1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Dienstleistung in der Planwirtschaft

Nur China schafft es, gleichzeitig Paradies und Hölle aller Kunden zu sein. Ein Reisebericht durch die Welt eines chinesischen Telekomkunden.

Lange dachte ich: "Herrlich, ich habe noch nie in einem Land gewohnt, wo das Leben so bequem ist wie hier." Für alle Bedürfnisse gibt es spezielle Telefonhotlines. In Shanghai muss man die Einkaufsliste für den Supermarkt nur ins Telefon diktieren – ein Sonderkurier bringt die gefüllten Einkaufstüten dann direkt an die Wohnungstür. Per Telefon kann man frisch gepressten Orangensaft und Fußmassagen bestellen.

"Kein Problem"

Erst in China habe ich das Wort "Dienstleistungsgesellschaft" richtig verstanden. Selbst die Telekom. Als ich hier vor fünf Jahren meinen ersten Mietvertrag unterschrieben habe, bat ich meinen Vermieter um zwei neue Telefonleitungen. "Kein Problem", sagte Herr Chen. Diese Antwort hatte ich da schon sehr oft bekommen. Ich erwartete hohe Stapel aus Antragsformularen, endlose Behördengänge, Warteschlangen. Am nächsten Morgen um acht Uhr klingelten vier lachende Telekom-Mitarbeiter an der Tür und zogen ungefragt die Schuhe aus. Ich mochte China Telecom sofort. Dass Kundenorientierung auch im Land der Planwirtschaft noch eine junge Idee ist, lernte ich erst später.

Es begann, als ich vor zwei Jahren in mein neues Büro gezogen bin. Der Telekom-Mitarbeiter kam pünktlich, sagte: "In diese Wand muss ein Loch." Ich: "In Ordnung." Eine Bohrmaschine hatten wir beide nicht. Er sagte: "Schau auf der Straße, an der Ecke sitzen manchmal Wanderarbeiter und einige von denen haben Bohrmaschinen dabei." Er werde dann später zurückkommen. Ich suchte in der halben Altstadt und als ich mit Wanderarbeiter und Bohrmaschine wieder vor der Wand stand, sagte der Arbeiter: "Der Bohrer ist zu kurz." Ich bin handwerklich unerfahren. Gemeinsam bohrten wir von beiden Seiten Löcher in die Wand und hofften, dass zwei davon irgendwann aufeinander treffen würden. Einige Monate telefonierten wir sehr zufrieden. Dann klingelte es vor ein paar Wochen an der Bürotür, ein Mann von der Telekom. "Uns ist aufgefallen, dass ihr hier sehr viele Telefonanschlüsse habt. Ihr seit eine Firma." Wir: "Nein, wir sind Journalisten und teilen uns ein Büro." Der Mann: "Hier stehen Schreibtische, also seit ihr eine Firma." Er grinste, verlangt 40 000 Yuan, umgerechnet fast 4000 Euro. "Sonst schalten wir eure Leitungen wieder ab." Zwei Tage später meldete er sich per Telefon: Eventuell könnte er uns die Strafe erlassen, wenn wir ein neues Angebot der China Telecom bestellen würden, irgendwas mit Internet und Fernsehen. Eine Strafe? Aber wofür? Wir haben im Büro gar keinen Fernseher; doch es schien ein günstigerer Kompromiss zu sein.

Angekettet mit Telefonkabel

Inzwischen haben wir das Büro verkleinert, wir brauchen nicht mehr so viele Telefone. Doch die Verträge der China Telecom sind so streng wie die Beitrittsformulare der Fremdenlegion. Ich habe inzwischen viele Stunden mit Behördengängen, Warteschlangen und Antragsformularen verbracht. Die zahlreichen, oft langwierigen Verhandlungssitzungen endeten meist mit Geschrei auf beiden Seiten des Tisches. Es dauert noch mindestens zwei Jahre, bis wir unsere Telefonanschlüsse abmelden dürfen, ob wir sie brauchen oder nicht, heißt es inzwischen. Im meinem Träumen trage ich Sträflingskleidung und sitze in einem Kellerverlies, angekettet mit einem Telefonkabel. Mein Zellennachbar hat eine Bohrmaschine und wir versuchen einen Ausbruch. Doch der Bohrer ist zu kurz. Kein Telekom-Mitarbeiter hat uns bisher erklärt, warum wir unsere überflüssigen Telefonleitungen nicht kündigen dürfen. Eigentlich ist ganz China so. Das System der Planwirtschaft lebt weiter, die Kundenorientierung und Servicementalität wurden nur irgendwie drübergestülpt. Irgendwo habe ich mal gehört, dass man in der DDR zehn Jahre auf einen Telefonanschluss warten musste. In China muss man warten, um ihn wieder loszuwerden.