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Asien

"Die Zukunft von Afghanistan liegt in den Händen der Afghanen"

Im Gespräch mit der Deutschen Welle bewertet Tom Koenigs, ehemaliger Sonderbotschafter der Vereinten Nationen in Afghanistan, die aktuelle und zukünftige Sicherheitslage des Landes.

Der UN-Sonderbeauftragte fuer Afghanistan Tom Koenigs gibt am Dienstag, 24. Juli 2007, nach einem Gespraech mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ueber die Lage in Afghanistan, im Bundeskanzleramt in Berlin ein Statement ab. (AP Photo/Herbert Knosowski)---German UN special envoy for Afghanistan Tom Koenigs delivers a statement in Berlin on Tuesday, July 24, 2007, after his talks with German Chancellor Angela Merkel on the situation in Afghanistan. (AP Photo/Herbert Knosowski)

Tom Koenigs

Deutsche Welle: Herr Koenigs, gerade sind zwei amerikanische Militärberater in Kabul im Innenministerium ermordet worden. Das Innenministerium ist einer der mit Abstand am Besten geschützten Orte, die es in Afghanistan gibt. Sie waren zwei Jahre UN-Sonderbotschafter in Afghanistan, hätten Sie sich so etwas überhaupt vorstellen können?

Tom Koenigs: Solche Sachen passieren, und gegen Selbstmordattentäter haben Sie keinen Schutz.

Auch nicht im Innenministerium?

Auch nicht im Innenministerium. Das ist leider so, und das ist zu bedauern. Ich glaube, das wird aufgebauscht. Alle, die dort sind, sind in einer gewissen Weise gefährdet.

Kann es in Afghanistan überhaupt Sicherheit geben?

Afghanistan ist ein unsicheres Land und es gibt Krieg. Es gibt Attentate und Selbstmordattentate. Aber es gibt sehr viele Gegenden, wo man sicher lebt. Und es gibt Institutionen, die gut arbeiten. Also man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

Die Reihe von Anschlägen, insbesondere nach der Verbrennung von Koranexemplaren, erweckt den Eindruck, als sei die gesamte westliche Sicherheitsstrategie gescheitert. Ist das auch übertrieben?

Das halte ich auch für etwas übertrieben. Sicher hätte man besser frühzeitig in massive Polizeiausbildung investiert. Man hat viel zu lange auf den militärischen Weg gesetzt. Aber ich glaube, es ist richtig, dass man die afghanischen Sicherheitskräfte auch in Verantwortung bringt.

Man arbeitet jetzt sehr eng mit den afghanischen Sicherheitskräften zusammen. Nun hat es in letzter Zeit immer wieder auch dieses erschreckende Phänomen gegeben, dass sich einer der vermeintlichen Verbündeten unerwartet gegen die eigenen Leute gestellt und sie ermordet hat. Deutsche waren betroffen, Amerikaner, Franzosen. Ist das Konzept der engen Kooperation gescheitert?

Das Konzept, mit den Afghanen eng zusammen zu arbeiten und sie auszubilden, ist richtig. Dass es da auch Gefährdungen gibt, sieht man. Aber ich sage noch mal, hätte man sehr frühzeitig auf die afghanischen Sicherheitskräfte und deren Ausbildung gesetzt, dann wäre man viel weiter gekommen. Die Afghanen müssen in die Verantwortung gebracht werden.

Am Anfang kam die ISAF als Befreier. Wann ist das umgekippt? Wann wurde man zum Besatzer?

Wir haben nicht gesehen, dass wir dort nur eine sehr begrenzte Zeit frei arbeiten können. Diese begrenzte Zeit haben wir weitgehend verschenkt. Das war von 2001 bis 2006. Immerhin fünf Jahre. Und was wir da versäumt haben, können wir jetzt kaum mehr einholen. Hätte man von vornherein gesagt, wir bleiben zehn Jahre und bis dahin muss die Aufgabe geschafft sein, dann wären wir wahrscheinlich weiter gekommen.

Dass man Afghanistan nicht militärisch befreien konnte, das haben inzwischen alle begriffen. Man setzt jetzt auf eine politische Lösung. Wie sieht eigentlich eine politische Lösung in Afghanistan aus?

Die Zukunft von Afghanistan liegt in den Händen der Afghanen. Nach wie vor gibt es Fundamentalisten. Man muss die liberalen Kräfte unterstützen. Aber die eigentliche Entscheidung müssen die Afghanen selbst tragen.

Welche Rolle werden die Taliban in einem Afghanistan ohne ISAF spielen?

Die Taliban werden so vielgestaltig sein, wie sie es schon immer waren. Es wird hoffentlich eine legale politische Kraft geben, die sich an die Verfassung hält, die das Gewaltmonopol des Staates respektiert und die sich gegen die Befürworter der Gewalt durchsetzen kann. Die demokratischen Kräfte werden Unterstützung brauchen.

Wird Karsai eine Rolle spielen?

Karsais Amtszeit geht 2014 zu Ende. Und es ist gut, wenn es einen politischen Wechsel gibt.

Wird Afghanistan nach 2014 eine Stammesrepublik sein?

Ich glaube, die Zeit der Stammesherrschaft ist auf der ganzen Welt zu Ende. Es gibt rückständige Gebiete, wo die Stämme noch eine Bedeutung haben, aber dass die wieder erstarken, glaube ich nicht. Was ich hoffe ist, dass sich die demokratischen Strukturen mit der Zeit auch lokal umsetzen.

Das Gespräch führte Alexander Kudascheff
Redaktion: Rodion Ebbighausen

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