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Kultur

Die Zukunft der Flüchtlinge von Smara

Sie haben das Flüchtlingsdasein geerbt. Die Kinder im Flüchtlingslager Smara in West-Algerien. Das Gymnasium ist ihre Hoffnung auf ein Leben in Selbstständigkeit. Andere haben sie aufgegeben. Meike Scholz war vor Ort.

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Lernen im Lager

Gehen Sie in eine Schule, und Sie sehen die Zukunft eines Landes. Gehen Sie in eine Flüchtlingsschule, und sie hoffen auf die Zukunft eines Landes. Dafür jedenfalls arbeitet Aba Lakhlife. Er ist Schuldirektor des örtlichen Gymnasiums. Irgendwo im Nirgendwo liegt es. Dort, wo weit und breit kein Wasser zu finden ist, etwa 25 Kilometer vom Flüchtlingslager Smara entfernt. Es liegt in West-Algerien, nahe der Stadt Tindouf. Aba Lakhlife hat trotzdem hohe Ansprüche an sich selbst. Wenn er seine Schüler reden hört, dann weiß er, warum. Mädchen wie Jungen, sie sprechen von der Freiheit und der Unabhängigkeit. Sie träumen von ihrer Heimat – der Westsahara – auch wenn ihre Eltern selbst davon nicht erzählen können.

Besuch beim Kolonialherrn

Die Kinder sind schon die zweite Generation, die im Flüchtlingslager geboren ist. Doch sie wissen, was Ihnen das Leben dort nicht bieten kann: Ins Schwimmbad gehen, Bäume sehen, mit der Familie zusammensein, Kleider kaufen – das Leben der Kinder in Europa haben sie alle schon mitbekommen. In den Sommerferien werden viele von ihnen nach Spanien eingeladen, ins Land der ehemaligen Kolonialherren. Und das macht sie traurig. Nicht wegen der blutigen Geschichte, sondern wegen ihrer Zukunft. Sie wissen nicht, ob sie tun können, was sie wollen: Arzt werden, Ingenieur, Fußballer – dass sind die Träume der Kinder – und Aba Lakhlife kann sie nicht erfüllen. Wenn er ihnen beim Lernen zuschaut, dann muss er seine Enttäuschung verbergen.

Westsahara 18 - Panoramabild

Dass die Vereinten Nationen nichts tun, dass sie seit 30 Jahren in der Wüste sitzen und auf internationale Hilfe angewiesen sind, die nur spärlich kommt, dass hat den jungen Mann fast gebrochen. Jedenfalls ist er sich inzwischen sicher: Recht hat nur derjenige, der auch die Macht hat, dieses Recht durchzusetzen. Was ihn betrifft, da kann der Internationale Gerichtshof tausendmal sagen, dass die Sahauris das Recht haben, ihre Zukunft selbst zu bestimmen, dass sie ein Referendum darüber abhalten dürfen – solche Zusagen stehen auf dem Papier, aber das war’s.

Enttäuscht von den UN

Es ist diese Situation, die dem Leiter des örtlichen UNHCR-Büros Sorgen bereitet. Hussam Mualam warnt deshalb, die Flüchtlingsgesellschaft drohe zu zerfallen. "Wir reden hier über die zweite und dritte Generation von Flüchtlingen", sagt er. "Es passt aber mit unserem allgemeinen Rechtsverständnis nicht zusammen, dass Menschen die Identität eines Flüchtlings erben." Hussam Mualam weiß: Die Menschen in den Lagern reden nicht gut von den Vereinten Nationen. Sie fühlen sich nach all den Jahren im Stich gelassen. "Wir haben eine Art von politischem status quo", sagt auch Hussam Mualam.

Aber auch er kann nicht viel tun. "Die Hilfe hat Priorität", sagt er, "aber sie kann nicht die Lösung sein. Wir werden nie 100 Prozent erfüllen können." Dann redet auch der UNHCR-Vertreter von dem, was am schwersten zu verstehen ist. Er spricht von der Hoffnung der Menschen. Die dürfe man nicht zerstören sagt er, es sei doch ihr Recht, sie zu haben. Aba Lakhlife arbeitet vielleicht deshalb weiter. Er will sähen, was er selbst vielleicht nicht ernten kann. Er will eine neue Generation ausbilden, die selbständig leben kann. Seine Schüler lernen dafür: Arabisch und Spanisch, Mathematik und Biologie – und nach dem Unterricht spielen sie – so wie alle Kinder auf der Welt. Und sie sind laut. Doch auch ihr Geschrei reicht nicht weit.

Westsahara 9 - Panoramabild

Wenn die Hoffnung stirbt

Ein paar Meter weiter schon, in einer Hütte, die sich Psychiatrie nennt, stören nur die knarzenden Türen und das scheppernde Wellblech den ewig gleichen Singsang des Wüstenwindes. Die Patienten hören es vielleicht nicht. Hauptsächlich jüngere Menschen, sagt der Pfleger Hamdi Rashid, liegen hier. Sie sind schizophren. Sie schlagen um sich, sie weinen und lachen gleichzeitig, sie phantasieren, weil sie Träume haben, die nicht erfüllt werden können. Sie bekommen deshalb Medikamente, die sie ruhig stellen sollen. Hamdi Rashid ist froh, dass er weiß, warum so etwas passiert. Er selbst kann reden. Über die Flucht, die Zustände im Flüchtlingslager – er spricht mit seiner Familie – doch nicht alle haben dieses Glück.

Meima Mahmoud zum Beispiel ist auch eine Flüchtlingsfrau. Und eine alleinerziehende Mutter. Sie ist stark. Jedenfalls macht sie sich für andere Frauen stark. Aber sie träumt nicht mehr. Sie hofft nicht mehr. Sie überlebt nur noch. Weil vielleicht, so Meima Mahmoud, irgendwann einmal der Tag kommt, an dem sie anfangen kann, sich ein Leben in Würde aufbauen zu können. Dafür lebt sie. Und dafür würde sie auch in den Krieg gehen. Auch wenn Sie weiß, dass das viel Blutvergießen bedeutet.

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