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Diren D. und die Suche nach der Wahrheit

Im April 2014 stirbt der deutsche Schüler Diren in den USA. Der Schütze ist ein Hausbesitzer, der einen Einbrecher vermutet. Hatte er eine Falle gestellt? Ein US-Gericht sucht die Wahrheit. Nalan Sipar aus den USA.

"Stellen Sie sich vor, Sie bekommen einen Anruf. Die Stimme am anderen Ende der Leitung sagt: 'Komm raus! Ich will dich schlagen'. Würden Sie Ihr sicheres Haus verlassen und hinausgehen?", fragt der Staatsanwalt. Die Geschworenen im Gerichtssaal von Missoula, einer kleinen Stadt im US-Bundesstaat Montana, denken nach.

Der Staatsanwalt versucht, die zwölf

Geschworenen

in einem Auswahlverfahren so gut wie möglich kennenzulernen. Schließlich sollen die acht Frauen und vier Männer entscheiden, ob der mutmaßliche Todesschütze Markus Kaarma schuldig ist oder nicht. Hat der US-Bürger den 17jährigen Hamburger Diren Dede in eine Falle gelockt oder hat er ihn aus Notwehr getötet?

Der Verteidiger von Markus Kaarma erzählt den Laienrichtern eine Anekdote aus seinem Leben: "Als meine Tochter geboren wurde, wollte mein Vater ein Foto von ihr machen. Er drückte auf den Knopf der Kamera und plötzlich leuchtete das Licht der Kamera und meine Tochter war erschreckt. Ich habe meinen Vater ziemlich laut angeschrien." Nach dieser kleinen Geschichte wendet sich der Anwalt an die Geschworenen: "Wollen Sie auch Ihre Familie schützen?" Kaarmas Verteidiger soll einer der besten Anwälte in Missoula sein. "Kaarma konnte ihn sich leisten, weil er eine ziemlich reiche Familie hat", sagt ein lokaler Reporter.

Kleinstadt mit mehreren Waffengeschäften

USA Missoula Tatort Garage, Ein graues Haus und eine Garage mit zwei Doppeltoren+++Foto:(c) dpa - Bildfunk

Tatort Missoula: In dieser Garage wurde Diren Dede erschossen

Am Ende des Tages verlassen die Geschworenen, Anwälte und zahlreiche Medien das Gericht. Sie verschwinden alle in den ruhigen Straßen von Missoula. Auf den Bergen um die Stadt herum liegt weißer Schnee. Von dort wirkt Missoula idyllisch. Hier hatte der 17jährige Hamburger Diren Dede bereits mehrere Monate als Ausstauschschüler verbracht. In der verhängnisvollen Nacht war er in der Nachbarschaft seiner Gastfamilie unterwegs, gemeinsam mit einem anderen Austauschschüler. Sie hätten sich gelangweilt und seien auf der Suche nach etwas zu trinken in eine offene Garage gegangen, erklärte Direns Begleiter später. Der Besitzer der Garage, Markus Kaarma, vermutete Einbrecher und schoss.

Der Besitz von Schusswaffen ist offenbar nichts ungewöhnliches in Missoula. In dieser kleinen Stadt mit etwa 66.000 Einwohnern gibt es mehrere Waffengeschäfte. Am Wochenende werden "Waffenshows" veranstaltet, zu denen Kinder unter zwölf Jahren freien Eintritt haben.

Das Haus wie eine Festung verteidigen

Ein Kind testet auf einer Messe ein halbautomatisches Gewehr Halbautomatisches Gewehr Messe Kind Photo by Whitney Curtis/Getty Images)

Fragwürdige Kinderfreundlichkeit: Kostenloser Eintritt für die Jüngsten auf Waffenmessen

Seit 2009 gilt hier wie in mehr als der Hälfte aller US-Bundesstaaten die sogenannte "Castle-Doctrine", zu deutsch etwa: Schloss-Doktrin. Dieses Gesetz wird wohl zum Knackpunkt des Verfahrens gegen den Schützen Kaarma. Es erlaubt, den Begriff der Notwehr besonders weit zu fassen: Wer sich auf seinem eigenen Grund und Boden bedroht fühlt, darf sich notfalls mit Waffengewalt verteidigen. "Man schützt seine Familie, sein Haus. Und wenn manche blöde Sachen tun, dann müssen sie auch mit Konsequenzen rechnen", sagt ein Bewohner der Stadt. Manchmal könne so etwas eben auch tödlich enden.

Die Politikerin Ellie Hill, die für die Demokraten im Repräsentantenhaus von Montana sitzt, kennt diese Einstellung der Missoulaner. "Seitdem diese Doktrin gebilligt wurde, meinen viele Amerikaner, sie könnten erst schießen und dann fragen", sagt Hill. Kurz nach dem Fall Diren habe sie eine Änderung des Gesetzes gefordert. Aus ihrer Sicht ist das Recht zur Selbstverteidigung gegen Einbrecher auf Betreiben der

US-Waffenlobby

ausgedehnt worden. "Ich glaube an unsere Verfassung und das Recht, Waffen zu tragen; aber ich glaube nicht daran, dass ein junger Mann dafür mit seinem Leben zahlen muss".

"Seine Mutter sucht Diren hier in jeder Straße"

Viele Männer Tragen einen Sarg, der mit einem grünen Tuch behängt ist Foto: Bodo Marks/dpa

Anfang Mai wird der 17jährige in Hamburg beigesetzt

"Den Tod des eigenen Sohnes zu erleben - Das wünsche ich nicht mal meinem Feind", sagt Celal Dede, Direns Vater. Er und seine Frau Gülcin sind hier, um den Prozess zu verfolgen. Celal Dede ist zum zweiten Mal in Missoula. Aber Direns Mutter sieht die Stadt, in der ihr Sohn zuletzt gewohnt hat, zum ersten Mal. "Meine Frau besuchte Direns Gastfamilie. Sie hat sich sein Zimmer angeschaut und den Garten, in dem er immer saß." Plötzlich bricht seine Stimme. Er versucht, sich zu beherrschen, nicht zu weinen und spricht weiter: "Irgendwie sucht sie Diren in jeder Straße."

Direns Eltern sind emotional sehr belastet. Aber sie sind froh, dass sowohl viele türkische Familien als auch Direns US-Gastfamilie sie nicht allein lassen. Auch rechtlich stehen Direns Eltern nicht allein. Die Anwälte Andreas Thiel und Bernhard Docke sind aus Deutschland mit angereist, um die Familie während des Prozesses rechtlich zu beraten. Thiel ist zufrieden, dass die amerikanische Staatsanwaltschaft sich sehr engagiert um den Fall kümmere.

Notwehr oder eine Falle?

Als deutscher Anwalt will Andreas Thiel die Faktenlage sehr vorsichtig beurteilen. "Nach der Faktenlage der Staatsanwaltschaft Hamburg ist es für uns keine gerechtfertigte Situation , in der man schießen kann", meint der Hamburger Anwalt. Falls weitere Fakten bestätigt werden sollten, wie beispielsweise, dass Markus Kaarma seine Garagentür absichtlich offen gelassen hatte oder eine Handtasche hingestellt haben soll, würde Thiele das als eine Falle bezeichnen. "Und dann noch dort hinzugehen und zu schießen, ist nach unseren Rechtsmaßstäben und unserer Bewertung keineswegs gerechtfertigt und nicht durch Notwehr gedeckt", beurteilt Thiele.

"Ich werde nie wieder normal Leben können"

Celal Dede und Gülcin Dede Foto: dw./Daniela Späth

Die Eltern des Getöteten: Celal und Gülcin Dede

Nach der Auswahl der Geschworenen am Dienstag (2.12.2014), wird der eigentliche Prozess, die Hauptverhandlung, heute (04.12.2014) beginnen. Direns Familie, die deutschen Anwälte und auch viele Einwohner in Missoula verfolgen den Prozess tagtäglich. Direns Cousin Yigit Durucan aus Hamburg, der auch sein bester Freund war, ist besorgt. "Jeden Morgen wenn ich aufwache, nehme ich als erstes mein Handy in die Hand und gebe bei Google "Diren Dede" ein. In der Hoffnung, dass etwas Neues veröffentlicht wurde."

Von diesem Prozess in Missoula erhoffe er sich, dass der Schütze verurteilt werde. "Ich habe große Hoffnung. Denn gerade Direns Gasteltern, Freunde, Lehrer in Montana zeigen, dass es auch sehr tolle Menschen dort gibt. Möge die Gerechtigkeit und Menschlichkeit siegen."

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