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Politik

Die Zeitbombe tickt

Der Weltbevölkerungsbericht 2004 zieht gemischte Bilanz der Bevölkerungsentwicklung: Müttersterblichkeit, Aids und ungewollte Schwangerschaften sind nach wie vor ein Problem. Heinrich Bergstresser kommentiert.

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Heinrich Bergstresser

Zuerst einmal eine gute Nachricht: Das Bevölkerungswachstum steigt langsamer an, als lange angenommen. Und die meisten Staaten haben mittlerweile das ungebremste Bevölkerungswachstum in ihren Ländern als Problem erkannt und beginnen langsam damit, angepasste Maßnahmen in die jeweiligen Entwicklungskonzepte einzubauen. Frauen und Mädchen erkämpfen sich in immer mehr Ländern das Recht auf Familienplanung - letztlich also das Recht, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Dazu passt auch die wachsende und statistisch messbare Einsicht, Kondome zu benutzen, nicht nur wegen HIV/AIDS, sondern auch zur Schwangerschaftsverhütung. So weit, so gut, könnte man meinen.

Doch nun die schlechte Nachricht: Abgesehen von den fehlenden Finanzen, eine insgesamt erfolgreichere Bevölkerungspolitik zu betreiben, nimmt der Prozess der asymetrischen Bevölkerungsentwicklung friedensbedrohend zu. Das heißt, die Ballungszentren, in denen sich etwa drei Viertel der Menschheit auf nicht einmal zehn Prozent der Landfläche der Erde drängen, entwickeln sich demographisch extrem auseinander. So nimmt die Bevölkerung in den reichen Industrieländern tendenziell ab und wird zugleich immer älter. Zugleich wächst in den armen Regionen und auch in den Boomzentren der Schwellenländer - insbesondere Asien und Lateinamerika - die Bevölkerung auf etwas niedrigerem Niveau weiter, steigt auch die Lebenserwartung deutlich an. Entscheidend ist aber das explosionsartige Wachstum der Jugendgeneration. Nie zuvor in der menschlichen Evolutionsgeschichte war der Anteil der jungen Generation so groß wie heute, nämlich 87 Prozent. Aber dieser Anteil konzentriert sich in den Ballungsräumen der Entwicklungsländer, mit geringen oder gar keinen Chancen, ein halbwegs würdiges Leben zu leben.

Die Asymetrie von Reich und Alt und Arm und Jung ist nichts anderes als eine tickende Zeitbombe. Und sie wiegt weitaus schwerer, als die absolute Bevölkerungszunahme, über deren wirklichen Verlauf lediglich plausible Mutmaßungen und Annahmen angestellt werden können - die tatsächlichen Auswirkungen von HIV/AIDS und die drohende Rückkehr angeblich ausgerotteter Seuchen sind noch nicht mitgerechnet. Am nicht allzu fernen Horizont aber ist eine gesellschaftliche und politische Gewitterfront zu sehen, die aber ganz anders ablaufen wird, als ein normales Gewitter, bei dem sich Warm- und Kaltfront mit einem Knall entladen und zu einem neuen Gleichgewicht des Wetters führen. Denn jene Gewitterfront umfasst frustrierte, aber energiegeladene junge Menschen, die, ideologisch voll aufgeladen, alles in ihrer Macht stehende versuchen werden, sich unter den jetzigen international herrschenden Bedingungen mit Gewalt das zu holen, was ihnen in den weltumspannenden Medien vorgegaukelt wird: Konsumgüter, Statussymbole, Sex und - im besten Fall - vielleicht auch ein winziges Stück individueller Freiheit.

Der Weltbevölkerungsbericht 2004 legt den Finger in die Wunde. Aber nichts deutet zurzeit darauf hin, dass die tickende Zeitbombe wirklich ernst genommen wird. Zu sehr sind die reichen Staaten mit sich selbst, dem Terrorismus oder mit Massenvernichtungswaffen beschäftigt. Das traurige Erwachen aber kommt, unweigerlich. Und dann kommen die Versäumnisse von heute die Weltgemeinschaft teuer zu stehen - insbesondere die reichen Staaten.