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Sport

Digel: "Verheerendes Image des IOC"

Im DW-Interview analysiert der Sportsoziologe Helmut Digel die Absage an Olympia. Als Ursachen sieht er das schlechte Image des IOC und hausgemachte Fehler. Für künftige Bewerbungen fordert Digel neue Maßstäbe.

DW: Herr Digel, die Münchener und die Bürger der anderen Bewerbergemeinden haben der Olympiabewerbung für 2022 eine deutliche Absage erteilt. Wie bewerten sie diese Entscheidung?

Professor Helmut Digel: Ich bin davon ausgegangen, dass es eine knappe Entscheidung wird. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass man Probleme in München bekommt, während ich dagegen sehr zuversichtlich war, dass in den anderen Landkreisen eine große Zustimmung zu erwarten ist. Jetzt müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass hier in einer demokratischen Willensbildung dem Internationalen Olympischen Komitee und auch dem Deutschen Olympischen Sportbund mitgeteilt wurde: Wir wollen keine Olympischen Winterspiele in Bayern.

Was bedeutet dieses Nein?

Diese Entscheidung muss uns sehr zum Nachdenken führen. Und zwar zu einem grundsätzlichen Nachdenken. Denn nachdem nun Österreich und die Schweiz sich bereits gegen Olympia ausgesprochen haben und sich nun auch der größte demokratische Staat in Westeuropa ebenfalls gegen Olympische Spiele ausspricht, bedeutet das für das IOC, dass es künftig ausgesprochen schwierig wird, in Demokratien Olympische Spiele auszurichten. Die große Gefahr ist darin zu sehen, dass man sich dann vermehrt an Diktaturen wendet oder an autoritäre Systeme, die, ohne ihre Bürger zu befragen, bereit sind, solche Großereignisse auszurichten. Das wäre fatal für die weitere Entwicklung der olympischen Bewegung. Deswegen wird es in der weiteren Zukunft vor allem darum gehen, dass das IOC der Weltöffentlichkeit seine Reformbereitschaft klarmacht. Das Bewerbungsverfahren muss ganz wesentlich vereinfacht werden. Die damit verbundenen Kosten sind ganz wesentlich zu reduzieren. Die Auflagen gegenüber den Ausrichterstädten sind zurückzunehmen. Und es muss für die Nationen, die sich um Olympische Spiele bewerben, deutlich werden, dass sich die Ausrichtung auch lohnen kann.

Sie werten offenbar die Entscheidung als "Denkzettel" für das IOC und mahnen Reformen an. Trauen Sie Thomas Bach, der es als erster Deutscher vor wenigen Monaten an die Spitze des IOC geschafft hat, diese Veränderungen zu?

Also erst mal müssen wir national auf der Ebene des DOSB einiges lernen. Wir haben in vielerlei Hinsicht unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Es reicht nicht aus, sich damit zufrieden zu geben zu sagen: Wir wollen olympische Spiele haben. Sondern man muss die Menschen überzeugen, dass solche Spiele eine lohnenswerte Sache sind. Da hat man in Bezug auf die Bewerbung in Bayern erheblich versagt. Das ist weniger den Städten zuzurechnen als vielmehr den Verbänden, die fast nichts unternommen haben.

Russlands Präsident Putin(l) beim Händedruck mit IOC-Chef Thomas Bach bei einem Treffen in Sotchi Ende Oktober 2013 (REUTERS/Alexander Zemlianichenko/Pool)

Kennt die Probleme: IOC-Chef Bach (r.) mit Russlands Präsident Putin bei seinem Besuch in Sotchi Ende Oktober

Auf der internationalen Ebene denke ich, dass der neue Präsident Thomas Bach die Probleme des IOC schon längst wahrgenommen hat. Er ist auch bemüht, entsprechende Initiativen zu ergreifen. Das Image, das das IOC derzeit in der Weltöffentlichkeit hat, ist verheerend. Das muss sich ganz wesentlich bessern. Bach ist sich auch bewusst, dass die Frage im Raum steht, wie das Programm und die Größe der Olympischen Spiele künftig zu gestalten sind. Es kommt darauf an, dass er die richtigen Schritte einleitet. Ob dies allerdings bei der gegenwärtigen Zusammensetzung des IOC möglich ist, daran darf man erhebliche Zweifel haben.

Wenn wir den Blick etwas weiter in die Zukunft richten: Was bedeutet diese Ablehnung für kommende Olympiabewerbungen in Deutschland?

Zunächst einmal glaube ich, dass es die Folge hat, dass, wo immer sich Städte in demokratischen Ländern um die Ausrichtung von Olympischen Spielen bewerben werden, als erste Hürde eine Volksabstimmung zu bewältigen ist. Das betrifft Sommer- wie Winterspiele gleichermaßen und wird durchaus zu Problemen führen. Wenn sich Deutschland für Sommerspiele bewerben möchte, ist der demokratische Maßstab nunmehr vorgegeben. Es bedarf einer Volksabstimmung, ob man diese Spiele haben will oder nicht. Das hatten wir in dieser Form bisher noch nie. Doch jetzt ist dieser Maßstab definiert, und ich glaube, das gilt für alle westlichen Demokratien gleichermaßen.

Abgesehen vom schlechten Image des IOC in den westlichen Demokratien - resultiert die Entscheidung aus Ihrer Sicht auch aus der Geisteshaltung? Hat die Zufriedenheit, das Bewahrenwollen über die Risikofreude triumphiert?

ARCHIV - Der erste Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen, Thomas Schmid (l-r), der Skisprung-Olympiasieger Sven Hannawald und der SPD-Fraktionsvorsitzende Markus Rinderspacher (SPD) stehen am 07.11.2013 vor den Olympischen-Ringen, die unter dem Schanzentisch der Skisprungschanze in Garmisch-Patenkirchen (Bayern) befestigt sind. Am 10.11.2013 finden in München, Garmisch-Partenkirchen und den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden Bürgerentscheide um die Einreichung der Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 statt. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Ringen um die Ringe: Olympiabewerbungen künftig nur noch nach Volksentscheid

Grundsätzlich glaube ich, dass es eine große Fehlentscheidung gewesen ist. Denn diese Spiele wären eine außergewöhnliche Chance für die Region gewesen, für Bayern und damit auch für Deutschland. Das ökologische Konzept dieser Spiele war einmalig. Die Kosten, die man dafür hätte aufbringen müssen, war relativ bescheiden vor dem Hintergrund der bestehenden Infrastruktur. Insofern ist es in der Tat so, dass sich hier eine offenbar durch den Wohlstand etwas gesättigte Gesellschaft damit zufrieden gibt, dass es so ist wie es ist und man keine Investition in die Zukunft tätigen muss. Das ist bedauerlich, und wir müssen offen darüber diskutieren, ob Bewerbungen für solche Großveranstaltungen in Deutschland künftig noch möglich sind. Ich glaube, dass dann eine neue Offenheit entsteht, wenn die öffentliche Meinung bei diesen Projekten auch angemessen über Fakten gebildet wird. Im Vorfeld der Entscheidung wurden viele falsche Behauptungen in die Welt gesetzt. Beispielsweise über angebliche Knebelverträge des IOC. Aus meiner Sicht ist das nicht zutreffend. Das IOC gehört zu den offensten Organisationen der Sportwelt, vor allem bei der Ausrichtung der Spiele. Ein Großteil seiner Einnahmen gibt es an die Gastgeber der Spiele zurück, die so ihr finanzielles Risiko minimieren können. Da ist das IOC ein weit besserer Partner als beispielsweise der Weltfußballverband FIFA oder andere Verbände. Bei der Kampagne gegen die Münchener Bewerbung haben vor allem Vorurteile eine Rolle gespielt, die niemand ausräumen konnte. Die richtige Kommunikation darüber hat völlig versagt.

Professor Helmut Digel ist emeritierter Sportsoziologe und Sportfunktionär. Digel war von 1993 bis 2001 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und von 1993 bis 2002 Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees. Seit 2007 ist er Mitglied im Council des Weltleichtathletikverbandes IAAF.

Das Gespräch führte Jens Krepela.

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