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Kultur

Die Zukunft des Lesens

Elektronische Lesegeräte und E-Books sind populär. In den USA noch viel mehr als in Deutschland. Vor dem Einzug der digitalen Medien in der Buchbranche warnt der Literaturwissenschaftler Roland Reuß.

Deutsche Welle: Herr Reuß, Sie haben in den letzten Jahren mehrere Bücher zum Leseverhalten der Deutschen geschrieben. Den Einzug der digitalen Techniken in der Buchbranche haben Sie kritisch begleitet. Vor allem das E-Book sehen Sie sehr kritisch, warum?

Roland Reuß: Das Grundproblem bei der Einführung von Digitaltechnik im Buchsektor ist ja nicht, dass man Computer verwendet. Das Problem bei Internetpublikationen oder E-Book-Publikationen besteht darin, dass diese Publikationsformen vor allem deswegen gewählt werden, weil man ihnen nachsagt, dass sie extrem billig sind. So, wenn Sie bei H&M einkaufen, nicht erwarten, dass dort die besten Stoffe verwendet werden, so haben wir in der Buchbranche eine ähnliche Situation. Wir haben ein Medium, was mit "billig" kodiert ist. So sind auch die ganzen ökonomischen Aspekte, die mit der Verwendung dieser Medien zusammenhängen, auf Billigkeit hin optimiert worden. Das merkt man zunächst mal am Lesekomfort.

Die E-Books machen ja eine unglaubliche Werbung damit, dass man sich die Schriftgröße einstellen kann. Das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist: Früher haben bei guten Publikumsverlagen wie Suhrkamp oder S. Fischer typografische Layouter, die viel über Schriftdesign wussten, gearbeitet. Die haben sich genau überlegt, was für eine bestimmte Typografie brauche ich für einen bestimmten Sachzusammenhang, damit der von einem Leser optimal erfasst werden kann. Das kostet Geld, weil das von hochausgebildeten, ästhetisch geschulten Gestaltern, die sich mit dem menschlichen Unbewussten auskennen, gemacht wurde. Dieses Geld wird von der digitalen Branche liquidiert. Die wollen das nicht ausgeben.

Deutschland Schriftsteller Roland Reuß (Foto: privat)

Der Literaturwissenschaftler Roland Reuß

Es findet eine Missachtung ästhetischer Komfortzonen statt, die es in den letzten 500 Jahren so nicht gegeben hat. Wenn ein Verlag etwas auf sich hielt, dann hat er auch darauf geachtet, dass seine Bücher gut gestaltet und optimal lesbar sind. Das kann man von den Sachen, die derzeit angeliefert werden, so nicht ohne weiteres sagen.

Jetzt bieten aber auch renommierte Verlage wie der Hanser-Verlag E-Book-Publikationen an. Ist das nicht auch ein Fortschritt?

Das glaube ich persönlich nicht. Es gibt diese Anbiederungsform von Verlagen jetzt schon geraume Zeit - Suhrkamp macht sowas auch -, ohne dass ich erkennen kann, dass da ein bestimmter buchtechnischer Standard in typografischer oder gestalterischer Hinsicht eingehalten wird. Das macht man, weil man das Geld, was fluktuiert, auch noch abschöpfen will. Für mich ist das ein opportunistischer Akt und nichts Zukunftsweisendes.

"Am Ende der Hypnose"

Wenn man diese Dinge so scharf kritisiert wie Sie, dann wird man schnell in eine konservative Ecke abgeschoben...

In dem Band "Am Ende der Hypnose" habe ich schon 2012 meiner Phantasie freien Lauf gelassen, was Geheimdienste alles mit der Medialität machen. Da gab es Edward Snowden ja noch gar nicht. Da haben Leute immer noch gedacht, dass Google so eine Art messianische Maschine ist. Diese Skepsis hinsichtlich der Frage der Wissenstradition, die mit dem Medium eigentlich einhergeht, die hat sich seither, seit ich das geschrieben habe, deutlich erweitert. Da war Snowden ein ganz erheblicher Faktor. Aber man brauchte eigentlich nur Zwei und Zwei zusammenzählen, um auf diese Sachen zu kommen.

Frankfurter Buchmesse 2014 E-Book-Verlag (Foto: Jochen Kürten)

Der Stand des E-Book-Verlags bei der Frankfurter Buchmesse

Wir haben es mit einem zentralistischen Überwachungsapparat zu tun: Wenn man dem die Texte anvertraut, liegt das doch auf der Hand, dass in dem Moment, in dem Computer mit IP-Nummern verknüpft sind, Bewegungen innerhalb des Netzes aufgezeichnet werden. Das ist eine Gefahr. Die war 2012 doch schon sichtbar, und die war eigentlich auch schon Anfang des 21. Jahrhunderts klar erkennbar.

Warum sollten herkömmliche Bücher also erhalten werden?

Wenn sie irgendwelche anspruchsvolle Literatur und Texte literarischer Art ausschließlich den digitalen Medien überlassen, wenn sie dann also kein analoges Back-Up in Form eines Buches haben, dann werden sie die Tradition von Schriftüberlieferung im Abendland ganz schön lädieren. Auch deshalb, weil es extrem leicht ist, aus dem Netz Informationen und Textzusammenhänge rauszufiltern. Da die demokratische Öffentlichkeit gar keine Möglichkeiten hat regelnd einzugreifen, wird Zensur und Lenkung von Interessen, die dann sehr klar das Lesegeschehen dominieren, möglich. Das kann niemand wollen.

Plädoyer fürs gebundene Buch

Warum ich fürs Buch plädiere, hat auch damit zu tun, dass es so etwas wie eine distribuierte, nicht rückrufbare Gegenmacht ist gegenüber dem, was zentral vom Netz angeliefert wird. 500 Bände von irgendeinem literarischen Text, den Sie nach Amerika, Japan, China, Indien oder nach Europa schicken und dort verstreuen, sind nicht mehr revidierbar. Sie können auch nicht irgendeinen Befehl in irgendeine Datenbank eingeben, um einen Titel zu löschen.

Google Books (Foto: dpa)

Überwachungsmaschienerie Google

Haben Sie diesbezüglich schon persönliche Erfahrungen gemacht?

Ich rede nicht abstrakt: Als wir 2012 ein strafrechtliches Verfahren gegen Amazon eingeleitet haben, hat Amazon meinen Namen aus einer Datenbank für zwei Wochen raugenommen, so dass sie Bücher von mir auch nicht mehr kaufen konnten. Das sind Sachen, die schon gemacht wurden und die nicht von mir als Drohszenario an die Wand projiziert werden.

Warnung vor der Zentralisierung

Je stärker die Zentralisierung auf dem Servermarkt voranschreitet, je stärker Geheimdienste und polizeiliche Einrichtungen darauf Zugriff haben, umso wahrscheinlicher ist es, dass missliebige und nicht ins Konzept passende Denkzusammenhänge einfach aus dem Distributionszusammenhang rausgenommen werden. Wenn die Sachen nur noch digital vorliegen, dann heißt das doch, dass ich nur noch einen einzigen Befehl brauche, wenn es eine bestimmte Information nicht mehr geben soll.

Roland Reuß lehrt Literatur- und Editionwissenschaft in Heidelberg. Zu seinen jüngsten Buchveröffentlichungen gehören "Die perfekte Lesemaschiene - Zur Ergonomie des Buches" (Wallstein) und "Ende der Hypnose - Vom Netz zum Buch" (Stroemfeld).

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