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Asien

"Diese Flut sprengt jede Grenze"

Thomas Schwarz ist für die internationale Hilfsorganisation CARE in den Überschwemmungsgebieten im Nordwesten Pakistans unterwegs. Im Interview mit DW-WORLD.DE schildert er seine Eindrücke.

Zwei Pakistaner kämpfen sich durch die Fluten (Foto:ap)

Zwei Pakistaner kämpfen sich durch die Fluten

DW-WORLD.DE: Herr Schwarz, Sie sind derzeit unterwegs im Nordwesten des Landes, also dort, wo die Überschwemmungen ihren Anfang genommen haben. Wie erleben Sie die Situation derzeit vor Ort?

Thomas Schwarz: Die Situation stellt sich mir so dar, als wäre gestern erst alles passiert. Man hat wirklich den Eindruck, dass sich in manchen Dörfern und Gemeinden noch nicht sehr viel getan hat. Ich finde, dass das nach elf Tagen dieser schweren Fluten und diesen hässlichen Monsuns auf jeden Fall besser aussehen könnte.

Was brauchen die Menschen, mit denen Sie gesprochen haben, denn derzeit am nötigsten?

CARE Thomas Schwarz

CARE-Pressesprecher Thomas Schwarz (re.)

Alle, die noch keins haben, fragen nach einem Zelt, nach einer Unterkunft für die, die ihre Häuser verloren haben oder deren Häuser so zerstört sind, dass man nicht mehr darin leben kann. Das ist das, wonach alle sofort fragen: Wo bleiben die Zelte? Warum geht das so langsam? Warum kommen nicht mehr? Das nächste ist der einfache Dreisatz, und das ist eben sauberes Wasser, damit die Menschen Wasser trinken können und nicht gezwungen sind, das stehende Wasser, das um sie herum ist, zu trinken. Das Zweite ist, sie brauchen unbedingt eine medizinische Betreuung für Notfälle, die kaum gegeben ist. CARE hat zwar mit Hilfe von Maultieren und Eseln einige Medikamente ins Swat-Tal bringen können - unter anderem zu Frauen, die schwanger waren und nicht mehr ins Krankenhaus gehen konnten zum Entbinden, aber es muss eine viel schnellere medizinische Versorgung gewährleistet sein. Und das Dritte ist eindeutig Nahrung. Wir erleben hier, dass die Felder überschwemmt sind und das ist ja im Süden, im Punjab, sozusagen in der Kornkammer des Landes, noch viel schlimmer. Das ist das, was die Menschen hier ganz dringend brauchen. Hört sich viel an, ist auch viel, aber es wird hier dringend benötigt.

Die Menschen fragen, warum die Hilfe nicht ankommt. Das liegt natürlich auch daran, dass die Infrastruktur komplett zerstört ist: Die Straßen sind kaputt, Brücken sind eingestürzt. Wie schwieirg ist es unter diesen gegebenen Bedingungen, tatsächlich effektiv zu helfen und die Menschen auch tatsächlich zu erreichen?

Wenn ich die Bilder im internationalen Fernsehen sehe, auch im deutschen Fernsehen oder aus den Zeitungen, dann sieht man meistens den Blick von oben und die überschwemmten Gebiete. Das entspricht natürlich auch der Wirklichkeit, das ist ja auch eine gigantische Überschwemmung. Auf der anderen Seite gibt es den Highway No. 1, den wir von Islamabad aus in den Nordwesten gefahren sind. Da ist im Grunde genommen überhaupt nichts zerstört. Und auch die Dörfer, in die wir jetzt seitlich eingebogen sind, sind zu erreichen, sonst hätten wir mit unserem Auto dort nicht hinfahren können. Und selbst da gibt es - wie ich finde, auch berechtigte - Beschwerden, dass Hilfe einfach viel zu langsam ankommt.

Mädchen verkauft Tomaten auf einem Markt in Lahore (Foto:ap)

Die Preise für Lebensmittel haben sich in Pakistan in den vergangenen acht Tagen verdoppelt

Wie groß ist denn die Wut der Menschen tatsächlich? Oder geht es erst mal darum, das eigene Überleben zu sichern?

Es geht um nicht viel weniger als darum, das Leben und Überleben zu sichern. Ich bin gestern in Islamabad auf einem Markt gewesen und habe mir die Preise angeguckt für Tomaten, Zwiebeln, die üblichen Sachen, die die Menschen brauchen. Kurz vor dem Ramadan wird sowieso immer gerne viel gekauft. Und die Preise für Tomaten und diese Dinge sind eben in den letzten acht Tagen um 100 Prozent gestiegen. Manche nur um 80 Prozent, manche dafür um 110 oder 115 Prozent. Das zeigt, was die Menschen hier auch erleben, nämlich dass die Nahrungsmittel knapper werden, und es gibt bisher keine überzeugende Antwort auf die Frage: Was passiert eigentlich, wenn die komplette Ernte im Süden des Landes ausgefallen sein sollte? Es gibt durchaus eine Angst vor Hunger.

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