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Alltagsdeutsch – Podcast

Die Zugbegleiterin

Sie kontrollieren unter anderem Fahrscheine und sind Ansprechpartner bei Fragen und Problemen. Zugbegleiter haben mit vielen Menschen, aber auch mit Hunden zu tun. Und die sollten tunlichst einen Maulkorb haben.

Sprecher:

Theodor Heuss, Deutschlands erster Bundespräsident, war auch ein feinsinniger Sprachkenner. So bemerkte er einmal zum Thema Bedeutungswandel: Wörter sind wie Wohnungen – kaum ist der eine Mieter ausgezogen, steht schon der andere vor der Tür. Der Vergleich, ebenso knapp wie treffend, zielt auf die Tatsache, dass zahlreiche Wörter unserer Umgangssprache ursprünglich einen ganz anderen, heute vergessenen, Sinngehalt hatten. Als Beispiel erwähnt Heuss die Berufsbezeichnung Schaffner. Darunter verstand man fast ein halbes Jahrtausend den ranghöchsten Hausangestellten entsprechend etwa dem englischen Butler. Doch als mit der Eisenbahn das Industriezeitalter anbrach, kam diese Art Schaffner allmählich aus der Mode. Der Begriff verlor seinen Inhalt. Das Wort stand leer, bis man in Deutschland für einen anderen Ausdruck für Billettkontrolleur suchte. Damals wurde der Eisenbahnschaffner geboren.

Diana Zemke:

"Schönen, guten Tag! Die Zugestiegenen den Fahrschein mal, bitte!"

Sprecherin:

Keine Aufregung behalten Sie ruhig Platz. Was sie da eben hörten, das ist unsere heutige Gesprächspartnerin, Diana Zemke. Diana arbeitet als Schaffnerin bei der deutschen Bundesbahn. Sie gehört zum Zugbegleitpersonal. Bei dieser Gruppe ist Schichtdienst die Regel. Wenn Diana einen laufenden Zug übernimmt begrüßt sie die Fahrgäste dann auch etwas anders.

Diana Zemke:

"Schönen, guten Tag! Personalwechsel, Ihren Fahrschein mal bitte!"

Sprecherin:

Personalwechsel in der Tat. Und das gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen nämlich sieht man immer weniger Schaffner, sondern immer mehr Schaffnerinnen. Der ehemalige Männerberuf scheint dabei eine weibliche Domäne zu werden. Zum anderen hört man vom Zugbegleitpersonal immer öfter ostdeutsche Mundarten und Dialekteinschläge. Der Grund: auch die deutsche Reichsbahn, die das Ende der DDR um Jahre überlebte, hat ihren Platz unter dem privatisierten Dach der Bundesbahn gefunden. Nicht unbedingt zur Freude aller ehemaligen Reichsbahnbeamten und –angestellten. Diana?

Diana Zemke:

"Ich bin von der Deutschen Reichsbahn. Dort habe ich drei Jahre Ausbildung gemacht beim Bahnhof Cottbus, bin dann kurz vor Ausbildungsende gekündigt worden."

Sprecherin:

Diana blieb kein Einzelfall. Zusammen mit mehreren Schicksalsgefährtinnen versuchte sie darauf ihr Glück bei der Bundesbahn im Westen.

Diana Zemke:

"Wir mussten uns neu bewerben mit Eignungstest und die fortlaufenden Voreignungsprüfungen, die hier zu absolvieren waren."

Sprecherin:

Kein Kinderspiel und kein Zuckerschlecken, bestimmt nicht. Doch Diana hat es geschafft. Jetzt ist sie Schaffnerin.

Diana Zemke:

"Der richtige Ausdruck ist Zugbetreuerin. Früher hieß es mal Schaffnerin, aber das hat sich jetzt so mittlerweile geändert."

Sprecher:

Wie sagte Theodor Heuss? Wörter sind wie Wohnungen. Wenn nicht alles täuscht wird bald wieder eine solche Wohnung frei. Zwar sträubt sich das Alltagsdeutsch noch gegen das steife Bürokratenwort Zugbetreuer beziehungsweise Zugbetreuerin. Die Schaffnerin und der Schaffner gehen uns immer noch leichter, beiläufig auch verständlicher von den Lippen. Doch wer weiß, vielleicht steht im Duden neben dem Stichwort Schaffner demnächst schon die kleingedruckte Bemerkung veraltet für Zugbetreuer. Doch überlassen wir das der Zukunft. Hören wir lieber, was eine Zugbegleiterin so macht und tut.

Diana Zemke:

"Ich helfe den Reisenden beim Einstieg, beim Ausstieg, kontrolliere die Fahrkarten, gebe im Zug Informationen weiter, wo sie umsteigen, welche Gleisnummer das ist, wann der Zug abfährt und besonders in der ersten Klasse betätigen wir uns noch in dem APS, auf

Deutsch gesagt jetze, Am-Platz-Service. Wir bringen den Gästen in der ersten Klasse Kaffee oder etwas zum Essen. Ja und eben noch die betrieblichen Aufgaben: Kontrolle am Zug, dass alle Türen geschlossen sind vor der Abfahrt und dass eben keine gefährlichen Ereignisse irgendwie stattfinden."

Sprecher:

Diana Zemke stammt aus dem Südosten der Mark Brandenburg, aus der Gegend zwischen Berlin und dem Spreewald. Wäre uns das nicht bekannt gewesen, so hätten wir es mit Hilfe des Wörtchens jetze erraten. Jetze ist eine vorwiegend in den östlichen Gebieten verbreitete mundartliche Nebenform zum Hochdeutschen jetzt. Stammt wie dieses von dem altertümlichen jetzo, und dient in der genannten Dialektzone auch als beliebtes Flickwort. Man könnte dort zum Beispiel sagen:

Sprecherin:

Jetze bin ich an der Reihe, bitte. Diana, was trägt eine Schaffnerin im Dienst? Wie ist sie gekleidet?

Diana Zemke:

"Dunkle Schuhe ist das "A" und "O". Ja, von Strümpfen geredet dunkle, hautfarbene, aber jedenfalls keine weißen. Eine dunkelblaue Hose, eine weiße Bluse mit DB-Emblem drauf und ein rotes Tuch mit Eurocity- beziehungsweise Intercity-Emblem. Ich fahre nur IC und EC hauptsächlich. Und natürlich im Dienst, wenn ich im Zug bin, dann noch so ein Barett mit DB Emblem darauf."

Sprecherin:

DB ist die Abkürzung von Deutsche Bundesbahn. Intercity und Eurocity, abgekürzt IC und EC, heißen die Schnellversionen des guten, alten D-Zugs. Der D-Zug, also Durchgangszug, verdankte seinen Namen einer technischen Neuerung, die Anfang dieses Jahrhunderts aufkam und den Reisekomfort beträchtlich erhöhte. Damals nämlich wurden die dahin isoliert laufenden Wagen der schnellen Züge durch eine wettersichere Korridorschleuse miteinander verbunden. Das machte die Eisenbahnreise mit einem Mal zu einer ebenso temporeichen wie geselligen Angelegenheit. Mit dem Schlagwort Geselligkeit wirbt die Bundesbahn auch für ihre neuen Doppelstockzüge. Für Diana bedeutet das Etagensystem ohne Zweifel eine zusätzliche Belastung. Denn im Doppelstock-Waggon heißt es für sie ja Trepp' auf Trepp' ab. Oder?

Diana Zemke:

"Also die Doppelstockzüge, die sind doch eigentlich, find ich, besser als die alten Züge. Also wenn ich doch jetzt von mir persönlich rede, einmal gehe ich nach oben und guck mir die Leute von oben an, und einmal bin ich unten und guck mir die Leute so von unten an. Das ist so, schöne Abwechslung, denk ich mir mal."

Sprecherin:

Seit wann gibt es die Doppelstockzüge eigentlich?

Diana Zemke:

"Hier bei der Deutschen Bundesbahn wurden sie jetzt neu eingeführt und haben eigentlich doch recht guten Anklang gefunden bei den Leuten."

Sprecher:

Anklang finden heißt soviel wie Applaus oder Beifall ernten. Viel Anklang fanden und finden noch immer die Intercity- und Eurocityzüge. Intercitys verbinden die deutschen Großstädte, Eurocitys die europäischen Metropolen miteinander. Beide Zugtypen erreichen Reisegeschwindigkeiten, die teilweise erheblich über zweihundert Stundenkilometern liegen. Noch schneller macht es der ICE, den ein Propellerflugzeug nur mit einiger Mühe einholt.

Sprecherin:

Auf welchen Strecken ist Diana zu Hause? Fährt sie gelegentlich auch übers platte Land?

Diana Zemke:

"Nein, über die Dörfer fahren wir nicht, ich bin nur im Fernverkehr, hauptsächlich. Das kann natürlich abweichend sein, dass ich einen D-Zug fahre, dass ich auch mal abkommandiert werde, um Eilzug zu fahren, beziehungsweise, es heißt nicht mehr Eilzug sondern Stadtexpress."

Sprecher:

Diana Zemke sagte, sie fahre nicht über die Dörfer. Das lässt sich im buchstäblichen und im übertragenen redensartlichen Sinne verstehen. So fährt oder geht ein Redner oder Erzähler über die Dörfer, der vor lauter Nebensächlichkeiten nie bis zum eigentlichen Thema vordringt. Solche Dorfliebhaber soll es geben, nicht nur in der Politik. Unsere Gesprächspartnerin gehört zum Glück nicht zu dieser langweiligen Sorte. Das erkennt man sofort, wenn sie vom Verhalten der männlichen Fahrgäste ihr gegenüber erzählt.

Diana Zemke:

"Also manche körpern dann ihren Macho da raus und so. Aber die meisten – kein Problem. Wir haben öfters Bundeswehr drinne, und da hab ich so und so …, da ich noch ziemlich jung bin, noch nen etwas anderes Verhältnis, als wenn da so ein alter, na beziehungsweise nicht alt, aber älterer Kollege kommt, von vierzig oder fünfzig Jahren, und denen dann irgendwas sagt, ne, also denk ich mir persönlich mal so."

Sprecher:

Für eine neue Auflage des Lexikon der Jugendsprache notieren wir den Ausdruck seinen Macho rauskörpern. Das bedeutet offenbar so viel wie seine ungeheure männliche Überlegenheit über alles, was weiblich ist, darzustellen. Kostbarer aber erscheint uns noch die Entlarvung des Komparativs, die unserer Gesprächspartnerin gelingt, wenn sie auf ihren alten, nein, älteren Kollegen zu sprechen kommt. Bei Diana Zemke ist die Grundstufe ein alter Kollege. Dann aber erscheinen ihr vierzig oder fünfzig Jahre jedoch auf einmal nicht mehr alt genug, um hier schon von Alter oder gar einem alten Mann zu sprechen. Folglich machte sie den alten Kollegen zum älteren Kollegen, was besagt der Kollege ist zwar älter als sie selbst, aber damit noch lange nicht richtig alt. Ob es Diana Zemke wohl klar war, dass sie hier den Komparativ der Höflichkeit in Anwendung brachte? Der steht zwar in keiner Grammatik und doch ist er in Hoch- und Umgangssprache gleichermaßen zu Hause. Also höflich ist unsere Diana. Daran lässt sich nicht rütteln. Nur was geschieht, wenn sie mich im Zug ohne Fahrkarte erwischt? Ich also als Schwarzfahrer entlarvt werde.

Diana Zemke:

"Ja, dann muss' ich die Frage stellen, ob Sie genug Geld dabei haben, um eine Fahrkarte nachzulösen. Und wenn sie zahlungswillig sind und sagen: "Ich möchte gern nachlösen bis da und dahin." Dann schreib ich Ihnen eine Nachlösung, und dann werden sie mitgenommen, ohne Kommentar."

Sprecher:

Wenn ich aber nicht zahlen kann oder vielleicht auch gar nicht zahlen will?

Diana Zemke:

"Dann wird das ein bisschen eng. Dann wird am nächsten Bahnhof die Bahnpolizei bestellt und dann geht das über den BGS."

Sprecherin:

Der BGS ist der Bundesgrenzschutz, ein Polizeitruppe mit länderübergreifender Kompetenz, die auch für die Sicherheit aller Bahnanlagen vor allem aber der Fahrgäste verantwortlich ist. Auch Diana Zemke musste schon zweimal den BGS alarmieren. Zuerst, weil bei der Frau eines Fahrgastes eine vorzeitige Entbindung drohte. Dann, weil ein herrenloser Hund sie nicht mehr in ihr Dienstabteil lassen wollte. Mag Diana Zemke vielleicht keine Hunde? Energisch wehrt sie sich gegen diesen Verdacht und fügt hinzu:

Diana Zemke:

"Solange der Hund nen Maulkorb hat, ist mir das eigentlich auch ganz egal, da gehe ich aber schön zwei Meter, drei Meter weit weg, sonst … , das ist mir nicht so ganz geheuer."

Sprecherin:

Müssen Hundehalter für den Transport ihrer Lieblinge noch immer bezahlen?

Diana Zemke:

"Ja, das ist fünfzig Prozent vom Fahrpreis. Wenn er IC oder EC fährt, mit Zuschlag. Außer natürlich kleine Hunde, die in geeigneten Behältnissen geführt werden. Hundekörbe, Reisetaschen, oder so etwas. Die brauchen nix bezahlen.

Sprecher:

Diana Sie enttäuschen mich. Keineswegs, weil ihnen Hunde nicht geheuer sind, das heißt, dass Sie vor den Tieren Angst haben. Nein, Sie enttäuschen mich wegen des Terroranschlags auf die deutsche Grammatik. Wer brauchen ohne zu gebraucht, hat mein Lehrer immer gesagt, wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen überhaupt nicht zu gebrauchen. Und was sagte Diana, indem sie auch noch das Wort nicht so aussprach, als ob es am Ende mit "x" geschrieben würde?

Sprecherin:

Kleine Hunde, die brauchen nix zu bezahlen. Zugegeben, das klingt nicht besonders literarisch, ja nicht einmal schön, aber es ist inzwischen längst gängiges Alltagsdeutsch. Natürlich wäre es übertrieben, deswegen gleich den Aussprache- oder Grammatikduden zu ändern. Die Umgangssprache war immer schon wechselhaft. Wer weiß schon, ob sie morgen nicht lieber wieder nichts statt nix sagt? Oder Sätze mit dem Hilfsverb brauchen nicht wieder lustvoll mit dem passenden zu konstruiert. Nur schulmeisterliche Aufregung ist völlig fehl am Platze. Sie nutzt meist weder der Sprache noch dem, der sie spricht. Also weg von den großen und kleinen Hunden. Diana weiß, dass ihr Beruf härtere Prüfungen bereithält.

Diana Zemke:

"Ja, da wär an allererster Stelle der Schichtdienst. Also der ist manchmal echt hart. Also, sind schon viele Beziehungen bei uns zerbrochen an dem Schichtdienst. Ich hab zum Beispiel Sonntagabend erfahren um halb neun, dass ich Montag früh um halb sechs Dienstbeginn habe. Wenn man sich irgendetwas vorgenommen hat für den Tag, dann kann man das gleich wieder abschreiben."

Sprecherin:

Diana kann ihre Unternehmungen abschreiben, das heißt sie muss darauf verzichten. Dergleichen nervt und die Frage ist, ob einzelne positive Erlebnisse ein angemessenes Gegengewicht bilden.

Diana Zemke:

"Ich guck mir gern den Rhein an. Besonders wenn wir so Richtung Frankfurt runterfahren von Köln aus. Dann sieht man die Loreley so richtig schön auf dem kleinen Hügel dann sitzen. Also es ist ne wunderschöne Strecke, Rhein lang runter. Das ist echt super."

Rudolf Carl: "Liebe kleine Schaffnerin"

"Diese kleine Schaffnerin,

kling, kling, kling,

sag' wo fährt dein Wagen hin?

Kling, kling, kling.

Liebe kleine Schaffnerin,

gern bleib ich im Wagen drin,

und ich küsse dann sehr galant,

deine kleine entzückende,

rein berückende, Fahrkarten zwickende Hand …"

Fragen zum Text

Grammatikalisch nicht korrekt ist der Satz …

1. Kleine Hunde brauchen nichts bezahlen.

2. Kleine Hunde müssen nichts bezahlen.

3. Kleine Hunde brauchen nichts zu bezahlen.

Die härteste Prüfung für Diana in ihrem Beruf …

1. sind halterlose Hunde.

2. sind Diskussionen mit Fahrgästen.

3. ist der Schichtdienst.

Das Zugfahren wurde sehr viel komfortabler durch …

1. die wettersichere Korridorschleuse.

2. Eisenwaggons mit Stoßdämpfern.

3. elektrisches Licht in den Zügen.

Arbeitsauftrag

Spielen Sie in Ihrer Gruppe ein Rollenspiel: Eine Person soll eine/n Zugbetreuer/in und eine andere Person einen Fahrgast darstellen. Dieser Fahrgast hat keinen Fahrschein. Entwickeln Sie jetzt – auf Deutsch versteht sich – eine Diskussion, die zu einer Lösung des Konfliktes führt. Bewerten Sie anschließend in der Gruppe die Darstellung.

Autor: Franz Josef Michels

Redaktion: Beatrice Warken

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