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Amerika

Die zwölf Apostel in Kolumbien

"Canta conmigo" heißt ein ungewöhnliches Versöhnungsprojekt mit einem Touch von Reality-Show in Kolumbien, bei dem ehemalige Kämpfer zusammen singen.

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Es ist schon eine seltsame WG, die da in einem Hotel ohne Namen in Bogota wohnt und zusammen singt. Kein Schild zeigt außen an, was hier passiert. Die WG-Bewohner sind Aussteiger aus der Guerilla und aus den Reihen der Paramilitärs, aber auch Kolumbianer, die noch nie eine Waffe in der Hand hatten. "Canta conmigo", sing mit mir, heißt das Projekt. Die zwölf Apostel werden die Teilnehmer genannt. Weil sie zeigen, dass zusammen leben kann, was in Kolumbien früher aufeinander schoss. Drei Monate lang bekamen sie jeden Tag Musikunterricht, am Ende nahmen sie eine CD auf.

Am Anfang war die Angst

Luis, ein ehemaliger Kämpfer der Paramilitärs, steht auf einem weichen Teppich in der Versöhnungs-WG, hält sein Handy vor den Mund, als sei es ein Mikrofon. Er hat Einzelunterricht, Bühnentraining und singt ein Liebeslied. In der Ecke sitzt Sonia, eine zierliches Mädchen von der Karibikküste, und sieht ihm zu. Sie hatte nie etwas mit dem Konflikt zu tun, verkaufte bis vor kurzem Süßigkeiten auf der Straße.

Als sie sich für das Projekt "Canta conmigo" bewarb, hatte sie nicht verstanden, dass sie monatelang mit desmovilizados, mit ehemaligen Kämpfern der Guerilla und der Paramilitärs in einer WG wohnen würde: "Ich hatte Angst, weil ich dachte, das wären kaltblütige Menschen. Und wenn man sie nur schräg anschaut, tun sie einem was an."

Ex-Guerilleros und Ex-Paramilitärs

Canta Conmigo

Flucht auf die Bühne: Sara Morales hat die Guerilla verlassen

Doch nun teilt sie seit Monaten das Zimmer mit Sara, einer Ex-Guerillera. Die heute 24-Jährige wurde von der Guerilla entführt, als sie 12 Jahre alt war und zu einer Kämpferin ausgebildet: "Die Leute denken immer, dass man dabei ist, weil man sich das ausgesucht hat. Sie nehmen Dich einfach mit, aber fliehen ist schwierig. Wenn sie dich dabei erwischen, bringen sie dich um."

Nach zehn Jahren in der Guerilla hat Sara die Flucht geschafft, heute lebt sie in einem Armenviertel in Bogota mit ihrem Mann und den zwei Kindern. Sie weiss, dass sie als Deserteurin für die Guerilla ein militärisches Ziel ist. Aber daran will sie nicht denken.

Daner Martinez, der in den Reihen der Paramilitärs kämpfte, ist davon überzeugt, dass sein Lied "Verbanne den Krieg aus deinem Herz" die Zuhörer begeistern wird. Er komponierte es im Schützengraben und notierte es in einer Geheimsprache auf einer Zigarettenschachtel, damit keiner seiner compañeros mitbekam, dass er des Kriegs längst müde war: "Jeder Buchstabe dieses Liedes ist mit der Seele geschrieben. Mit Musik kann man vieles sagen, was Worte nicht können."

WG-Ausflug ins ehemalige Kampfgebiet

Nach drei Monaten dann der finale WG-Ausflug: Zum Abschlusskonzert in die Montes de María, eine Gegend, die vom Konflikt geprägt wurde. Eine schlimme Zeit war es, als die Guerilla ein- und ausging, sagen die Menschen in El Salado. Und im Jahr 2000 kamen die Paramilitärs. Sie trieben die Bewohner auf den Dorfplatz, betranken sich und brachten alle halbe Stunde jemanden um. Frauen vergewaltigten sie mit Stacheldraht. Vier Tage lang blieben die Mörder. Das Militär schloss alle Zufahrtsstrassen nach El Salado, obwohl längst Informationen über das Massaker bekannt wurden, auch im 18 Kilometer entfernten El Carmen de Bolívar.

Canta Conmigo Werbung für das Konzert Kolumbien

Mit einem Megafon machen die Teilnehmer in den Straßen von El Carmen Werbung für ihren großen Auftritt

Dort findet nun das Friedenskonzert statt. Ein Ort mit 100.000 Einwohnern, in dem es kein Trinkwasser gibt und keine Kanalisation. Das Konzert sei eine nette Geste, sagt Soraya Bayuelo, eine Journalistin aus El Carmen. In ihrem Haus hat sie einen kleinen Altar. Zu sehen sind zwei Fotos: Das ihrer Nichte, die von einer Bombe der FARC umgebracht wurde. Eins ihres Bruder, den die Paramilitärs ermordeten. "Dass man wirklich in seinem Viertel zusammenlebt mit jemandem, der deine Familie umgebracht hat. Dafür braucht man ein großes Herz oder eine Entschädigung, damit das irgendwie möglich wird."

Die Opfer schweigen lieber

Ein andere Frau in El Carmen, die nicht mit Namen genannt werden möchte, sagt, dass sie Sara und den anderen aus der Canta-Conmigo-Wohngemeinschaft nicht ins Gesicht sehen möchte. Sie seien Täter und müssten zur Verantwortung gezogen werden. Es gebe keine Gerechtigkeit in den Montes de María, aber Unterstützung für die Täter, und keine für die Opfer. Noch immer fänden Vertreibungen statt Auch Soraya wünscht sich nichts mehr, als dass der Konflikt endlich enden möge: "Wir wollen den Krieg nicht. Sie sollen uns in Ruhe arbeiten lassen. Und uns unsere Rechte wiedergeben. Das Recht, in Würde zu leben und die Dinge auszusprechen. Hier gibt es noch viel Angst. Es wurde noch nicht mal darüber geweint, was in den Montes de María passiert ist."

Das Finale

"Lebe einen Traum, sing mit mir", heißt das Lied, bei dem alle zwölf gemeinsam auf der Bühne stehen. Sich umarmen, mit Tränen in den Augen. Nach dem Konzert endet die seltsame Wohngemeinschaft, die zwölf Sänger kehren zu ihren Familien zurück. Einer der Teilnehmer, Néstor Escobar, der einst für das kolumbianische Militär kämpfte, sagt, es gehe nicht darum, berühmt zu werden. "Wir versuchen, das Denken der jungen Leute zu ändern, die glauben, dass sie erst richtige Männer sind, wenn sie eine Waffe in der Hand haben. Oder damit reich werden. Das ist falsch!"

Berühmt werden die zwölf vermutlich trotzdem: Der kolumbianische Vizepräsident hat ihnen bereits eine Welttournee versprochen.