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Kultur

Dimiter Gotscheff - ein Berserker des deutschen Theaters

Das deutsche Theater hat einen brillanten Regisseur verloren. Am Sonntag starb der gebürtige Bulgare Dimiter Gotscheff nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin. Der Revoluzzer und Theaterneuerer wurde 70 Jahre alt.

Er verachtete Kompromisse und träumte von einem Theater der Unbedingtheit. Mit minimalistischen radikalen Inszenierungen wollte er die Welt auf der Theaterbühne in den Griff kriegen. Dimiter Gotscheff, der trinkfreudige, Kette rauchende Hüne mit der weiß wallenden Mähne und dem grummelnden Bass blieb sich treu als Träumer und Revoluzzer. "Berserker" wurde er wegen seiner Unnachgiebigkeit im Umgang mit Texten und Getreuen genannt. Die Theatervorlagen, denen er analytisch auf den Grund ging, waren von Aischylos, Shakespeare, Tschechow und immer wieder von Heiner Müller.

Ringen ums Existenzielle

Samuel Finzi, Wolfram Koch und Almut Zilcher in Gotscheffs Inszenierung Die Perser am Deutschen Theater Berlin (Foto: picture-alliance/ dpa)

Gotscheffs Lieblingsschauspieler in "Die Perser" am Deutschen Theater Berlin

Zu seiner unzertrennlichen "Theaterfamilie" gehörten seine Ehefrau Almut Zilcher, Margit Bendokat und das Komödiantengespann Samuel Finzi und Wolfram Koch. Ihre große Kunst trug ihnen den Beinamen "Verführungs-Viererbande" und zusammen mit ihrem Regiemeister Dimiter Gotscheff zuletzt den Berliner Theaterpreis ein. Unvergesslich ist, wie sie in "Die Perser" am Deutschen Theater in Berlin zur Hochform aufliefen. Margit Bendokat gab berlinisch kieksend den Einfrau-Chor und Samuel Finzi und Wolfram Koch verstrickten sich auf rotierender Drehbühne im Vergeblichkeitskampf. Da wurde das System Gotscheff erkennbar: das unbedingte Ringen ums Existenzielle.

Ebenso Bahn brechend und wirkungsmächtig ist Gotscheffs Inszenierung von Tschechows "Iwanow" an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Auf leerer Bühne entsteht im Dauernebel Desillusionierungstheater von hoher Dringlichkeit. Im sonst schwarzen Theaterraum ließ Gotscheff seine Bühnenbildner mit Nebel, Konfetti, Licht oder Schaum oft überraschende Akzente setzen. Doch ein Schaumschläger der Attitüden und der Moden war der Grundehrliche nie.

Iwanow - Inszenierung an der Berliner Volksbühne (Foto: picture-alliance/ dpa)

Klassiker gegen den Strich gebürstet - "Iwanow" an der Berliner Volksbühne

Geliebt und gefürchtet

Aufgewachsen sei er, der am 26. April 1943 in Bulgarien als Sohn eines Tierarztes geborene Dimiter Gotscheff, "mit dieser urchristlichen oder auch urkommunistischen Idee, die Welt neu zu gestalten". 1962 kam er mit seinem Vater in die DDR, wo er zunächst Veterinärmedizin studierte und dann Theaterwissenschaft. Dimiter Gotscheff lernte sein Handwerk bei dem legendären Regisseur und Brecht-Schüler Benno Besson. Seinen frühen Ruhm und die besondere Verbindung zu dem Dramatiker Heiner Müller begründete er mit der Erstaufführung von dessen Stück "Philoktet" in Sofia. Später sollte er um dieses sperrige Stück noch einmal rauchend, schweigend, trinkend ringen: als sein eigener Hauptdarsteller an der Berliner Volksbühne.

Der Schauspieler und Regisseur Dimiter Gotscheff (Foto: picture-alliance/ dpa)

Regisseur und Darsteller in "Die Hamletmaschine" am Deutschen Theater Berlin

"Mitko", wie er von Freunden und Weggefährten liebevoll genannt wurde, war geliebt und auch gefürchtet. Seine Schauspieler mussten sich ebenso auf seine Unbedingtheit einlassen, wie das immer wieder herausgeforderte und oft auch überforderte Publikum. In Erinnerung bleiben werden seine Umsetzung von Müllers "Hamletmaschine" mit ihm selbst als Mitspieler. Und zuletzt, seine analytisch genauen Shakespeare-Kommentare.

Einfach war es nie mit Dimiter Gotscheff. Spannend immer. Er hatte noch soviel vor. Im nächsten März sollte am Wiener Burgtheater Becketts "Endspiel" herauskommen; im Juni "Warten auf Godot" am Deutschen Theater in Berlin. Dort wird sein plötzlicher Tod am Sonntag (20.10.2013) erschüttert kommentiert. Intendant Ulrich Khuon hob "die besondere Gabe der verschmitzten Doppelbödigkeit und Ironie" hervor, die Dimiter Gotscheff auszeichnete. Die wird besonders fehlen im oft selbstverliebten Theaterbetrieb.

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