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Amerika

"Diego personifiziert die argentinische Seele"

Anlässlich des 50. Geburtstags von Diego Maradona - ein Gespräch mit dem Schriftsteller Eduardo Sacheri über die argentinische Hassliebe zur legendären "Nummer 10".

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Eduardo Sacheri, 1967 in Buenos Aires geborener Fußballfan, ist Professor für Geschichte, Radiomoderator und Schriftsteller. Unter anderem hat er das Drehbuch zum diesjährigen Oscargewinner "Das Geheimnis ihrer Augen" sowie zahlreiche Fußballgeschichten geschrieben. Eine Auswahl ist nun unter dem Titel "Die Hand Gottes und andere Tangos" auf deutsch erschienen. Außerdem ist Sacheri flammender Fan des argentinischen Erstliga-Clubs Independiente. DW-Reporterin Anne Herrberg hat Eduardo Sacheri in Buenos Aires getroffen und mit ihm über Diego Maradona und seine Bedeutung für Argentinien gesprochen.

Historiker, Buchautor und bekennender Fußballfan: Eduardo Sacheri (Foto: AP)

Historiker, Buchautor und bekennender Fußballfan: Eduardo Sacheri

DW-WORLD.DE: Herr Sacheri, am Samstag wird ein gewisser Diego Maradona 50 Jahre alt. Feiern Sie mit?

Eduardo Sacheri: Nun, ich hatte leider nicht das Glück Maradona persönlich kennenzulernen. Aber klar, Maradona hat einen ganz besonderen Platz in meinem Leben. Er löst bei mir so viele, vor allem so viele widersprüchliche Gefühle aus. Er ist der beste Fußballspieler, den ich jemals gesehen habe, er ist der Held der Weltmeisterschaft von 1986. Ich habe das Gefühl, ich schulde ihm sehr viel, auch wenn er sich leider häufig in seinen Entscheidungen geirrt hat und sich dadurch vor allem selbst Schaden zugefügt hat.

Vor kurzem wurde eine Auswahl ihrer Fußballgeschichten auf Deutsch veröffentlicht, unter dem Titel "Die Hand Gottes und andere Tangos". Wie haben Sie den Tag des Viertelfinales gegen England in der Weltmeisterschaft 1986 erlebt, als Maradona ein Tor durch Handspiel zu "Hand Gottes" stilisierte?

Das war ein unvergesslicher Tag! Und es war ein seltsamer Gefühlsmix. Obwohl ich es ablehne, Parallelen zwischen dem Sport und der Politik und noch viel weniger mit dem unverzeihlichen Horror des Krieges zu ziehen, so war es damals eben schon kein Detail, dass wir gerade erst, 1982 eine furchtbare Niederlage gegen Briten im Falklandkrieg erlebt hatten. Dieser grausame und sinnlose Krieg hat eine tiefe Wunde bei den Argentiniern hinterlassen, die 1986 noch sehr frisch war. Natürlich hat ein Fußballsieg gegen England an diesem Schmerz nichts verändert, eine Niederlage allerdings hätte ihn wahrscheinlich noch verschlimmert.

Die Hand Gottes: im Viertelfinale gegen England boxt Maradona den Ball zum 1:0 ins Tor (Foto: dpa)

Die Hand Gottes: im Viertelfinale gegen England boxt Maradona den Ball zum 1:0 ins Tor

Zum einen war es das Gefühl, es dem Geburtsland des Fußballs zu zeigen. Einem Land, das in so viele Aspekten, politisch und wirtschaftlich, immer gewöhnt war, sich das größte Stück vom Kuchen zu sichern. Maradonas erstes Tor war ein Handspiel, also eigentlich ungültig. Aber damit war es gleichzeitig für viele Argentinier glaube ich ein kleines "Heimzahlen" für eine Menge viel gravierender und schmerzlicher Ungerechtigkeiten, die unser Land in seiner Geschichte erleiden musste. Wäre es bei dem einen Tor geblieben, hätte das Ganze natürlich trotzdem einen schlechten Nachgeschmack gehabt.

Aber dann kam das 2:0, Maradonas unglaubliches Dribbling, bei dem er über die Hälfte der englischen Mannschaft im Alleingang umspielte. Vom Mittelfeld bis zum Tor. Da wussten wir alle: dieser Kerl beherrscht die Perfektion des Fußballs auf eine Art und Weise, wie wir es in Argentinien lieben. Es war ein Tanz, eine fast musikalische Komposition, ein Dialog zwischen Körper und Rasen und Ball. Die reine Fußballkunst.

Fest steht: Bis zu diesem Viertelfinalspiel war Maradona ein guter Fußballspieler, die Fans von Argentina Juniors und Boca Juniors, also von den Mannschaften, in denen er gespielt hatte, liebten ihn. Aber die Mehrheit hatte nicht viel für ihn übrig. Seine Herkunft, sein oft prolliges Auftreten, seine schnell wechselnden Launen, das machte ihn für viele zu einer eher unangenehmen Person. Aber dann kam dieses Spielt und seitdem verspürt die Mehrzahl der Argentinier eine große Dankbarkeit ihm gegenüber- bis heute.

Krippe mit Maradona-Figur in der Maradonianischen Kirche in Buenos Aires (Foto: AP)

Das gibt's nur in der Maradonianischen Kirche: Krippe mit Maradona-Figur

Also doch: Maradona, der Rächer des Falklandkrieges?

Wie gesagt, ich mag diese martialischen Ausdrücke nicht und man darf nicht vergessen, dass Fußball, auch und gerade in Argentinien, immer wieder für politische Zwecke missbraucht wurde. Man denke nur an die Weltmeisterschaft 1978. Die Gefahr, glaube ich, liegt darin, zu glauben, der Fußball könnte die essentiellen Dinge im Leben und in einer Gesellschaft ersetzen. Kein Fußballspiel kann verdecken, wie es um den sozialen Zusammenhalt, um das Miteinander, um das Gewissen einer Gesellschaft steht - oder eben, wie dieses Gewissen, die soziale Verantwortung, die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Kurz: wie der soziale Pakt gebrochen wurde, damals in der Militärdiktatur. Denn mit den Jubelrufen aus dem Stadion wurde ja versucht, schlimmer noch, es wurde geschafft, die Schreie aus den Folterzentren der Militärdiktatur zu übertönen. Keine noch so große Fußballbegeisterung darf das Denken aussetzen lassen und uns vergessen lassen, was das Essentielle ist. Fußball ist großartig, aber es ist nicht das Fundament einer Gesellschaft. Wenn man das glaubt, dann wird aus der Liebe zum Fußball Fanatismus und eine Gefahr.