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Kultur

Dieter Kühn: Den Musil spreng ich in die Luft

Was ist wahr, was falsch? Schon im alltäglichen Leben fällt es schwer, das zu unterscheiden. In Dieter Kühns neuem Roman wird es völlig unmöglich. Das Buch ist eine aberwitzige Montage aus Fakten und Fiktion.

Der Schriftsteller Dieter Kühn (Foto: DW)

Der Schriftsteller Dieter Kühn

Gefälschte Geschichten? – so lautet der Untertitel. Mit Fragezeichen. Doch der Leser ahnt schon nach wenigen Seiten, dass es sich um eine Fälschung handeln muss. In der ersten Geschichte geht es um einen völlig verarmten Maler, Komponisten und Schriftsteller namens Peter Lyser. Doch schon das ist falsch. In der ersten Geschichte schreibt eben dieser Peter Lyser einen Brief an die Schiller-Gesellschaft, um ein Stipendium zu erbitten. Und in diesem Brief schildert er sein Leben, erzählt von seinem Begegnungen mit Napoleon und Robert Schumann, von einem Besäufnis mit Goethe, von einem Billardspiel mit E.T.A. Hoffmann und dem gemeinsamen Musizieren mit Beethoven. Alles nur erfunden?

Buchcover: Den Musil spreng ich in die Luft. Gefälschte Geschichten? (Foto: Verlag S. Fischer)

Buchcover: Den Musil spreng ich in die Luft. Gefälschte Geschichten?

Nein. Einen Maler und Schriftsteller namens Peter Lyser hat es wirklich gegeben. Er war ein Freund Heinrich Heines, hatte Kontakt zu zahlreichen namhaften Künstlern seiner Zeit, starb aber mittellos. Ob sich die im Buch geschilderten Begegnungen wirklich zugetragen haben, darf bezweifelt werden, völlig ausgeschlossen ist es aber nicht. Geradezu fantastisch wird die als Brief getarnte Erzählung allerdings, wenn Lyser davon spricht, dass es ihm nach dem Genuss bestimmter Kräuter gelungen sei, vom Erdboden abzuheben und einen Zustand der Levitation zu erreichen.

Wie Göring einmal einem Fälscher auf den Leim ging

Nach ähnlichem Muster funktionieren auch die anderen Geschichten. So etwa die des belgischen Malers Norbert Verdonck, der gefälschte Gemälde zu horrenden Preisen an die Nazi-Größe Hermann Göring verkaufte. Als Mittelsmann und Mitwisser fungierte der Bruder des Reichsmarschalls, Albert Göring. Dieser wollte durch den Kunsthandel die Devisenreserven des Deutschen Reiches reduzieren und damit das Nazi-Regime schädigen.

Dass Hermann Göring kunstbegeistert war und seine Sammlung durch hemmungslose Plünderungen vergrößerte, ist bekannt. Und er hatte tatsächlich einen Bruder namens Albert, der ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus war und seine Bekanntheit des öfteren nutzte, um den Nazis zu schaden. Historisch belegt ist auch, dass Göring für sehr viel Geld einen gefälschten Vermeer kaufte. Der historische Fälscher hieß allerdings nicht Norbert Verdonck, sondern Han van Meegeren.

Komplexes Spiel mit der Realtität

Auch die titelgebende Figur des Buches ist real. Es handelt sich nur nicht um den Schriftsteller Robert, sondern um dessen weitgehend unbekannten Cousin Alois Musil, ein Orientalist, der zeitweise als Gegenspieler des Briten T.E. Lawrence auftrat, der als Lawrence von Arabien weltberühmt wurde. Auch in dieser Geschichte spielt das Verhältnis der beiden eine zentrale Rolle.

Kühns Geschichten sind postmodern in vielerlei Hinsicht. Die klassische Erzählung ist verborgen hinter Briefen oder Protokollen. Der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion wird konsequent verwischt. Und auch die Sprache nähert sich in ihrer Komplexheit dem Sujet an. In den besten Momenten funkeln die Geschichten wie ein Prisma im Sonnenlicht. Doch es gibt auch Abschnitte, in denen man denkt, weniger wäre mehr gewesen.

Autor: Martin Muno
Redaktion: Gabriela Schaaf

Dieter Kühn, Den Musil spreng ich in die Luft – Gefälschte Geschichten, Fischer Verlag 2011, 301 Seiten, 19,95 € (D)