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Kultur

"Die Zeit des Luxus ist vorbei"

Landflucht war lange Zeit ein großes Problem in der Türkei. Immer wieder haben sich die Stadtväter von Istanbul den Kopf zerbrochen, wie sie die ungezügelte Zuwanderung in die Metropole am Bosporus stoppen können.

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Straßenszene in Istanbul

Für Aufsehen sorgten Oberbürgermeister wie Bedrettin Dalan und Recep Tayyip Erdogan, als sie in den 80er und 90er Jahren mit einem "Visum" für Zuwanderer verhindern wollten, dass die Millionenstadt jährlich um die Einwohnerzahl einer mittelgroßen anatolischen Stadt zunimmt. Die Idee erntete belustigte Kommentare und verschwand wieder in den Schubladen.

Raus aus der Stadt

Was den Politikern nicht gelang, hat die vor einem Jahr begonnene Wirtschaftskrise, die von vielen als die schwerste in der Geschichte der türkischen Republik bezeichnet wird, still und leise angebahnt: Die Anzeichen für eine Umkehr der Landflucht mehren sich. Viele, die vor Jahren mit Sack und Pack den Verheißungen der Großstadt gefolgt waren, kehren in ihre Dörfer, in den Schoß der Großfamilie zurück. Die Glücklicheren unter ihnen beladen einen Möbelwagen mit dem, was ihnen aus besseren Zeiten übrig geblieben ist. Anderen reicht das Geld gerade noch für ein Busticket. Das anatolische Sprichwort "In Istanbul sind sogar Steine und Erde aus Gold" hat an Glanz verloren.

"Jeden Monat landen auf meinem Schreibtisch Hunderte von unzustellbaren Vollstreckungstiteln", sagt Ali Galip Yurduseven, Bezirksvorsteher im asiatischen Stadtteil Maltepe. Die Schuldner haben sich still und heimlich aus dem Staub gemacht. "Was soll ich machen?", werde er von ratlosen Hausbesitzern gefragt. "Mein Mieter ist verschwunden, ohne Miete und Strom zu bezahlen." Doch hart getroffen wurden nicht nur die, die ohnehin auf der untersten sozialen Stufe standen. Die Krise hat eine Wanderungsbewegung quer durch alle Bevölkerungsschichten in Gang gesetzt.

Zurück zur türkischen Lira

Wer durch Ulus, Etiler oder Akatlar, die "schickeren" Viertel auf der europäischen Seite streift, wird die reihenweise leer stehenden Wohnungen kaum übersehen. "Kiralik" (zu vermieten) oder "Satilik" (zu verkaufen) verkünden die Schilder in den Fenstern. Viele dieser "Bessergestellten", die es gewohnt waren, ihr Gehalt auf Dollar- oder D-Mark-Basis zu beziehen, haben sich nach preiswerterem Wohnraum umgesehen, seit viele von der Krise gebeutelte Unternehmen dazu übergegangen sind, auch ihre Führungskräfte wieder auf Lira-Basis zu entlohnen.