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Kultur

Digitale Zugabe

Wenn Jugendliche kaum Bücher kaufen, fragen Verlage: Was konsumieren die denn dann? Meinungsforscher antworten: Visuelle und interaktive Medien. Und die Verlage kombinieren: Buch plus Extras im Internet. Gefällt uns das?

Mädchen sitzt am Computer (Foto: dpa)

Was macht dieses Mädchen am Computer?

Grausamer geht es nicht. Keiner kann Sqweegel toppen. Wenn der mordet, dann richtig mies, und deshalb haben die amerikanischen Strafverfolgungsbehörden extra für diesen Serienkiller eine neue Kategorie der Grausamkeit geschaffen: Level 26. Soweit der Story-Cliffhanger des aktuellen Buches von Drehbuchautor Anthony E. Zuiker ("CSI"), das im Dezember in der deutschen Übersetzung im Lübbe Verlag erschienen ist – die erste "digi-Novel" der Welt. Markengeschützt. Film überlagert Fantasie

Es ist seichte Unterhaltungsliteratur mit Gruselfaktor, die nur dadurch interessant wird, dass die dazu gehörige Internetseite filmische Extras liefert. Auf www.level26.com kann man sich 19 kurze Filme ansehen, die die Handlung des Buches erweitern und vertiefen sollen. Filmtechnisch gesehen jugendfrei, nie wird ein Mord wirklich gezeigt, alles wird nur angedeutet. Trotzdem muss man sich registrieren und ein Geburtsdatum angeben. Wer jünger als 14 Jahre ist, bekommt keinen Zugang zur Seite und kann die Filme nicht sehen. Natürlich kann man da tricksen, aber die Anbieter sind auf der sicheren Seite.

Screenshot der Website www.level26.com (Foto: DW)

Filme gucken und selber einstellen: Ist hier beides möglich?

Allerdings hat das, was man zu sehen bekommt, vor allem einen Effekt: Die eigene Phantasie wird ausgeschaltet. Die Figuren im Buch bekommen die Gesichter aus den Filmen. Mir persönlich und auch "MaRita S" ist das nicht egal. Sie kommentiert das Projekt im Diskussionsforum auf der Internetseite so: "Die Idee, ein Buch mit dem Internet zu verknüpfen, finde ich spannend und aufregend. Aber es nimmt mir auch meine eigene Fantasie (...). Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das gut finde..." Nervöse Bücher für nervöse Leser

Und User "Pinkerton" schreibt im gleichen Forum: "Die Idee, ein Buch mit Netzfilmen zu verknüpfen, finde ich gut, aber die Umsetzung ist (...) misslungen. Jedes Computerspiel hat heutzutage überzeugendere Zwischensequenzen. (...)" Andere traditionelle Leser fragen sich: "Wer will schon ein Buch und dazu noch das Notebook mit ins Bett nehmen?" Aber diejenigen, die so denken, gehören vielleicht gar nicht zu der Zielgruppe, die der Verlag mit dem Projekt "Level 26" erreichen möchte: Jugendliche und junge Erwachsene, denen das Lesen alleine keinen Spaß macht. Die so denken wie der Kulturtheoretiker und Ökonom Dirk Baecker.

Cover des Buches 'level 26' (Foto: Lübbe)

Das ganz normale Cover des ganz normalen Thrillers im Buchformat

Er ist der Meinung, dass das klassische Buchformat heute nicht mehr zeitgemäß ist. In einem Interview mit dem "Börsenblatt des Deutschen Buchhandels" sagte er, dass Bücher "nervöser" werden müssen. Sie sollten zwischen den Medien wechseln und "dürfen nicht mehr auf den langen Atem vertrauen, den man allenfalls noch in den Winterferien, fern aller Internetanschlüsse, aufbringt." Das ist ein schlüssiger Gedanke in Zeiten von mobilem Internet, das zahlreiche Medienangebote immer und überall zugänglich macht.

In Frankreich gibt es bereits ein Hyperbuch, in das Flashcodes eingestreut sind, die man mit internetfähigen Handys einlesen kann, um dann direkt multimediale Zugaben im Netz sehen, lesen und hören zu können. Klar ist es möglich, dass irgendwann die Generation der traditionellen Leser faktisch ausgestorben ist und Bücher nur noch gelesen werden, wenn man digitale mediale Extras dazu bekommt. Dann steht der Lübbe-Verlag mit seiner "digi-Novel" Erfahrung vorbereitet da. Denn die Anbieter bitten die User auf der Internetseite auch gezielt um Tipps und Anregungen für die Handlung der Folgeromane. So weiß man, was gewünscht wird. Und was sich verkauft.

Autorin: Marlis Schaum

Redaktion: Gabriela Schaaf


Anthony E. Zuiker und Duane Swierczynski, "Level 26: Dark Origins", Lübbe, 425 Seiten, ISBN 978-3-7857-6027-7