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Digitales Leben

Die Zukunft ist hier

Kühlschränke, die einen begrüßen und Getränke empfehlen. Handys, die Puls und Blutdruck messen können. Autos, die wissen, wann man müde ist. Alles nur ein Traum? Nix da.

Oled-TV Screens hängen von der Decke (ODD ANDERSEN/AFP/GettyImages)

OLED TV Samsung

2005 war ich zum letzten Mal in meinem Leben in einem Reisebüro. Ich buche meine Flüge online, klar. Wie die meisten. Mittlerweile checke ich auch online ein, reserviere meinen Platz und bekomme eine digitale Bordkarte auf mein Mobiltelefon geschickt. Dieses lege ich beim Boarding auf ein kleines Display. Komplett papierlos! Da wird mir schon leicht ums Herz, wenn ich an den Umweltschutz denke, während ich in die Maschine von Berlin nach Hamburg steige.

Sanft und leise

Wenn das, was in vielen Schubladen hochkreativer Techniknerds liegt, flächendeckend in die Tat umgesetzt werden würde, ginge in Hamburg die Reise folgendermaßen weiter:

Mittels Smartphone-Navigation finde ich den Weg zu meinem online gebuchten Mietwagen. Bei meiner Ankunft blinkt er fröhlich auf. Die Fahrertür öffnet sich. Beim Einsteigen begrüßt mich eine nette Damenstimme mit meinem Namen und fragt mich, wo ich hin möchte. Ich nenne ihr mein Ziel. Mit einem sanften "Pluff" schließt sich die Tür, der Fahrersitz bringt mich in eine ergonomische Sitzposition, schmiegt sich um Gesäß und Rücken, der Sicherheitsgurt legt sich schmeichelnd um meinen Oberkörper. Nicht zu straff, nicht zu locker, Sensoren wissen, dass ich drei Kilo zuviel auf den Hüften habe und meine Körpergröße nicht sehr stattlich ist.

Dezent leuchten Zahlen und Symbole am unteren Rand der Windschutzscheibe auf. Noch 327 Kilometer Reichweite bei einem Stromverbrauch von 15 kWh. Die Stimme bittet mich, mein Telefon in eine Mulde in der Mittelkonsole zu legen. Schon leuchtet ein weiteres Display auf, die Navigation erscheint und das Auto verbindet sich mit meinem Telefon. Meine Musik, die ich zuletzt gehört habe, ertönt leise durch ein Dolby 7.1-Soundsystem, kaum merklich springt der sanft surrende Elektromotor des Audi R8 e-tron an.

Da werden sogar die Pupillen gescannt

"Hallo, Sie dürfen hier nicht parken!" ruft jemand, offenbar der Tankstellenpächter, böse schimpft er mich durch das offene Fenster aus meinen Träumen. Ich schüttle mich, werfe den kantigen Dieselmotor meines 97er VW-Passats an und fahre zurück auf die Bundesstraße. Schließlich will ich ja auch mal nach Hause kommen. Mein Navi sagt, dass es in zwei Kilometern auf die Autobahn geht. Was es nicht sagt, ist, ob der 20 Kilometer lange Stau, den ich an der Tankstelle enspannt verschlafen wollte, vorbei ist.

Ach ja, die nette Damenstimme aus dem Traum, das war die gleiche, die mir vorhin im Radio erzählt hat, dass dieser Stau durch einen LKW-Unfall entstanden ist.

Wenn die längst in die Tat umgesetzten Erfindungen hochkreativer Techniknerds endlich zum Standard gehören würden, hätte vielleicht genau diese Stimme den LKW-Fahrer frühzeitig gebeten, einen Parkplatz anzufahren. Weil sie die Stimme des Bordcomputers dieses LKWs ist. Der Bordcomputer beobachtet den Fahrer genau. Pupillenscan, Pulsfrequenz, Blutdruck. Alle Werte werden von einem Sensorenarmband an den Computer gesendet, der den Fahrer nach 4,5 Stunden zu einer Pause drängt - und den Motor erst nach einer angemessenen Pausenzeit und stabilen Werten des Fahrers wieder anspringen lässt.

Heute kein Bier

Als ich nach etlichen vergeblichen Runden durch mein VWohnviertel mein Auto resigniert im Parkverbot abgestellt habe, wühle ich in meiner Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel.

Wäre meine Vermieterin zu gewissen Umbauten in meiner Altbauwohnung bereit, wären folgende Szenen dank des Ideenreichtums hochkreativer Techniknerds nunmehr möglich:

Ich schaue auf eine kleine Scheibe, meine Iris wird gescannt, die Wohnungstür öffnet sich. Ein kleiner Kasten blinkt mir entgegen, erkennt mein Handy und die Einstellungen meiner Remote-App. Warmes LED-Licht illuminiert die Räume, die ich betrete. Die Wohnung ist angenehm temperiert, da ich vom Büro aus bereits die Fernschaltung der Heizung aktiviert habe. Meine Lieblingsmusik erklingt. Ich trete vor den Kühlschrank, der mir einen schönen Feierabend wünscht und fragt, ob es heute wirklich schon wieder ein Bier sein muss, schließlich hatte ich gestern schon zwei.

Ich lasse ihn meckern, werfe mich mit meinem Bier aufs Sofa, sage meinem Handy, dass es den Fernseher anschalten und mir einen Film mit Johnny Depp suchen soll. Ich entscheide mich für "Don Juan", es ist ein Frauenfilm - zum Träumen. Der ganze Rest ist längst Realität. Wir können sie nur nicht sehen. Denn all diese Dinge sind jetzt noch viel zu teuer. Aber wir wissen ja, wie schnell das gehen kann.

Silke Wünsch, Redakteurin. Foto und Copyright Christel Becker-Rau

Silke Wünsch ist Redakteurin der Seite "Digitales Leben". Eines Tages wurde sie gefragt, ob sie diese Seite gerne betreuen möchte. Sie sagte: "Nun, ich bin bei Facebook und liebe hübsche Computer aus Cupertino, warum eigentlich nicht?" Und schon hatte sie den Job. Nachdem Marcus Bösch seine letzte Digitaliät an dieser Stelle abgelegt hat, widmet sie sich jetzt auch den schrägen Seiten des Netzlebens.

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