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Deutschland

Diplomatischer Spagat für Ägyptens Präsident

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi befindet sich angesichts der Ausschreitungen vor den US-Vertretungen in Kairo und Bengasi in einem Dilemma. Erst nach drei Tagen bezog er Stellung.

Protesters destroy an American flag pulled down from the U.S. embassy in Cairo September 11, 2012. Egyptian protesters scaled the walls of the U.S. embassy on Tuesday, tore down the American flag and burned it during a protest over what they said was a film being produced in the United States that insulted Prophet Mohammad. REUTERS/Mohamed Abd El Ghany (EGYPT - Tags: CIVIL UNREST POLITICS RELIGION)

Bildergalerie antiamerikanische Stimmung Nahost Kairo

Es ist eine Mischung aus Anti-Polizei-Gesängen junger Fußball-Hooligans und religiöser Slogans über den Propheten Mohammed, die durch Kairos Zentrum hallt. Die Demonstranten greifen mit Steinen die Sicherheitskräfte an, die wiederum mit Tränengas versuchen, die Demonstranten Richtung Tahrir-Platz zu drängen - weg von der amerikanischen Botschaft. Seit Dienstag demonstrieren dort Hunderte gegen einen Film, in dem der Prophet Mohammed unter anderem als Homosexueller dargestellt wird. Der Film "Innocence of Muslims" (Die Unschuld der Muslime) soll zwar schon im Juli entstanden sein. Er wurde aber erst jetzt ins Arabische übersetzt und im Internet gezielt verbreitet. Daraufhin riefen mehrere Salafisten-Gruppen in Ägypten und anderen Ländern der arabischen Welt zu Protesten auf.

In Libyen starben nach Angriffen auf das US-amerikanische Konsulat am Dienstagabend in Bengasi vier US-Diplomaten, darunter auch der Botschafter Christopher Stevens. Mittlerweile wird vermutet, dass es sich bei dem Angriff um einen geplanten Anschlag gehandelt hat. Der Film sei wahrscheinlich nur hilfreiche Deckung gewesen. Ein amerikanischer Regierungsvertreter sagte, es gebe Anzeichen dafür, dass Mitglieder einer militanten Organisation, die sich "Ansar al Sharia" nenne - was sich mit "Unterstützer des islamischen Rechts" übersetzen lässt -, an dem Anschlag beteiligt gewesen seien.

Nicht alle Demonstranten haben den Film gesehen

Ausschreitungen in Kairo: Ein Mann steht mit ausgebreiteten Armen vor einer Gruppe weiterer Demonstranten (Foto: REUTERS/Amr Abdallah Dalsh)

Geht es um einen Film? Oder ums Prinzip? Ausschreitungen in Kairo

"Ich bin hier, um meinen Propheten zu verteidigen und gegen die Sicherheitskräfte zu demonstrieren, die auch Muslime sind und mich davon abhalten, meine Stimme zu erheben. Nichts hat sich geändert unter Präsident Mohammed Mursi", sagt der 27-jährige Abdallah al-Masry, der auf dem Tahrir-Platz in Kairo demonstriert. Für viele geht es nicht mehr nur um den Film, sondern um alte Rechnungen, die sie mit den Sicherheitskräften offen haben.

Vor allem die Fußball-Hooligans haben in den vergangenen 21 Monaten immer wieder an vorderster Front gegen die Sicherheitskräfte gekämpft, der Hass ist groß. Die meisten, die jetzt Steine werfen, haben den Mohammed-Film noch nicht einmal gesehen. Ihnen geht es ums Prinzip. Details interessieren da wenig.

Mursi verurteilt die Angriffe und kritisiert den Film

Präsident Mohammed Mursi befindet sich derweil in einem Dilemma: Auf der einen Seite will er sich offenbar nicht klar gegen die Proteste aussprechen, denn damit würde er viele Sympathiepunkte bei der Bevölkerung verspielen. Den Propheten zu beleidigen ist für alle gläubigen Muslime ein Tabu. Gleichzeitig muss er als Präsident die Sicherheit ausländischer Diplomaten und deren Vertretungen garantieren. Ein diplomatischer Spagat.

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi (links) und der Präsident des Europäischen Rates, Van Rompuy, in Brüssel (Foto: REUTERS/Francois Lenoir)

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi (links) und der Präsident des Europäischen Rates, Van Rompuy

Erst auf einer Pressekonferenz in Brüssel fand Mursi klare Worte. Er verurteilte die Angriffe auf die US-amerikanischen diplomatischen Vertretungen in Kairo und Bengasi und die Tötung unschuldiger Menschen. Wer nur einen Menschen töte, habe gleichsam die ganze Menschheit getötet, zitierte Mursi aus dem Koran. Gleichzeitig verurteilte er aber auch den Film: "Wir Ägypter lehnen jede Art der Beleidigung gegen unseren Propheten ab." Er versicherte, dass die Ägypter ein Recht auf friedlichen Protest hätten und dass Ägypten stark genug sei, ausländische Vertretungen und ihre diplomatischen Mitarbeiter zu beschützen.

Die Demonstranten fordern derweil eine offizielle Entschuldigung der amerikanischen Regierung für den Film. Dass der wohl das Produkt einer Gruppe radikaler Islam-Hasser ist und in keiner Weise von der amerikanischen Regierung unterstützt wird, interessiert sie wenig.

Weitere Massen-Demonstrationen geplant

Demonstranten stehen auf einer Mauer und zerreißen eine US-Flagge (Foto:Mohammed Abu Zaid/AP/dapd)

Ägypten rechnet mit weiteren Massenprotesten

Für weitere Spannungen könnte sorgen, dass in den ägyptischen Medien immer wieder der Name eines ägyptischen Kopten mit Wohnsitz in den USA im Zusammenhang mit der Verbreitung des Films genannt wird. Mittlerweile sind fünf Anzeigen beim Generalstaatsanwalt wegen des Films eingegangen. Mehrere Kopten wurden auf eine so genannte "schwarze Liste" gesetzt, um sie bei der Einreise nach Ägypten sofort abzufangen und vor Gericht zu stellen. Die Koptische Kirche in Ägypten hat den Film verurteilt.

Für Freitag (14.09.) hat die Moslembruderschaft zu Massenprotesten nach dem Gebet vor allen großen Moscheen des Landes aufgerufen. Präsident Mohammed Mursi wird beweisen müssen, ob er und seine Regierung tatsächlich in der Lage sind, die US-Botschaft und ihre Mitarbeiter ausreichend zu schützen.

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