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Welt

"Diese endlosen Slums sind heute verschwunden"

Der Fotojournalist Horst Faas hat während des Vietnam-Krieges für die Bildredaktion von AP gearbeitet. Zwei Mal bekam er den Pulitzerpreis. Im Gespräch mit DW-WORLD.DE erzählt er, wie sich das Land seitdem verändert hat.

Horst Faas (r.) während des Vietnam-Krieges

Horst Faas (r.) während des Vietnam-Krieges

DW-WORLD.DE: Was sind Ihre eindringlichsten Erinnerungen aus der Zeit während des Vietnam-Krieges?

Ein Vater hält sein totes Kind nach einem Angriff auf ein Dorf südvietnamesischen Soldaten entgegen: Für diese Aufnahme bekam Faas 1965 den Pulitzerpreis

Ein Vater hält sein totes Kind nach einem Angriff auf ein Dorf südvietnamesischen Soldaten entgegen: Für diese Aufnahme bekam Faas 1965 den Pulitzerpreis

Horst Faas: Was mir und anderen immer wieder durch den Kopf gegangen ist, ist das Schicksal unserer vietnamesischen Kollegen. Man darf nicht vergessen, dass jeder Korrespondent und Fotograf damals einen vietnamesischen Mitarbeiter hatte. Einige von ihnen sind 1975 geflüchtet und landeten später meist in den Vereinigten Staaten. Andere sind zurück geblieben und über die haben wir uns Sorgen gemacht. Deshalb mein Bemühen herauszufinden, was aus ihnen geworden ist. Alle, mit denen ich Kontakt aufnehmen konnte, hatten nach 1975 eine schlechte Zeit. Alle sind nach dem Sieg der Nordvietnamesen in irgendwelchen Umerziehungslagern gewesen. Seit meinem Besuch im Jahr 2000 habe ich eine grundlegende Änderung gesehen. Die vietnamesischen Mitarbeiter von damals wollten nicht mehr auswandern und sich ihren Kindern anschließen, die schon im Ausland lebten. Sondern sie sagten, Vietnam habe sich geändert und verbessert, so dass sie lieber im Land geblieben sind.

Sie haben während des Krieges als AP-Bildredakteur zwei Fotos veröffentlich, die um die Welt gingen: Die Erschießung eines Vietcong durch den Polizeikommandanten von Saigon in den Kopf und ein nackt vor einem Napalm-Angriff fliehendes Mädchen. Beide Bilder waren umstritten: Warum?

Dieses Bild der nackt vor einem Napalm-Angriff fliehenden neunjährigen Kim Phuc Phan Thi von Nick Ut gab Faas 1972 als verantwortlicher AP-Bildredakteur frei

Dieses Bild von Nick Ut gab Faas 1972 als verantwortlicher AP-Bildredakteur frei

Das erste Bild ist von Eddie Adams und wurde an einem der ersten Tage der Tet-Offensive der Nordvietnamesen 1968 aufgenommen. Ich habe damals als Bildredakteur im Büro in Saigon gearbeitet, weil ich einige Wochen zuvor schwer an den Beinen verletzt worden war. Ich hatte darum die Aufgabe, diesen Film von Eddie Adams zu redigieren und in die Welt zu schicken. Ähnlich war es vier Jahre später, als Nick Ut die neunjährige Kim Phuc Phan Thi fotografierte, die die Straße runter rennt und von oben bis unten von Napalm verbrannt worden war. Die Bilder waren umstritten, weil der Inhalt sehr anschaulich war. Damals waren Verleger, Zeitungen und Leser noch etwas zurückhaltender, wenn es um etwas wie eine Exekution oder ein brennendes, nacktes, kleines Mädchen ging. Heute hat sich das ein bisschen geändert, aber damals hatten viele Zeitungen Bedenken, so etwas zu veröffentlichen. Aber das waren solche dramatischen Bilder, da konnte man voraussagen, dass sie tatsächlich überall veröffentlicht werden.

Sie waren nach dem Krieg ab 1978 mehrmals wieder in Vietnam. Das Land hat sich seit Mitte der 1980er Jahre wirtschaftlich sehr stark entwickelt. Hätten Sie damit gerechnet?

Es war mir immer bewusst, dass die Südvietnamesen wie die Menschen allgemein in Südostasien ungewöhnlich fleißig und einfallsreich sind. Mich hat es nicht gewundert, dass die Vietnamesen sich wieder aufrappeln, aber man musste der Entwicklung nach Ende des Krieges 1975 Zeit geben. Es dauerte 15 bis 20 Jahre. Das Land öffnete sich schon nach vier bis fünf Jahren, aber erst so richtig, als wir in Europa Perestroika hatten und große Änderungen eintraten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite über die Veränderungen für die Vietnamesen durch den Wirtschaftsboom, den Vietnam-Krieg als Touristenattraktion und dessen Bedeutung im Alltag.

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