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Amerika

"Dieser Krieg bringt nur den Tod"

Cartagena ist Kolumbiens touristisches Aushängeschild. Außerhalb der Altstadt aber herrscht das Elend: Die meisten Menschen leben in Slums - und Jugendgangs liefern sich tödliche Schlachten.

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Der blinde Sozialarbeiter Danilo Gomez vermittelt zwischen Cartagenas Gangs

Eine Straßenecke im Elendsviertel Boston. Einfache Hütten aus Holzabfällen, Wellblech und Plastikplanen. Dazwischen vereinzelt schlichte Backsteinhäuser. Die Luft ist staubig, es riecht nach Abwasser. Vor einer grauen Häuserwand, zwischen Schutt und Abfall, hockt ein halbes Dutzend Jugendlicher in Shorts und Turnschuhen. Ihre Augen sind gerötet von Crack und Marihuana. Fast alle haben Narben von Messerstichen, Machetenhieben und Pistolenschüssen. Auch der 20-jährige Pedro. Er gehört zur Gang von Pueblito.

"In einer Gang ist vieles einfacher", erklärt Pedro mit schleppender Stimme, "da macht dich so schnell keiner mehr blöd an. Die Leute wissen, wenn sie sich mit dir anlegen, legen sie sich mit der ganzen Gruppe an." Die Gruppe bietet aber nicht nur Schutz. Wenn die Jugendlichen kein Geld haben, nehmen sie sich, was sie brauchen -ohne zu bezahlen. Lebensmittel, aber auch andere Dinge. Sie stehlen, rauben und handeln mit Drogen. Und sie morden: Vor zwei Jahren erschoss ein 16-jähriges Mitglied einer anderen Gang bei einem Überfall zwei italienische Touristen.

„Das Leben zählt hier nichts“

In der Regel aber kommen die Todesopfer aus den eigenen Reihen. Denn viele der fast 80 Jugendgangs Cartagenas mit über 3000 Mitgliedern sind verfeindet. Immer wieder kommt es zu regelrechten Schlachten. Dann gehen die Gangs mit Steinen, Messern, Macheten, Pistolen und Schrotflinten aufeinander los. Manchmal beteiligen sich bis zu 100 Jugendliche und junge Männer an diesen Auseinandersetzungen. Regelmäßig gibt es Tote.

Ein offener Abwasserkanal in Cartagena, Kolumbien

Ein offener Abwasserkanal durchzieht das Viertel. Häufig werden die Opfer der Gewalt hier abgeladen.

Auch die Gangs aus dem Viertel Boston lebten lange praktisch im Kriegszustand. Immer wieder kam es zu Kämpfen mit Gruppen aus dem benachbarten Stadtteil Candelaria. Der Sozialarbeiter Danilo Gomez vergleicht die Situation mit einem Fußballspiel: "Die in dem einen Viertel sagten, hey, die anderen haben fünf von uns getötet, wir aber nur zwei von denen, lass uns das ausgleichen.“ Sogar Mitglieder derselben Familie, die in unterschiedlichen Gangs waren, brachten sich gegenseitig um. "Das Leben zählt hier nichts“, sagt Gomez. "Deswegen haben wir versucht, einen Friedensprozess zu initiieren, um diese Gewalt zu stoppen.“

Danilo Gomez ist einer der Gründer der Nichtregierungsorganisation ACCIJON. Ein kleiner, schmächtiger Mann, der sich nur mit der Hilfe anderer im Viertel bewegen kann. Denn Danilo Gomez ist blind. Trotzdem sind er und seine Mitstreiter beinahe täglich im Viertel unterwegs.

Alternativen zu Gewalt und Kriminalität

Ein kleiner Hinterhof. Vögel zwitschern, eine Kokospalme wiegt sich im Wind, Bananenstauden spenden Schutz vor der karibischen Sonne, es riecht nach sattem Grün und feuchter Erde. Eigentlich ist der Boden hier unfruchtbar. Die Bewohner aber haben aus ihrem Hinterhof mit ein bisschen Hilfe und ein paar Tricks einen kleinen Obst- und Gemüsegarten gemacht.

Ein Garten in Cartagena, Kolumbien

Der Garten ist eine grüne Oase im Schmutz des Viertels.

Eine Besuchergruppe drängt sich zwischen Basilikumbeeten und Papayastauden, staunt über einen gigantischen Kürbis. Auch einige Gangmitglieder sind gekommen. Danilo Gomez informiert die Gruppe von dem Gartenprojekt, erzählt, wie das Basilikum aus den Kräutergärten der Slums in den Küchen der Luxushotels landet. Und den Menschen so ein Einkommen verschafft.

Wie immer geht es Gomez um Alternativen zur Gewalt und Kriminalität: "Wir wollen den Leuten helfen, legal ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir zeigen ihnen zum Beispiel auch, wie sie Möbel oder Körbe herstellen können. Die können sie dann verkaufen. Dann müssen sie nicht mehr in die Kriminalität flüchten, um zu überleben.“

Schuster statt Gangster

Der 28-jährige Fabian hat den Ausstieg geschafft. Fast zehn Jahre war er Gangmitglied. In dieser Zeit hat er viele Freunde sterben sehen: "Dieser Krieg, diese Kämpfe zwischen den Gangs, das Rauben, das bringt nichts Gutes, nur den Tod.“ Hilfe bekam Fabian von Danilo Gomez. Heute repariert Fabian Schuhe. "Ich verdiene zwar wenig“, sagt er, "aber das ist immer noch besser, als in einer Gang getötet zu werden!“

Jugendliche Gangmitglieder in Cartagena, Kolumbien

Jugendliche Gangmitglieder in Cartagena.

Doch Fabian ist eine Ausnahme. Die wenigsten schaffen den Ausstieg. Zu gering sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, zu groß die Abhängigkeit von Drogen und die Verlockung des schnellen Geldes. Danilo Gomez weiß: Seine Arbeit ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Er fordert mehr Engagement vom kolumbianischen Staat: "Der Staat vergeht sich an den Rechten der Menschen in diesen Vierteln, an ihrem Recht auf ein würdevolles Leben. Die Menschen werden marginalisiert. Diese Zone ist völlig verlassen, Arbeitslosigkeit, Straßen ohne Asphalt, ohne Kanalisation – die Politiker kommen höchstens hierhin, wenn gewählt wird, machen Versprechungen und verschwinden wieder.“

Die Zeiten der blutigen Schlachten zwischen den Gangs der Viertel Boston und Candelaria sind immerhin vorbei. Danilo Gómez hat die verfeindeten Gruppen zusammengebracht. Die Gangmitglieder sind zwar keine Freunde geworden. Doch zumindest herrscht jetzt ein - wenn auch brüchiger – Friede in diesem Teil Cartagenas.

Autor: Nils Naumann
Redaktion: Anne Allmeling