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Fokus Osteuropa

"Die zwei Bulgarien" – Tiefe Kluft zwischen Armut und Wohlstand

Die materielle Lage vieler Bulgaren hat sich verbessert. Aber das Land ist in "Arm" und "Reich" klar geteilt – so das Ergebnis eines Forschungsprojekts, das der Soziologe Koljo Kolev in einem Interview erläutert.

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Roma sind besonders stark von Armut betroffen

In den letzten fünf Jahren ist der Anteil der Bulgaren, die unter dem Existenzminimum leben, wesentlich geringer geworden: von 14 Prozent im Jahr 1999 ist er in 2005 auf vier Prozent gesunken. In Bulgarien gibt es eine Mittelschicht, der fast 20 Prozent der Bevölkerung angehören: Der Anteil ist von sechs Prozent in 1999 auf 19 Prozent in 2005 gewachsen. Obwohl die materielle Lage der Bevölkerung sich verbessert hat, sehen sich viele Bulgaren als Verlierer der Transformation. Die soziale Umschichtung ist in vollem Gang. Es gibt praktisch zwei Bulgarien – das eine hat Zugang zu immer mehr Wohlstand und zur Modernität, dem anderen ist dieser Zugang verwehrt.

Am Ende des Umbruchs ist Bulgarien ein typisches armes europäisches Land. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der sozialen Umschichtungen in der bulgarischen Gesellschaft in der Zeit von 1999 bis 2005. Das Forschungsprojekt mit dem Titel " Die zwei Bulgarien", an der 10 000 Bulgarien im Alter von über 18 Jahren teilgenommen haben, wurde am 17. April in Sofia veröffentlicht. Über die Ergebnisse sprach die DW-Korrespondentin Antoineta Nenkova mit dem Soziologen Koljo Kolev, der in dem Projekt maßgeblich mitgearbeitet hat.

DW-RADIO/Bulgarisch: Wie sieht das soziale Modell heute in Bulgarien aus?

Koljo Kolev: Bei der Untersuchung wurde etwas ganz Neues festgestellt – eine totale Umschichtung der Gesellschaft. Wenn im Jahre 1999 die bulgarische Gesellschaft aus Armen und weniger Armen sowie aus einer sehr dünnen Schicht Reichen bestand, so ist sie im Jahre 2005 in Reiche und Arme, in Prosperierende und Vegetierende im Verhältnis von annähernd 50 zu 50 unterteilt.

Es gibt verschiedene Grade des Reichtums und der Armut. Das ist das radikal Neue, was passiert ist. Die Anzahl der Menschen, die unter dem Existenzminimum leben, ist dreimal geringer; und die Anzahl derjenigen, die die Vorteile der Marktwirtschaft genießen, ist dreimal höher geworden. In der Untersuchung wurde ermittelt, dass nicht mehr von den Bulgaren schlechthin gesprochen werden kann, denn die bulgarische Gesellschaft ist segmentiert. Die Menschen leben in verschiedenen Welten. Deshalb ist die Untersuchung "Die zwei Bulgarien" und nicht "Der Bulgare" betitelt. Bemerkenswert ist es, dass die positiven Veränderungen sich nicht auf das gesellschaftliche Bewusstsein ausgewirkt haben.

Sie kennzeichnen dieses Phänomen als das "bulgarische Paradoxon". Worauf gründet sich es?

Die soziale Struktur der Gesellschaft hat sich von Grund auf verändert, der Verbrauch ist sprunghaft angestiegen und zugleicht ist eine permanente, untergründige Unzufriedenheit festzustellen. Der Bulgare lebt besser, empfindet sich jedoch meist immer noch als Verlierer. Worauf gründet sich dieses Paradoxon? Jetzt, am Ende der Wendeperiode, denkt der Bulgare immer noch als ex-sozialistischer Mensch und will den Verlust der Gleichheit, das Aufkommen von Menschen, die "über ihm sind", die mehr haben, nicht akzeptieren: ‚Die Ungleichheit zwischen mir und denjenigen hinter mir ist akzeptabel, aber die Ungleichheit mit denjenigen, denen es besser geht, ist es nicht. Sie sind Schurken, sie haben den Staat bestohlen.’ Diese Ungleichheit sei unverdient. Ich formuliere es so: Der sozialistische Mensch lebt noch. Der gleichheitsgewohnte Mensch stellt bis heute die irrsinnige Frage: ‚Was soll es, habe nicht auch ich das Recht auf …?’ Die Gesellschaft als ganzes, die politische Elite wagen es nicht ihm zu sagen: Nein, du hast nicht das Recht. In dieser neuen Welt wird dieses Recht mit viel Fleiß, Ehrgeiz, Qualifikation und den notwendigen Chancen, sich in den neuen Marktbedingungen zu positionieren, erkämpft.

Abgesehen von diesem Paradoxon und den Eigenheiten der bulgarischen Wende, wie sehen Sie Bulgarien heute? Hat es sich Europa angenähert oder ist die Distanz größer geworden?

Bulgarien ist schon in Europa. Anfang 2007 wird nur ein formaler Akt stattfinden. Es wird etwas unterschrieben, das schon Tatsache ist. Natürlich sind die Menschen, die schon fest in Europa verankert sind, eher junge Männer und Frauen, Menschen mit Hochschulbildung und höherer Qualifikation.

Die europäische Integration der Bulgaren mit niedrigerer Bildung wird ein sehr langer, schwieriger Prozess sein, ein qualvoller Versuch, sich in der neuen Arbeitswelt zurechtzufinden. Ich befürchte, dass ohne entsprechende Maßnahmen seitens des bulgarischen Staates, einschließlich der Weiterbildung und beruflichen Qualifikation, sie es nicht schaffen werden.

Meinen Sie auch das Roma-Problem? Sie sind besonders von Armut betroffen. 13 Prozent sind Analphabeten. Droht hier eine Gefahr für den Erfolg der EU-Integration?

Ganz bestimmt, denn das Analphabetentum ist ein Riesenproblem. Sofortmaßnahmen sind vonnöten. Bulgarien war als armes Land, das aber über hochqualifizierte Arbeitskräften verfügte, bekannt. Jetzt besteht die Gefahr, sich in Europa als armes Land mit schlechtausgebildeten Arbeitern zu integrieren. Dennoch möchte ich betonen: Bulgarien ist eine relativ armes, sozial unausgeglichenes, aber zugleich entschieden europäisches Land. Die Wende ist abgeschlossen, dies bedeutet jedoch nicht, dass es nicht eine neue Bewegung gibt. Eine Bewegung jedoch nach den europäischen Regeln. Das Ende der Wende bedeutet, dass derjenige, der arm ist, auch arm bleiben wird, wenn er sich nicht bemüht, seine Lage zu ändern. So sind die Regeln überall auf der Welt.

Das Interview führte Antoineta Nenkova, Sofia
DW-RADIO/Bulgarisch, 19.4.2005, Fokus Ost-Südost