden" müsse. Demokratie verstehe Habermas immer als Öffentlichkeit, und "das ist eigentlich ein anderer Ausdruck für das, was auch seine Philosophie ausmacht - nämlich die Diskursethik", sagt Müller-Doohm.

Jürgen HabermasBei einer Vorlesung in Frankfurt am Main im April 2013 (Foto: dw)

Bei einer Vorlesung in Frankfurt am Main im April 2013

Im Gegensatz zu den sogenannten postmodernen Denkern hält Habermas es für möglich, dass es auch in einer globalisierten Welt, in der unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, universell gültige Wahrheiten und moralische Grundsätze gibt. Zu denen können die (Welt)Bürger durch öffentlichen Diskurs und Konsens gelangen. Voraussetzung ist aber, dass sich die Diskursteilnehmer nicht - wie in der Politik üblich - strategisch, sondern verständigungsorientiert verhalten und bestimmte "Diskursregeln" beachten: Jeder muss die Anderen Ernst nehmen, ihnen eine gewisse Ehrlich- und Aufrichtigkeit unterstellen, jeder die gleiche Chance haben, zu Wort zu kommen. Sämtliche Zwangsmechanismen sind auszuschließen. Auf diese Weise würde der Diskurs durch Vernunft getragen. "Habermas spricht dann vom ‚'zwanglosen Zwang des besseren Arguments'. "Was argumentativ am Schluss herauskommt, ist das, was man als vorläufig wahr bezeichnen kann - wobei es keine endgültigen Wahrheiten gibt, sondern nur vorläufige", erklärt Müller-Dohm. Dass es sich bei den von Habermas beschriebenen Bedingungen um eine "ideale Sprechsituation" handelt, die in der Realität meist so nicht gegeben ist, brachte Habermas allerdings viel Kritik ein.

Gewalt des Nationalsozialismus und die Frankfurter Schule

Für Habermas-Biograph Stefan Müller-Doohm geht Habermas‘ Lebensthema Demokratie vor allem auf dessen persönliche Erfahrungen zurück, "nämlich 1945 festgestellt zu haben, dass man unter einem kriminellen Regime gelebt und es einen Rückfall in die Barbarei gegeben hat". 1929 in Düsseldorf geboren und im rheinländischen Gummersbach aufgewachsen, ist Habermas im Teenageralter, als der Terror der Nationalsozialisten endet. Später, in den 1980er-Jahren, wird er im berühmten Historikerstreit heftige Kritik an dem Versuch des Historikers Ernst Nolte üben, Parallelen zwischen den nationalsozialistischen und den stalinistischen Verbrechen zu ziehen. Für Habermas eine Relativierung der beispiellosen Grausamkeit des Holocaust.

Horkheimer und Adorno 1964 (Foto: Jeremy J. Shapiro)

Unterstützer Adorno (rechts) mit Widersachen Horkheimer (links)

Schon als junger Mann interessiert sich Habermas für gesellschaftliche Fragen und mischt sich ein. So arbeitet er nach seinem Studium (1949-1954) - unter anderem der Philosophie, Ökonomie und der Deutschen Literatur - zunächst als freier Journalist und schreibt auch für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Seine Veröffentlichungen lassen Theodor W. Adorno auf ihn aufmerksam werden, der neben Max Horkheimer als Begründer der sogenannten Kritischen Theorie (oder Frankfurter Schule) gilt. Adorno holt Habermas ans Frankfurter Institut für Sozialforschung und beeinflusst ihn mit seiner kritischen Gesellschaftsanalyse, die - knapp formuliert - der Offenlegung der ideologischen Grundlagen und Herrschaftsmechanismen dienen soll. Wegen der Aversion Max Horkheimers, dem damaligen Direktor des Instituts, gegen den jungen, marxistisch denkenden und politisch engagierten Habermas, muss dieser in Marburg habilitieren. Habermas kehrt aber 1964 nach Frankfurt zurückkehrt, als Professor für Philosophie und Soziologie - und Nachfolger Horkheimers.

Einsatz für Bürger- und Menschenrechte

Frankfurt ist eine der Hochburgen der teils gewaltsamen Studentenproteste in den 1960er-Jahren. Habermas unterstützt die politische Beteiligung durch zivilen Ungehorsam. Er distanziert sich aber von radikalen Gruppen und Studentenführer Rudi Dutschke, denen er unter anderem in seiner Schrift "Die Scheinrevolution und ihre Kinder" linken Faschismus und Aktionismus vorwirft. Damit bringt er viele Linke in Deutschland gegen sich auf. 1971 verlässt Habermas Frankfurt für die kommenden zwölf Jahre, um Ko-Direktor des Starnberger Max-Planck-Instituts bei München zu werden. In diese Zeit fällt auch die Veröffentlichung seines Hauptwerkes, der "Theorie des kommunikativen Handelns". In dieser Zeitdiagnose stellt Habermas die Umstellung der gesellschaftlichen Integration durch Kommunikation in den Vordergrund und entwickelt eine Theorie der Intersubjektivität und der kommunikativen Vernunft. 1983 kehrt Jürgen Habermas nach Frankfurt zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 als Professor für Philosophie arbeitet.

Jürgen Habermas mit seiner Frau Ute Wiesbaden 18.12.1999 (Foto: imago)

Jürgen Habermas mit seiner Frau Ute

Auch als "Pensionär" nimmt Habermas Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland. So unterstützt er unter anderem 1999 den umstrittenen NATO-Einsatz im Kosovokrieg: "Wenn es gar nicht anders geht, müssen demokratische Nachbarn zur völkerrechtlich legitimierten Nothilfe eilen dürfen", sagt Habermas damals. Als Befürworter des europäischen Integrationsprozesses, macht Habermas dennoch immer wieder auf Demokratiedefizite in der EU aufmerksam. Im Zusammenhang mit der "Eurokrise" spricht er sich gegen einen zu rigiden Sparkurs und für die Ergänzung der Währungsunion um eine "supernationale" Demokratie aus, in der die heutigen Nationalstaaten weiter Souveränität abgeben. "Was ihm vorschwebt, ist eine Weltbürgergesellschaft ohne Weltregierung. Und ein vereinigtes Europa ist da ein wichtiger Impulsgeber für diese Zielsetzung", sagt Stefan Müller-Doohm.

Für sein gesellschaftliches Engagement hat Jürgen Habermas zahlreiche Preise und Anerkennungen erhalten, wie unter anderem den Hessischen Kulturpreis (Bild) und den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2001.

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