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Kultur

"Diskriminierung ist nicht mehr an der Herkunft festzumachen"

Günter Wallraff hat mit seinen Enthüllungsreportagen Nachkriegsgeschichte geschrieben. Aufdecken und anprangern ist sein Lebensmotto. Seine Bücher erreichten Millionenauflagen und sind in 30 Sprachen übersetzt.

Günter Wallraff, Quelle: DW

Günter Wallraff

Deutsche Welle: Herr Wallraff, welches Urteil über Sie hat Sie am meisten geärgert?

Günter Wallraff: Oh, da muss ich lange nachdenken - es gibt so viele Beschimpfungen. Ich würde sagen: Auf gewisse Feindschaften bestehe ich! Wenn die anfangen, mich zu loben, dann muss ich fragen: bin ich vereinnahmt. Also wenn die "Bild"-Zeitung mich "Feder des Bösen" nennt, da bin ich fast geadelt. Andererseits: Als jetzt die "Welt" kam und einen Artikel mit "Respekt vor Wallraff" begann - im Zusammenhang mit meinem Vorschlag, die satanischen Verse im Gemeindezentrum einer Moschee zur Diskussion zu stellen - da war ich leicht verunsichert, da habe ich mich gefragt: Habe ich da was falsch gemacht?

Es geht Ihnen also auch um die richtigen Feinde. Sie wurden berühmt, als es mit den Feindbildern noch etwas einfacher war - in den 70er und 80er Jahren. Wo sind Ihre Feindbilder heute?

Ich habe keine ewigen Feindbilder. Ich wünsche mir, dass die sich irgendwann auch zivilisieren oder demokratisieren. Ich glaube an die Veränderbarkeit, nicht nur von Menschen, sondern auch von gesellschaftlichen Strukturen. Und selbst so ein menschenverachtendes Blatt wie die "BiöldBILD-Zeitung - das man immer noch das Zentralorgan des Rufmordes nennen kann -, könnte sich in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld vielleicht auch mal anders entwickeln und zumindest von dieser Aggressivität ablassen. Das hängt doch auch immer mit Persönlichkeiten zusammen - wer ist gerade der Chefredakteur? Also ich habe keine ewigen Feindbilder, ich spreche auch nicht von Feinden, ich spreche von Gegnern, und so was wie Hass geht mir völlig ab. Ich hasse keinen Menschen.

Was ist für Sie Zivilcourage?

Ich finde, Zivilcourage sollte ein Pflichtfach an den Schulen werden, statt bestimmter Kopfnoten, die wieder im Vordergrund stehen wie Fleiß, Pünktlichkeit usw. Ich finde, gerade in Deutschland sollte man an die Stelle lieber Zivilcourage stellen, das heißt in Schulen bereits Kindern Achtung vor anderen Kulturen, vor anderen Lebensarten, vor Minderheiten beibringen und auch, sich für sie einzusetzen - und wenn es drauf ankommt, auch schon mal was zu riskieren. Das wünschte ich mir. Aus dem Grunde bin ich auch häufig in Schulen - gerade in Ostdeutschland. In den letzten Jahren habe ich fast 100 Veranstaltungen gemacht - in Gegenden, wo oft die Rechtsradikalen sehr beherrschend sind, da habe ich hier und da Lockerungsübungen gemacht und hier und da sogar Einstellungen geändert.

"Ganz unten" - Ihr Buch, für das Sie sich zwei Jahre lang als türkischer Gastarbeiter getarnt hatten - war 1985 ein Riesenerfolg. Es war - so sagte das ein Kritiker - das erste Mal, dass die Deutschen mitbekamen, dass es sich wirklich um Menschen handelte, die da als Gastarbeiter für wenig Geld in den Fabriken malochten, die - wie Sie geschrieben haben - wie Dreck behandelt wurden. Gibt es heute weniger Diskriminierung von Türken, von Menschen aus anderen Ländern in diesem Land?

Es hat sich etwas verlagert, es müsste eigentlich ein neues Schwarzbuch in dieser Hinsicht erscheinen. Mir sind altersmäßig Grenzen gesetzt, obwohl ich es jetzt auch wieder über einen guten Maskenbildner und sportliche Betätigung es schaffe, 14 Jahre jünger zu erscheinen und demnächst auch wieder in einer Fabrik arbeite, aber es müsste mit Systematik gemacht werden. Es sind heute nicht mehr an erster Stelle die Türken, die ganz unten in der Gesellschaft sind - es sind heute so genannte Ostarbeiter; Polen, Rumänen, Arbeiter auf Baustellen, für die keinerlei Rechte gelten, die zum Beispiel dort, wo wir noch sechs, acht D-Mark die Stunde bekamen, es jetzt schon für zwei Euro die Stunde machen. Jeder dritte Bauarbeiter ist so ein Illegaler oder halb Legaler, und sie werden wirklich wie Ware gehandelt, geheuert und gefeuert wie es die Auftragslage gerade zulässt - auch Deutsche übrigens dabei, da wird auch nicht mehr unterschieden - Langzeitarbeitslose, gerade aus Ostdeutschland, die auch in solchen Kolonnen landen. Die Diskriminierung ist nicht mehr unbedingt an der Herkunft der jeweiligen festzumachen, sondern am gesellschaftlichen Stand. Da haben wir bereits. so genannte Dritt-Welt-Strukturen in Deutschland fest verankert.

Sie wollen bald wieder in einer Fabrik arbeiten. Nun zählen Selbsterfahrungsberichte im Grunde genommen ja schon zum Standardrepertoire der Medien. Man muss sich keine falschen Bärte mehr ankleben. Hat der Enthüllungsjournalismus in einer Zeit, in der sich alle freiwillig enthüllen - Stichwort YouTube - nicht eigentlich ausgedient?

Nun, ich habe gerade einen Gegenbeweis angetreten, zu meinem großen Erstaunen. Die kurze Zeit, die ich in zwei Callcentern verbracht habe, haben das Thema in einer solchen Weise öffentlich präsent werden lassen, dass jetzt auch Politiker reagieren und die Verbände in Unruhe sind. Also der Selbstversuch hat doch eine ganz andere Beweiskraft und Aussagekraft als wenn Sie von außen etwas behaupten oder auch recherchieren. Und ich glaube, es ist erforderlich, dass es viel mehr Leute machen sollten.

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