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Wirtschaft

Dieselgate: Alle haben Leichen im Keller

Längst ist klar, dass VW nicht der einzige Abgasbetrüger war. Die jüngste Festnahme von Audi-Managern und neue Ermittlungen gegen Porsche zeigen: Fast alle in der Branche haben Leichen im Keller. Eine Chronologie.

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Millionen Diesel-PKW drohen Fahrverbote

September 2015: Details über einen systematischen Betrug bei VW kommen ans Licht. Dieselfahrzeuge wurden so manipuliert, dass sie auf dem Prüfstand die Grenzwerte für Stickoxid (NOx) einhalten, aber im realen Fahrbetrieb ein Vielfaches ausstoßen. Weltweit sind Millionen Dieselmotoren betroffen.

Noch im September gerät auch der Automobilzulieferer Bosch ins Visier. Er hat die Technik zur Abgasnachbehandlung für die von der Abgas-Affäre betroffenen Volkswagen-Modelle geliefert. Eine Mitschuld weist das Unternehmen allerdings von sich: "Die Verantwortung für Applikation und Integration der Komponenten liegt bei VW", argumentiert der Konzern.

Im November 2015 gerät auch Porsche in den Strudel der Affäre. Die US-Umweltbehörde prüft die von Audi gebauten und von Porsche verwendeten Dreiliter-Dieselaggregate, die die zulässigen US-Grenzwerte im Realbetrieb um das Neunfache überschritten haben sollen. Volkswagen bestreitet die Verwendung der umstrittenen Abschalteinrichtungen bei den betroffenen Motoren.

Obergrenze 25-fach überschritten

Ebenfalls im November 2015 gerät auch Renault in den Verdacht, gemogelt zu haben: In einem von der Deutschen Umwelthilfe in Auftrag gegebenen Emissionstest der Berner Fachhochschule in der Schweiz habe das Modell Espace 1.6 dCi, das die strenge Euro-6-Norm einhalten soll, die zulässigen Grenzwerte für den Ausstoß von Stickoxid (NOx) in einigen Fällen um das bis zu 25-fache überschritten. Renault bestreitet die Testergebnisse.

Im April 2016 veröffentlicht das  Verkehrsministerium einen Untersuchungsbericht zu Dieselgate. Wenig überraschend: VW ist nicht der einzige Hersteller, dessen Fahrzeuge im Realbetrieb dramatisch höhere Stickoxidemissionen aufweisen als im Test. Betroffen sind auch Modelle von Opel, Mercedes und Porsche. Insgesamt hatte das Kraftfahrt-Bundesamt 53 beliebte Dieselmodelle verschiedener Hersteller getestet. 27 davon blieben bei den Untersuchungen im gesetzlichen Rahmen, der Rest fiel durch stark erhöhte Stickoxid-Werte auf. Den Grund für die Auffälligkeiten konnten die Hersteller technisch nicht plausibel erklären.

Im Mai 2016 wirft die Deutsche Umwelthilfe dem Autohersteller Opel Abgasmanipulationen vor. In einem 1,6-Liter-Zafira mit Euro-6-Norm habe man bislang unbekannte Abschalteinrichtungen bei der Abgasreinigung entdeckt. Eine Software soll demnach die Reinigung der Abgase bei hohen Drehzahlen oder einem Tempo oberhalb von 145 Stundenkilometern abschalten. Opel hat sich nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Motoren-Entwickler beurlaubt

Im September 2016 werden vier hochrangige Motoren-Entwickler von Audi beurlaubt, weil sie eine illegale Software für den Drei-Liter-TDI-Dieselmotor entwickelt oder davon gewusst haben sollen, berichteten NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung". Das Recherchenetzwerk beruft sich auf Erkenntnisse der Anwaltskanzlei Jones Day, die im Auftrag von VW interne Verantwortlichkeiten und Hintergründe des Skandals aufklären soll.

Im Dezember 2016 findet ein Rechercheteam aus "Spiegel", dpa und Bayerischem Rundfunk heraus, dass aus dem Untersuchungsbericht des Verkehrsministeriums vor der Veröffentlichung kritische Passagen gestrichen wurden. Hintergrund: Bei vielen Modellen schaltet sich die Abgasreinigung von selbst ab, angeblich, um den Motor zu schützen. "Thermofenster" nennt die Branche das verharmlosend. Diese "Fenster" wurden auch von Chevrolet, Alfa Romeo, Hyundai, Nissan, Suzuki und Range Rover genutzt.

Januar 2017: Nun hat die französische Justiz Ermittlungen beim Autobauer Renault eingeleitet. Die Pariser Staatsanwaltschaft übertrug die Ermittlungen zu Dieselmotoren von Renault an drei Untersuchungsrichter. Der Vorwurf lautet auf Betrug mit Folgen für die menschliche Gesundheit. In den USA steht Fiat Chrysler im Verdacht, bei rund 104.000 Dieselautos die Emissionswerte von Stickoxiden gefälscht zu haben. Das US-Umweltamt EPA teilte mit, es gehe um Software zur Abgaskontrolle, die Fiat Chrysler nicht offengelegt und so gegen Umweltgesetze verstoßen habe. Fiat Chrysler bestreitet das vehement.

Ermittlungen auch in Frankreich

Im Februar hat sich der VW-Zulieferer Bosch mit US-Zivilklägern auf eine Zahlung von umgerechnet 304 Millionen Euro geeinigt. Bosch hatte die Betrugssoftware geliefert.

Im März wirft die französische Anti-Betrugs-Behörde Renault jahrzehntelangen Betrug vor. Bei dem Konzern gebe es demnach möglicherweise schon seit mehr als 25 Jahren Strategien, um bei Abgastests zu betrügen. In die Affäre verstrickt sei die gesamte Führungsriege bis hoch zu Renault-Chef Carlos Ghosn. Renault streitet alles ab.

April 2017: Nach Volkswagen, Renault und Fiat Chrysler ermittelt in Frankreich nun die Staatsanwaltschaft auch gegen den großen französischen Autobauer PSA (mit den Marken Peugeot und Citroën). Es geht - Überraschung, Überraschung - um Verbrauchertäuschung bei Abgaswerten.

Im März reicht die US-Umweltbehörde EPA Klage gegen Fiat Chrysler ein. Es geht um 104.000 Dieselfahrzeuge mit Dreilitermotoren. Diese seien mit einer Software ausgestattet, die Abgaswerte bei Tests verfälschen soll. So sollen sie auf dem Prüfstand weniger Stickoxide ausgestoßen haben als beim tatsächlichen Einsatz auf der Straße.

Im Mai rückte der Autokonzern Daimler wegen möglicher Abgas-Manipulationen bei Dieselautos ins Visier der Justiz. Ermittler durchsuchten am 23. Mai mehrere Daimler-Standorte. Bereits im März waren die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bekannt geworden. Sie richten sich gegen "bekannte und unbekannte Mitarbeiter der Daimler AG wegen des Verdachts des Betruges und der strafbaren Werbung im Zusammenhang mit möglicher Manipulation der Abgasnachbehandlung bei Diesel Pkw".

Seit Anfang Juli sitzt einer der vier Motoren-Entwickler, die Audi im September 2016 beurlaubt hat, in Untersuchungshaft. Nach Medienberichten handelt es sich um einen 60-jährigen Italiener, dem Verschwörung zum Betrug und Verstöße gegen US-Umweltrecht vorgeworfen werden. Das US-Justizministerium hatte gegen ihn Strafanzeige beim zuständigen Gericht in Detroit im US-Bundesstaat Michigan gestellt. Der Mann war zwischen 2006 und 2015 verantwortlich für die Systeme zur Abgaskontrolle bei Dieselmotoren von Audi in den USA. Sein Anwalt sagte, sein Mandant kooperiere mit der Staatsanwaltschaft München II und werde aussagen, um zur Aufklärung des Sachverhalts beizutragen. Allerdings sei er nie verantwortlich für unternehmenspolitische Entscheidungen gewesen.

Im Zuge der Abgas-Affäre rückt nun auch die Volkswagen-Tochter Porsche stärker ins Visier der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Die Behörde nahm Ermittlungen wegen einer möglichen Manipulation der Abgasnachbehandlung an Diesel-Fahrzeugen von Porsche auf, wie ein Sprecher am Montag (10.07.2017) mitteilte. Sie richteten sich gegen unbekannte Mitarbeiter des Autobauers und eines amerikanischen Tochterunternehmens. Es werde der Vorwurf des Betrugs und der strafbaren Werbung geprüft.

(Aktualisierte Fassung eines Beitrags vom 24.05.2017)

 

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