Digitalisierung überfordert Politik | Wirtschaft | DW | 12.01.2017
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G20

Digitalisierung überfordert Politik

Wie können wir uns die digitale Zukunft bestmöglich erschließen? Das soll unter deutschem G20-Vorsitz intensiv diskutiert werden. Eine erste Bestandsaufnahme fällt trostlos aus. Es gibt zu viele digitale Analphabeten.

Das erste, was Kinder in der Schule lernen, ist lesen und schreiben. Der Umgang mit der Schrift ist Grundlage für das weitere Leben. Das gilt nach wie vor, doch genauso wichtig wie Lesen und Schreiben wird der Umgang mit der Informations- und Kommunikationstechnologie. Wer sich in der Welt des Internets und der Computer nicht zurechtfindet, der kann beruflich und gesellschaftlich nicht mehr mithalten und gerät ins digitale Abseits.

Aktuell gilt das für 60 Prozent der Menschen. Das hat die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung errechnet. OECD-Stabschefin Gabriela Ramos nennt sie digitale Analphabeten. Dass es so viele sind, hat nur zum Teil mit fehlender Infrastruktur zu tun. Weltweit haben vier Milliarden Menschen Zugriff auf das Internet, das sind 60 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Immer mehr werden abgehängt

Aber auch in Ländern, in denen es eine gute Infrastruktur gibt, hält sich der Großteil zurück. Laut  OECD nutzen in der Gruppe der 16- bis 65-jährigen lediglich ein Viertel der Menschen die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologie. "Wir denken immer, es sind so viele, aber in vielen Unternehmen und in den Schulen wird das eigentlich gar nicht genutzt", kritisiert Ramos. In den Schulen werde vor allem Wissen vermittelt, von den Kindern werde gefordert, etwas auswendig zu lernen. "Die Kinder müssen kreativ denken lernen, das müssen wir in unser Bildungssystem einfügen."

Steve-Jobs-Schule in Sneek, Niederlande (AFP/Getty Images/C. van der Veen)

Kinder früh an die kreativen Seiten der Digitalisierung heranführen - eine Herausforderung

Bei den Erwachsenen beobachtet die OECD zudem ein mit dem Alter zunehmendes Unbehagen. "Viele Menschen fühlen sich nicht wohl mit der Nutzung dieser neuen Geräte", so Ramos. Das liegt auch an der Geschwindigkeit, mit der sich die Digitalisierung vollzieht. Die wenigsten können der technischen Entwicklung in dem Maße folgen, wie es nötig wäre. Der Graben wird immer größer. Während einige wenige auf der Höhe der Zeit sind, hinkt der Rest immer weiter hinterher.

Nickende Beamte

Das ist überall zu beobachten, in der Bevölkerung, in kleinen und mittleren Unternehmen, vor allem aber auch in der Politik. "Es gab noch nie einen größeren Widerspruch zwischen dem Prinzip der agilen Entwicklung und dem Prinzip, wie Regierungen funktionieren", stellt Dorothy Gordon fest, die als technologische Beraterin am Chatham House, einem politischen Institut in London, arbeitet. Selbst in den Ministerien würden viele die Digitalisierung immer noch als technisches Problem verstehen. "Die, die eigentlich Triebfedern sein sollen, sind wirklich nur ignorant und haben keine Ahnung, worin die wirklichen Probleme bestehen", so Gordon.

Regierungen würden nach wie vor innerhalb der eigenen Landesgrenzen denken und handeln. Es sei doch lächerlich, dass es ein Problem sei, die Besteuerung von Plattformunternehmen wie Google zu lösen. "Wenn sich Beamte in einem Themengebiet nicht wohlfühlen, dann wissen sie, dass sie in einer Regierung überleben können, indem sie nicken, den Kopf senken und gar nichts tun."

Auch in der Wirtschaft hapert es

Mangelnde Kenntnis über die Digitalisierung macht auch der Wirtschaft zu schaffen. Wobei es einen gewaltigen Unterschied zwischen großen Konzernen und kleinen Unternehmen gibt. Während in Deutschland jeder zweite größere Betrieb externe Berater hinzu zieht und sich das fehlende Wissen damit an Bord holt, geben drei Viertel der Mittelständler an, dass Beratungsleistungen zur digitalen Transformation des eigenen Geschäfts kein Thema für sie sind. Das hat der deutsche ITK-Branchenverband Bitkom in einer aktuellen Umfrage erfahren. Es herrscht große Unsicherheit, gerade weil das Wissen und die Weitsicht fehlen.

Symbolbild Mensch und Maschine - Airbus A350 Broughton (Getty Images/AFP/O. Scarff)

Computereinsatz im Airbus-Werk Broughton: Der Graben wird immer größer

Weil das Problem so groß ist, hat Deutschland die Digitalisierung zu einem Schwerpunkt der deutschen G20-Präsidentschaft gemacht. "Wir haben dieses Thema nicht ausgewählt, weil es modern ist oder weil es jeder macht, sondern weil die Digitalisierung die entscheidende Herausforderung in den nächsten Jahrzehnten ist", sagt Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. 

Die Welt nicht kaputt machen

Am 1. Dezember hat Deutschland den Vorsitz in der G20 von China übernommen. Die 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer plus die EU sind als G20 zusammengeschlossen. Im April werden sich die Digitalminister aller Staaten in Düsseldorf treffen. Es geht darum, eine gemeinsame Agenda zu finden, um die Transformation in die digitale Gesellschaft politisch begleiten zu können. Doch selbst die Politiker erkennen, dass ihnen die Zeit davon läuft. "Niemand weiß, wo die Digitalisierung hingeht", sagt Machnig und hört sich fast ein wenig hilflos an, als er noch etwas von einem "neuen politischen Instrumentarium" hinterher schiebt.

Der chinesische Unternehmer Lv Jian sieht die Sache weitaus pragmatischer. Schnelle Lösungen seien nicht in Sicht, eines aber unabdingbar: "Wir müssen sicher stellen, dass wir die im digitalen Wandel befindliche jetzige Welt und Gesellschaft nicht kaputt zu machen." Erst die kommende Generation werde in zwanzig bis dreißig Jahren die digitale Ära bestimmen. "Wir müssen unseren Kindern eine Welt übergeben, die nicht in Stücke zerbrochen ist."

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