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Wissen & Umwelt

Die Zukunft der Wirbelstürme

Taifun Haiyan jagte mit bis zu 350 Stundenkilometern über die Philippinen. Wärmeres Meerwasser gibt Wirbelstürmen mehr Zündstoff. Müssen wir uns also künftig auf noch schlimmere Zerstörungen einrichten?

Satellitenbild Taifun Haiyan (Foto: REUTERS/Japan Meteorological Agency/NOAA)

Taifun Haiyan auf seinem Weg zu den Philippinen

Berichte über zerstörerische Wirbelstürme scheinen sich in den letzten Jahren zu häufen. Aber dieser Eindruck täuscht, sagt Christian Herold, Vorhersagemeteorologe beim Deutschen Wetterdienst: "Es gab in den letzten Jahrzehnten keinen eindeutigen Trend, was die Häufigkeit von Wirbelstürmen angeht." Das liege vor allem daran, dass der Messzeitraum relativ kurz ist, da man erst seit einigen Jahrzehnten Wirbelstürme per Satellitendaten vermessen kann.

Hurrikans, tropische Wirbelstürme in anderen Teilen der Welt, charakterisieren Meteorologen anhand ihrer Intensität. Von 1 bis 5 reicht die Skala. Diese Einteilung sagt aus, mit welchen Windgeschwindigkeiten der Sturm über sein Gebiet hinwegfegt, wie viel Niederschlag er mit sich bringt und wie viele Schäden er anrichtet.

Haiyan erreichte auf seinem Höhepunkt die Zerstörungsgewalt eines Hurrikans der höchsten Kategorie. "Solche Windgeschwindigkeiten, wie wir sie jetzt über den Philippinen erlebt haben, sind bisher eigentlich noch nicht beobachtet worden", sagt Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Haiyan hat auch sehr viel Wasserdampf aufgenommen, daher gab es sehr starke Niederschläge mit Überschwemmungen."

Ein tropischer Wirbelsturm entsteht über dem Meer, wenn mindestens 26 Grad Celsius warmes Wasser verdunstet. Der Wasserdampf kondensiert, die Luft heizt sich auf und reißt kühlere Luft mit nach oben. Durch die Erddrehung beginnt sich der Luftstrom zu drehen. Wenn der Wirbelsturm auf eine Küste trifft, lässt er seine gesamte gespeicherte Energie über den Landmassen ab und tobt sich dort aus.

Intensiver als früher - oder auch nicht

Zwar scheinen sich alle Wissenschaftler einig zu ein, dass Wirbelstürme in den letzten Jahrzehnten nicht häufiger geworden sind. Aber dafür habe ihre Zerstörungskraft zugenommen, sagt Gerstengarbe: "Es treten jetzt mehr stärkere tropische Wirbelstürme mit den Stufen 3, 4 und 5 auf."

Forscher um Thomas Jagger von der Florida State University in Tallahassee, USA, schrieben im Jahr 2008 in der Fachzeitschrift "Nature", dass vor allem die Windgeschwindigkeiten von tropischen Zyklonen über dem Atlantik in den letzten 30 Jahren zugenommen haben. Kerry Emanuel vom E.O. Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien wiederum hat ausgerechnet, dass vor allem die Wirbelstürme über dem westlichen nördlichen Pazifik in den letzten Jahren an Zerstörungskraft gewonnen haben.

Andere Wissenschaftler wiederum können gar keinen Trend beobachten: In den letzten Jahrzehnten hätten Wirbelstürme zwar mehr Schäden angerichtet. Aber das liege einfach daran, dass die Versicherungswerte steigen und sich dort, wo der Wirbelsturm an Land gegangen ist, mehr und teurere Besitztümer befunden hatten. Das schrieben Roger Pielke jr. von der University of Colorado in Boulder und seine Kollegen 2012 im "Journal of Climate".

Dass so viele Studien zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen, hält Mojib Latif vom GEOMAR - Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel für nicht verwunderlich. Bei so seltenen Ereignissen wie Wirbelstürmen sei die Datenbasis einfach sehr schlecht. Er vergleicht die Situation mit einem gezinkten Würfel. "Sie müssen sehr oft würfeln, bis sie sehen, ob der Würfel gezinkt ist oder nicht." Bei den Wirbelstürmen sei es ähnlich: Wenn es einen Trend gibt, würde es relativ lange dauern, bis man diesen Trend auch beobachten kann.

Überschwemmte Reisfelder (Foto: REUTERS/Leo Solinap)

Haiyan brachte viel Wasser mit sich

Der Klimawandel könnte schuld sein

Dass Wirbelstürme in Zukunft sogar noch gewaltiger werden könnten, scheint durchaus möglich. Denn das Meer erwärmt sich aufgrund des Klimawandels. "Es gibt einige Regionen, wo die Ozeantemperatur deutlich zugenommen hat: in der Karibik und auch dort, wo Haiyan jetzt entstanden ist", sagt Gerstengarbe. Die Wassertemperatur betrage dort inzwischen 30 Grad Celsius, früher sei das Wasser nur 28 Grad warm gewesen.

Wenn sich das Meerwasser erwärmt, liefert es mehr Antrieb für einen Wirbelsturm, erklärt Meterologe Sven Plöger. "Je wärmer das Meer ist, desto mehr Feuchtigkeit dringt in die Atmosphäre - und das ist die Energie, die für den Sturm zur Verfügung steht." Wenn die Meerestemperatur ansteigt, steigt also auch die Möglichkeit, dass Wirbelstürme intensiver werden.

Aber Christian Herold weist darauf hin, dass das alles nur Modelle sind. "Das System ist sehr komplex. Man weiß nicht, inwiefern eine höhere Meerestemperatur dazu führt, dass heftigere Stürme entstehen - oder ob das durch andere Prozesse überkompensiert wird", sagt er. "Es könnte auch sein, dass sich durch die höhere Wassertemperatur andere Parameter in der Atmosphäre ändern, die vielleicht die Entstehung eines Taifuns hemmen."

Zerstörte Häuser auf den Philippinen (Foto: REUTERS/Romeo Ranoco)

Wirbelstürme wie Haiyan sind unberechenbar

Bessere Vorsorge treffen

"Die Stärke von Haiyan hat uns alle überrascht", sagt Mojib Latif. Er sieht das als Alarmzeichen. "Die Frage ist doch: Wollen wir das Risiko eingehen, dass die Modelle recht haben oder nicht?" Klimaschützer fordern, endlich die Emissionen von Kohlendioxid zu beschränken, um solchen zerstörerischen Wirbelstürmen vorzubeugen.

Kurzfristig helfen Frühwarnsysteme. Bis zu vier Tagen vorher können die Meteorologen Wirbelstürme inzwischen vorhersagen. Aber ein Gebiet, in dem so viele Menschen wohnen, innerhalb kürzester Zeit zu evakuieren, ist kaum machbar.

Daher müsse man auch darüber nachdenken, sich in besonders gefährdeten Gebieten überhaupt nicht mehr niederzulassen, sagt Plöger. "Aber eine hundertprozentige Sicherheit werden wir nie haben. Bei solchen unglaublichen Stürmen wird es immer wieder ein Risiko für Leib und Leben geben."

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