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Amerika

"Dieses Leck muss man schließen"

Die Wikileaks-Enthüllungen haben nichts mit Transparenz zu tun, sondern sind schlicht verantwortungslos, meint Marc Koch.

Symbolbild Kommentar

Ein Leck ist ein Loch in einem Produkt oder einem System, durch das etwas unerwünscht austritt - daraus leitet Wikileaks seinen Namen ab. Angeblich, um der Transparenz und der Demokratie zu dienen, lässt die Internetplattform immer wieder geheime Dokumente durchsickern. Dabei wurden in einzelnen Fällen schwere Verstöße bekannt, wie ein US-Helikopter-Angriff auf Zivilisten oder die Duldung von systematischer Folter durch US-Behörden.

Marc Koch (Foto: DW)

Chefredakteur Marc Koch

Mit der jüngsten Veröffentlichung allerdings ist aus dem Leck ein Dammbruch geworden - und das geht deutlich zu weit. Denn die mehr als 250.000 Berichte von us-amerikanischen Botschaftern in aller Welt an ihre Regierung in Washington haben in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Sie unter dem Vorwand eines kruden Transparenz-Fetisch publik zu machen, ist dumm und verantwortungslos.

Wie sicher sind vertrauliche Dokumente noch?

Nicht nur, weil die Papiere für heillose diplomatische Verwicklungen sorgen und weltweit handelnde Politiker lächerlich machen - das wird bald wieder vergessen sein. Viel schlimmer sind die Folgen für die Arbeit von Botschaftern und anderen Diplomaten. Zu deren Job hat es schon immer gehört, Einschätzungen über Politiker und politische Entwicklungen abzugeben oder die Interessen ihrer Staaten zu vertreten. Dazu brauchen sie eine Umgebung, in der sie geschützt sind, in der Vertrauen und Diskretion herrschen. Diese Umgebung ist nach dem jüngsten Coup von Wikileaks langfristig zerstört: Kein Diplomat auf der Welt kann sich jetzt noch sicher sein, dass seine vertraulichen Gespräche, Notizen oder Berichte nicht irgendwann in der Öffentlichkeit auftauchen.

Natürlich ist es richtig, wenn verantwortungsvoll und sauber arbeitende investigative Journalisten Misstände offenlegen, politische Skandale oder gar Rechtsbrüche publik machen: Sie bekommen mehr oder weniger vertrauliches Material zugespielt, das sie gegenrecherchieren, strukturieren und einordnen können. Damit aber hat die Wikileaks-Aktion nicht das Geringste zu tun: Sie ersetzt veranwortungsbewusste Qualität durch sinnlose Quantität, wenn sie Hunderttausende von Dokumenten im Rohzustand für jeden verfügbar macht. Die Folgen sind absehbar: Zitate aus diesen Papieren werden aus dem Kontext gerissen, verfälscht oder tauchen in neuen Kombinationen wieder auf und produzieren neue Schlagzeilen. Davon aber wird lediglich einer profitieren: Wikileaks selbst.

Was bringt Wikileaks?

Die Veröffentlichung macht die Welt weder transparenter, noch friedlicher oder sicherer. Und sie liefert schon gar keine neuen Erkenntnisse. Sie dient alleine dazu, die Eitelkeit von Wikileaks-Gründer Julian Assange zu befriedigen - eine Tatsache, die übrigens der deutsche Sprecher der Organisation schon vor einigen Wochen erkannt und die Konsequenzen gezogen hat: Er hat Wikileaks verlassen.

Wenn die Wikileaks-Aktion überhaupt zu etwas dient, dann dazu: Sie zeigt, dass die USA offenbar nicht in der Lage sind, Geheimhaltung im digitalen Zeitalter zu garantieren. Auch das muss Folgen haben. Für den Augenblick allerdings gilt die Erkenntnis: Ein Leck kann zum Ausfall eines kompletten Systems führen - weswegen es so schnell wie möglich geschlossen werden muss.

Autor: Marc Koch
Redaktion: Nicole Scherschun