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Ostmitteleuropa

"Die Zeit der großen Investitionen ist vorbei"

- Polen rechnet jetzt mit mehr, aber kleineren ausländischen Investoren

Warschau, 14.4.2002 GAZETA WYBORCZA, poln. "Das Interesse ausländischer Investoren an Polen lässt nach und es wird noch schlimmer werden" - warnen einige Wirtschaftsfachleute. Die Situation sieht jedoch nicht so schlecht aus, wie es bei der ersten Betrachtung scheint. Geldanlagen in Polen planen jetzt in aller Stille mittelgroße Firmen aus dem Ausland, und sie möchten jeweils zwei bis fünf Millionen Dollar investieren.

Nach Informationen der Staatlichen Agentur für Ausländische Investitionen (PAIZ) haben ausländische Investoren im letzten Jahr über sieben Milliarden Dollar in Polen investiert. Dies ist um über drei Milliarden weniger als im Rekordjahr 2000.

Die Wirtschaftsfachleute sind davon überzeugt, dass dieses Niveau nicht mehr erreicht werden kann. Bedeutet das aber, dass die Lage ausgesprochen schlecht ist? Nicht unbedingt:

Dariusz Filar, der führende Wirtschaftsexperte der Bank Pekao SA, behauptet, dass wir von einem schlagartigen Investitionsstop aus dem Ausland nicht bedroht sind: "Ich würde sagen, dass wir auf eine Stabilisierung der Lage zählen können. Meiner Meinung nach können wir ausländische Geldanlagen in Höhe von 6,6 Milliarden Dollar erwarten und das ist durchaus kein schlechtes Ergebnis."

Es erwarten uns aber einige strukturelle Veränderungen bei den Geldanlagen aus dem Ausland: "Die Zeit der großen Investitionen ist vorbei. Die großen Unternehmen, die in Polen tätig sein wollten, befinden sich sicherlich schon auf dem polnischen Markt. Jetzt werden zu uns mittlere Unternehmen kommen, die mit den großen Firmen zusammenarbeiten oder sie beliefern", sagt Andrzej Kinast, Leiter der polnischen Niederlassung der Consultingfirma Grant Thornton.

"Eine ähnliche Situation gab es auch in den anderen Ländern, die eine Umstellung des politischen Systems durchgemacht haben: Zuerst gab es die kleine und dann die große Privatisierung. Jetzt werden die Firmen, die bereits auf dem Markt präsent sind, ihr Engagement steigern und ihr Geld in Technologie anlegen", fügt der Wirtschaftexperte der Firma Societe Generale, Marcin Mroz, hinzu.

Mittlere Unternehmen investieren bei uns unter anderem in die Automobilbranche, in die Lebensmittel- und in die Hüttenindustrie, sowie in technische Zweige. Sie stellen sich meistens auf eine spezielle Produktion ein, die an die Bedürfnisse konkreter Abnehmer im Ausland gerichtet ist. Dadurch wächst unser Export, und zwar ohne Inflationskosten zu verursachen.

Die Senkung der Investitionen im Jahre 2001 ist zum Teil auf den Verkaufsstop der staatlichen Gesellschaften und auf die Verlangsamung der Wirtschaftsentwicklung zurückzuführen: "Viele Investitionen waren durch die Nachfrage auf dem Binnenmarkt in Polen bedingt", gibt Stanisalw Kubielas, führender Wirtschaftsexperte der Firma Nicom Consultin, zu. Er führt die Situation auch auf die allgemeine Wirtschaftslage zurück.(...)

Eine andere Meinung vertritt Marcin Mroz, der behauptet, dass ein Teil der Firmen angesichts der Verlangsamung der Wirtschaftsentwicklung ihre Produktion entweder einschränkt oder dorthin verlagert, wo die Arbeitskosten niedriger sind. Einige dieser Firmen entscheiden sich für Polen. (...) Das neuste Beispiel ist die Firma Philips, die ihre Belegschaft in Holland entlässt und ihre Fabrik in Polen verpflichtet, die Produktion zu steigern oder die Firma Avon, die ihre Fabrik in Northampton in England auflöst und das Werk in Garwolin ausbaut.

Nach Meinung der Fachleute werden auch mittlere und kleine Unternehmen diesem Beispiel folgen und zwar auch die, die auf unserem Markt bisher nicht präsent waren.

Die Konjunkturabschwächung ist jedoch nicht die einzige Ursache für das Interesse an Polen. Es zeigt sich, dass es immer schwieriger wird, in Europa gut qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Dies wurde von kleinen und mittleren Unternehmern als die größte Hürde bei der Expansion ihrer Firmen erwähnt, geht aus einer europäischen Umfrage kleiner und mittlerer Unternehmen hervor.

Ein weiterer Aspekt ist der Rückzug der Produzenten aus dem Fernen Osten. Die Hersteller sind von der Qualität der Produkte enttäuscht (...). Andrzej Kinast gibt zu, dass seine Firma in der letzten Zeit sieben Aufträge bekam, einen polnischen Betrieb zu finden, in den investiert werden kann. Die Auftraggeber sind vor allem deutsche aber auch holländische und britische Firmen, die zwischen fünf und zehn Millionen Dollar im Jahr umsetzen.

Manchmal entscheidet sich eine Firme nicht sofort, ihr Kapital anzulegen, sondern findet Lieferanten für halbfertige Produkte aus Polen. Dadurch wird entweder die Eigenproduktion abgeschafft oder es werden die teureren europäischen Lieferanten ersetzt. Die Firma Grant Thorton sucht zur Zeit 20 Unternehmen für die Zusammenarbeit mit westlichen Firmen: "Wir können solche Aktivitäten als verborgene Investition bezeichnen, da der Auftraggeber das Potential der polnischen Firma durch technische Unterstützung und Schulungen der Mitarbeiter steigert", meint Andrzej Kinast . Er vermutet, dass nicht alle ausländischen Investitionen in der Statistik der Staatlichen Agentur für Ausländische Investitionen und der Polnischen Nationalbank berücksichtigt werden (...).

Den größten Wert für die Wirtschaft haben die "Greenfield-Investitionen", d.h. Betriebe, die ganz neu errichtet werden: "Solch eine Investition bringt neue Arbeitsplätze, die Menschen erhöhen ihre Qualifikation, sie verdienen und geben ihr Geld aus. Darüber hinaus kurbeln sie die Wirtschaftsentwicklung an", sagt Dariusz Filar.

Die Greenfield-Investitionen machten im Jahre 2001 nach Angaben von PAIZ jedoch nur drei Prozent aller Geldanlagen aus. Das ist zwar sehr wenig, aber die kleineren und mittleren Unternehmen interessieren sich viel mehr als andere Firmen im Durchschnitt für den Aufbau neuer Betriebe: "Unter den Firmen, mit denen Grant Thornton zusammenarbeitet, trifft dies auf ein Drittel zu", so Andrzej Kinast. Der Mittelwert aller Investitionen, die von dieser Firma betreut werden, beläuft sich auf zwei bis fünf Millionen Dollar. (...)

Aus einer Umfrage, die die Firma PriceWaterhouseCoopers unter Unternehmern durchgeführt hat, geht hervor, das die meisten Vorwürfe gegen Polen die Korruption und die Tatsache betreffen, dass es schwierig ist, im polnischen Recht mit Änderungen zu rechnen. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Bürokratie.

Aus einem Bericht der Weltbank geht hervor, dass, um eine wirtschaftliche Tätigkeit in Polen aufzunehmen, etwa elf Prozeduren durchlaufen werden müssen. Die Gründung einer Firma dauert 58 Arbeitstage und die Kosten belaufen sich auf etwa 25 Prozent des BIP pro Kopf. (...)

Noch schlechter haben wir bei dem Vergleich abgeschnitten, wie viel Zeit für eine Entscheidung bei handelsgerichtlichen Streitigkeiten oder der Eintreibung von Schulden aufgewandt wird. Unter 109 untersuchten Staaten haben stehen wir auf Platz 108 Platz. Die Vollstreckung eines Titels dauert in Polen drei Jahre, in Tschechien 270 Tage und in Frankreich 180 Tage!.

Zu unseren Ungunsten wirkt sich leider die Tatsache aus, dass in der Zeit der Konjunkturabschwächung die Investoren dem Gewinn mehr Aufmerksamkeit widmen. (Sta)

  • Datum 19.04.2002
  • Autorin/Autor Patrycja Macierewicz
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  • Permalink http://p.dw.com/p/26To
  • Datum 19.04.2002
  • Autorin/Autor Patrycja Macierewicz
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