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Wissen & Umwelt

Diefenbacher: "Wir müssten das 1,5 Grad-Ziel ansteuern"

Den Begriff Klimagerechtigkeit haben auch die Kirchen geprägt. Wie die geforderte Solidarität mit Entwicklungsländern beim Klimagipfel in Paris erreicht werden kann, erklärt der EKD-Umweltbeauftragte Hans Diefenbacher.

Deutsche Welle: Herr Professor Diefenbacher, wie definieren Sie Klimagerechtigkeit?

Hans Diefenbacher: Ich habe Schwierigkeiten mit dem Begriff Gerechtigkeit, wenn er in Form von Bindestrich-Begriffen auftaucht. Es gibt Gerechtigkeit als ethische Norm. Und die kann man in Bezug auf Klimafragen ansprechen. Gerechtigkeit wäre in diesem Fall, dass wir die notwendigen Kosten der Verhinderung eines Klimawandels und die Lasten an seine Anpassung - da wo er nicht mehr zu verhindern ist - möglichst gerecht verteilen. Unsere Generation muss sich folgende Fragen stellen: "Gibt es eine gerechte Verteilung des Zugangs zu nicht-erneuerbaren Ressourcen und deren Verbrauch? Und was haben die uns nachfolgenden Generationen an Verbauchsmöglichkeiten bei nicht-erneuerbaren Ressourcen?"

Außerdem tragen die Industriestaaten historische Schulden, was den Ausstoß an klimaschädlichen Treibhausgasen angeht, die seit Beginn der Industrialisierung ausgestoßen wurden. Wie können wir uns dieses "Emissions-Rucksacks" entledigen?

Das können wir nicht wettmachen. Wenn wir den Zeitraum weit genug zurück beginnen lassen und uns den Verbrauch nicht erneuerbarer Energien anschauen, stellen wir fest, dass wir soviel verbraucht haben, dass wir ihre Nutzung von heute auf morgen komplett stoppen müssten. Das ist ja gar nicht möglich. Das bestätigt auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung, der sich mit globalen Umweltveränderungen beschäftigt. Die Schuld können wir nicht mehr vollständig abtragen. Wir können nur versuchen, so schnell wie möglich auf erneuerbare Energien umzustellen.

Die Industrielle Revolution - nicht zur Nachahmung empfohlen

Hans Diefenbacher Klimaschutzbeauftragter ev. Kirche Deutschland

Hans Diefenbacher setzt sich in der Evangelischen Kirche für Klimaschutz ein.

Und welche Verpflichtung bezüglich Gerechtigkeit in Klimafragen haben die Industriestaaten gegenüber Schwellen- und Entwicklungsländern?

Wir müssen sie unterstützen, nicht genau den Weg einzuschlagen, den die frühindustrialisierten Länder in der Vergangenheit gegangen sind.

Wie soll das konkret geschehen?

Indem wir unseren eigenen Verbrauch so schnell wir möglich reduzieren, um den anderen die Möglichkeit zur Entwicklung zu geben. Zweitens können wir ihnen helfen, indem wir den am wenigsten entwickelten Ländern zukunftsfähige Technologien möglichst preisgünstig zur Verfügung stellen.

Es gibt ein Modell zur Verringerung und Lastenverteilung der Emissionen unter dem Namen 'Kontraktion und Konvergenz'. Dem zufolge sollten sämtliche Emissionen aller Länder summiert und durch die Weltbevölkerung geteilt werden. Dann stünden jedem, der derzeit gut sieben Milliarden Erdbewohner, ein bis zwei Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr zur Verfügung. Aktuell produzieren Deutschland und andere Industriestaaten zehn und mehr Tonnen pro Bürger. Halten Sie das Modell, das auf Reduktion und auf die Pro-Kopf-Verteilung ausgerichtet ist, für gerecht?

Das Modell ist eine Leitlinie zur Orientierung. Durch sie wird die Lücke sichtbar, international auf einen gleichen Verbrauch hinzuarbeiten. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Das ist machbar, wenn wir jetzt beginnen und auf einen Zeitraum bis 2050 hinarbeiten. Auf diesem Weg muss man Zwischenziele formulieren: Wann ist der Kohleausstieg besiegelt? Wie viel Prozent CO2 bis zu welchem Jahr versuchen wir einzusparen? Die Evangelische Kirche hat sich vorgenommen, bis 2020 40 Prozent des Energieverbauchs von 2005 einzusparen. Das ist ein sehr ehrgeiziges Vorhaben. Wenn man sich Zwischenziele setzt, ist das große Ziel leichter zu bewältigen. Und genau das erwarte ich mir von der Weltklimakonferenz in Paris: Es sollte nicht nur der große Rahmen festgelegt, sondern verbindliche Zwischenziele formuliert werden. Die Methode der Erfassung und der darauf aufbauenden Statistik ist zumindest in den Industrieländern nicht schlecht. Hier kann man ansetzen.

Die Schwellenländer begründen ihren erhöhten Bedarf an Energie, mit dem Recht auf Entwicklung. Dies ist doch zwangsläufig mit erhöhten Emissionen verbunden, oder geht es anders?

Dies kann vorübergehend der Fall sein, aber die Zukunft liegt nicht in einer Stabilisierung des Verbrauchs von Kohle und Erdöl, sondern auch dort in einem Umstieg auf regenerative Energien.

Sind Erneuerbare der Schlüssel für Klimagerechtigkeit?

Die erneuerbaren Energien sind der zentrale Ansatz. Aber wir müssen auch die Landwirtschaft unter die Lupe nehmen und bestimmte Formen der Produktion in Frage stellen.

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Heißt Klimagerechtigkeit nicht auch, dass die Industriestaaten die Verpflichtung haben, die besonders vom Klimawandel betroffenen Länder des Südens hinsichtlich der Anpassung an die Folgen zu unterstützen?

Hier müssen wir unterscheiden: Wir müssen den Länder helfen, sich den, aus dem Klimawandel resultierenden, Veränderungen anzupassen, die jetzt schon nicht mehr abzuwenden sind. Und dann müssen wir daran arbeiten, die Klimaziele zu verwirklichen. Das Zwei-Grad-Ziel wird immer genannt. Es gibt aber auch eine Reihe von Studien, die besagen, dass selbst die Begrenzung des Anstiegs der globalen Temperatur um zwei Grad seit Beginn der Industriellen Revolution zu viel sein könnte. Wir müssten eigentlich 1,5 Grad als Ziel der globalen Erderwärmung ansteuern. Ich bin gespannt, ob dieses 1,5-Grad-Ziel bei der Weltklimakonferenz in Paris überhaupt noch eine prominente Rolle spielt. Das müsste es eigentlich, denn es ist ein Ziel, Anpassung an die Folgen des Klimawandels erträglich zu machen. Und durch Programme der Entwicklungszusammenarbeit müssen die ärmeren Staaten unterstützt werden. Gleichzeitig müssen die Strukturen des Weltmarkts verändert werden: Klimaschädliche Subventionen müssen abgeschafft werden. Die Industriestaaten haben auch umweltbelastende Produktionen in andere Länder verlagert. Deshalb haben wir hier eine relativ gute Bilanz. Aber auch diese Emissionen stecken in unserem "historischen Rucksack".

Was kann jeder selbst tun, um Klimagerechtigkeit zu unterstützen?

Im Internet gibt es Programme, die den individuellen ökologischen Fußabdruck berechnen. Dazu muss man das Nutzungsverhalten von Transportmitteln, die Wohnsituation und andere Parameter eingeben. So erkennt jeder, wie viel Emissionen auf ihn - oder sie - entfallen. Der nächste Schritt wäre, nach Einsparmöglichkeiten zu suchen. Auch dazu gibt es Checklisten im Internet. Die Kirchen haben die Klima-Kollekte ins Leben gerufen, ein Projekt, mit dem man unvermeidebare CO2-Emissionen kompensieren kann. Pro Tonne CO2, die man verbraucht, zahlt man 23 Euro. Die Klima-Kollekte versucht, damit vernünftige Projekte zur Energieeinsparung oder zur Steigerung der Energieeffizienz in Ländern des Südens durchzuführen. Die Klima-Kollekte gibt auch Tipps, um das eigene Verhalten möglichst ressourcensparend umzustellen, sodass der Nutzer gar nicht so viele Emissionen kompensieren muss. Eine Ernährungs-Umstellung, weg vom Fleischkonsum, trägt auch zum CO2-Austoß bei.

Wie sehr ist Bewusstsein für den eigenen Energieverbrauch ausgeprägt?

Ich glaube, die Leute sind sich dessen schon bewusst. Mein Eindruck ist, sie haben eher das Gefühl, nichts tun zu können, wenn sie die großen Emittenten zum Vergleich heranziehen. Aber die Erfahrungen der Energiewende in der Bundesrepublik zeigen, dass viele kleine Schritte zusammen einen relativ großen ergeben.

Das Gespräch führte Karin Jäger.

Prof. Dr. Hans Diefenbacher ist seit 1998 ehrenamtlich tätig als Beauftragter für Umweltfragen des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Er hat Volkswirtschaft studiert und zum Thema "Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit" habilitiert.

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