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Filme

"Dirty Games" - die Schattenseiten des Sports

Regisseur Benjamin Best blickt in seiner Doku in die Abgründe der globalisierten Sportwelt: Fußball, Basketball, Boxen stehen im Fokus. Im DW-Gespräch verrät er, welche Motive hinter den kriminellen Verwerfungen stehen.

Regisseur Benjamin Best bei der Fifa (Foto: W-film/Benjamin Best Productions)

Regisseur Benjamin Best bei der Fifa

Hunderte Bauarbeiter aus Nepal, die in Katar, dem Austragungsort der Fußball-WM 2022, zu Tode gekommen sind. Ganze Armenviertel, die in Brasilien für Sport- und andere Großbauten abgerissen werden. Manipulationen im großen Stil beim Boxen und Basketball. Türkische Fußballvereine im Sog der Politik - all das beschreibt der Dokumentarfilm des Journalisten und Filmemachers Benjamin Best. "Dirty Games", weltweit auf Festivals ausgezeichnet, feierte in Köln jetzt Deutschlandpremiere und startet am Donnerstag (2.6.) bundesweit in den Kinos. DW traf den Regisseur zum Gespräch.

Deutsche Welle: Herr Best, warum beschäftigen Sie sich in Ihrem Film gerade mit diesen drei Sportarten?

Benjamin Best: Ich habe mir zuallererst die Protagonisten gesucht, die ich am stärksten fand, die am besten sprechen konnten und die die spannendsten Geschichten zu erzählen hatten. So sind wir bei diesen Sportarten geblieben: beim Boxen, beim Basketball, beim Fußball. Wobei Fußball auch die Sportart ist, die auf der Welt am meisten gespielt wird, die die meisten Leute interessiert, wo es in den nächsten Jahren auch die kontroversesten Großveranstaltungen gibt.

Szene aus dem Film 'Dirty Games' von Benjamin Best (Foto: W-film/Benjamin Best Productions)

Für die Olympischen Bauten in Rio 2016 wurden ganze Armen-Viertel abgerissen um Bauraum zu schaffen

Sie beschreiben die Schattenseiten des Sports. Was hat sie daran fasziniert?

Vor allem die Verbindung zwischen Sport und Politik, zwischen Sport und korrupten Funktionären, zwischen Sport und der organisierten Kriminalität - das sind Themen, die mich generell am meisten interessieren. Also Sport in Verbindung mit anderen gesellschaftlichen oder kulturellen Themen. Wenn man sich die Sportgroßereignisse anschaut, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass dort gewaltige Interessen aus der Politik zu finden sind. Das hat mich besonders interessiert. Menschenrechtsverletzungen zum Beispiel: Mir kommt es so vor, also ob diese Sportgroßveranstaltungen durchgezogen werden, koste es, was es wolle. Skrupellos, sogar Tote werden in Kauf genommen! Von diesen Ungerechtigkeiten wollte ich in "Dirty Games" erzählen.

Welche Motive stecken dahinter?

Aus meiner Sicht sind es zwei Dinge. Zum einen: Macht - von Politikern, Regierungen, Funktionären. Aber natürlich auch Geld, das ist auch klar. Man will durch Absprachen und Manipulationen natürlich Geld verdienen. Das ist eine ganz wichtige Triebfeder.

Regisseur Benjamin Best im DW-Gespräch (Foto: Jochen Kürten)

Regisseur Benjamin Best im DW-Gespräch

Geht es auch um die Macht der Politiker, der Diktatoren, die sich bei Großveranstaltungen präsentieren wollen?

Es ist sehr viel facettenreicher. Es geht nicht nur ums Präsentieren. Es geht teilweise darum, bestimmte Gesetze durchzubringen, um - wie im Film beschrieben - zum Beispiel Armensiedlungen abzureißen, die vielen Politiken ein Dorn im Auge sind. Wie in Brasilien. Dass Gesetze erlassen werden im Rahmen von Großveranstaltungen. Dass Macht ausgeübt werden kann, die unter normalen Umständen nicht ausgeübt werden kann, oder nur sehr viel schwieriger. So werden diese Sportgroßveranstaltungen eben ausgenutzt - oder es wird die Macht der Politiker ausgenutzt, um die eigenen Interessen durchzusetzen.

Wir sehen das ja gerade in Brasilien, haben es auch im Vorfeld der Weltmeisterschaft gesehen. Immer gepaart mit Korruption. Zum Beispiel in der Baubranche. Da geht es um Stadionbauten oder infrastrukturelle Baumaßnahmen. Auch das ist ein schmutziges Spiel, das im Rahmen von Sportgroßveranstaltungen stattfindet.

Szene aus dem Film 'Dirty Games' von Benjamin Best (Foto: W-film/Benjamin Best Productions)

Der ehemalige NBA-Schiedsrichter Tim Donaghy berichtet in "Dirty Games" über Manipulationen beim US-Basketball

Es geht also um Geld, um persönliche Bereicherung?

Das ist erschreckend. Ich recherchiere jetzt schon seit knapp zehn Jahren im Bereich Wettbetrug - auch das wird im Film angesprochen: Sowohl von dem US-Boxmanager, als auch von dem NBA-Schiedsrichter - da geht's letztendlich nur ums Geld, um die persönliche Bereicherung.

Geschieht das auf allen Ebenen, Funktionäre, Sportler, Vermittler…?

Absolut, ja! Trainer sind involviert, Sportler sind involviert… Es wird aber nicht nur von außen auf den Sport eingewirkt. Natürlich geschieht das auch von innen heraus, also vom Sport selbst. Dort finden Absprachen statt. Da wird manipuliert, da wird gedopt. Man kann überhaupt nicht sagen, dass der Sport ein Opfer ist. Aus meiner Sicht trägt der Sport durch verschiedenste Manipulationen auch zu der Situation bei, die wir momentan haben.

Szene aus dem Film 'Dirty Games' von Benjamin Best (Foto: W-film/Benjamin Best Productions)

Viel Licht, aber auch viel Schatten beim Fußball: "Dirty Games"

Bei den Spitzensportlern auch, oder eher auf den Ebenen darunter?

Wenn wir von Manipulationen ausgehen, sind in Deutschland in der ersten und zweiten Liga - ich sag es mal so - keine Fälle bekannt geworden. Der Fokus, gerade in der ersten Liga, ist natürlich wahnsinnig groß. Da kann sich kein Spieler wirklich erlauben, schlechte Leistungen zu bringen. Auch noch in der zweiten Liga.

Aber was darunter passiert, da gibt es sehr wohl immer wieder Auffälligkeiten, auch in Deutschland. Da ist natürlich das öffentliche Interesse nicht so sehr groß, da sind nicht so viele Fernsehkameras dabei. Die Spieler verdienen natürlich auch ein Vielfaches weniger. Das ist wahnsinnig gefährdet. Wenn wir zum Beispiel Sportwetten nehmen: Man kann ja bis runter in den Jugendfußball wetten. Dass das gefährdet ist, das liegt auf der Hand.

Aber in Ihrem Film passieren solche Dinge natürlich auch auf dem höchsten Level, in den USA, beim Boxen, beim Basketball…

Ja klar, der NBA-Schiedsrichter hat die besten Spiele gepfiffen, die größten Sportler. Das sind ja Idole, nicht nur in den USA, sondern weltweit. Und er sagt eben, dass die Liga Einfluss nimmt und den Schiedsrichtern vorschreibt, was diese zu pfeifen haben, zum Beispiel bestimmte Regelverletzungen von Superstars nicht zu pfeifen. Weil die Superstars die Zugpferde der Liga sind. Oder zum Beispiel bei den NBA-Playoffs, den Finalspielen: Wenn dort eine bestimmte Anzahl von Siegen gefordert wird, wird so gepfiffen, dass diese Serien in die Länge gezogen werden - um weitere Einschaltquoten zu erzielen, um mehr Werbegeldern zusammenzubekommen. Da sind es also auch die höchsten Kreise. Beim Boxen sowieso: Was Größeres als Mike Tyson gab's ja nicht. Der ist ja heute noch ein großes Zugpferd.

Szene aus dem Film 'Dirty Games' von Benjamin Best (Foto: W-film/Benjamin Best Productions)

Brasilien mit den Großveranstaltungen WM und Olympia ist ein Schwerpunkt in "Dirty Games"

Führen denn gerade sportliche Großevents zu besonders vielen Verwerfungen?

Was vor allem zu Verwerfungen führt, ist das Gebaren der Funktionäre. Wenn sie sich klassische Sportländer wie Deutschland, die Schweiz, Norwegen anschauen, wo es Bürgerbefragungen gab, wo es Volkentscheide gab mit der Frage: "Wollt Ihr sportliche Großevents?", sind die doch alle durchgefallen. In den demokratischen Ländern hat man zum Glück noch diese Chance. Ich sehe das ganz klar als Denkzettel.

Ich frage mich auch, warum der Sport nicht mal sagt: 'Hey, wir müssen vielleicht mal was ändern…' Jetzt versuchen das IOC und Thomas Bach mit seiner Agenda etwas zu ändern. Das ist ja auf dem Papier ganz schön. Da muss man mal sehen, wie das in der Praxis umgesetzt wird. Ich glaube, die haben schon verstanden, dass sie so nicht weitermachen können. Es ist auch für den Sport nicht gut, wenn diese Großveranstaltungen in Ländern wie Südkorea stattfinden oder in China…

Film Dirty Games von Benjamin Best

"Ich frage mich auch, warum der Sport nicht mal sagt: Hey, wir müssen vielleicht mal was ändern…", Regisseur Benjamin Best bei der Deutschlandpremiere des Films in Köln

Sie zeigen auch eine hoffnungsvoll stimmende Episode in Ihrem Film, wo sie schildern, wie Fußball-Fans in Manchester sich von Manchester United abwenden, weil es da nur noch ums Geld geht. Diese Fans haben ihren eigenen Club gegründet, gehen nicht mehr zu den Profis ins Stadion, sondern machen ihr eigenes Ding. Ist das ein Zukunftsmodell?

Ich hab das natürlich ganz bewusst ans Ende gesetzt. Um ein Zeichen zu setzen und zu sagen, es gibt sehr wohl Fans und Zuschauer, die sich gegen dieses System und gegen die neuen Entwicklungen im Fußball auflehnen. Aus meiner Sicht müsste das viel mehr passieren. Letztendlich haben ja die Zuschauer und die Fans Macht. Sie müssen ja nicht ins Stadion gehen. Sie müssen ja den Fernseher nicht anschalten. Aus meiner Sicht sehen zu viele Leute den Sport noch als Unterhaltung an. Das ist er natürlich auch - aber mittlerweile, mit diesen Auswüchsen, darf man einfach nicht mehr wegschauen. Da haben die Fans für mich auch eine Verantwortung - und Manchester ist da das Paradebeispiel, wo die Reise hingehen kann. In Deutschland gibt es da auch schon Ansätze, in Hamburg zum Beispiel.

Das Gespräch führte Jochen Kürten. Mehr zum Film "Dirty Games" auch in der neuen Ausgabe von KINO.

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