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Wissen & Umwelt

"Die Zeit der Atomkraft liegt hinter uns"

Die Atomkatastrophe von Fukushima ist eine Zäsur in der Energiepolitik. Deutsche Welle sprach über die globalenEntwicklungen mit der Atomexpertin Rebecca Harms. Sie ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament.

Rebecca Harms (Bündnis90/Die Grünen), Abgeordnete des Europaparlaments, spricht als Gastrednerin am 23.04.2013 in Neumünster auf einem Sonderparteitag von Bündnis 90/Die Grünen zum Thema «Zwischenlagerung von Atommüll in Brunsbüttel». Foto: Markus Scholz/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Rebecca Harms

Deutsche Welle: Frau Harms, nach der Katastrophe in Fukushima gab es weltweit einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung. Einige Regierungen, allen voran Deutschland, haben daraus Konsequenzen gezogen, andere kaum. Welche Veränderungen sehen Sie in Europa?

Rebecca Harms: In Europa hat nicht nur Deutschland Konsequenzen gezogen, sondern auch andere Länder innerhalb der EU. Wir haben die Entscheidung in Italien. In einem Referendum lehnten die Bürger zu über 90 Prozent den von der Regierung Berlusconi geplanten Wiedereinstieg in die Atomkraft ab. Und in Belgien wurde der Atomausstieg noch mal bestätigt. Dann haben wir die Finnen, die sich jetzt doch nicht mehr vorstellen können, noch weitere Atomkraftwerke zu planen. Dasselbe gilt für Schweden.

Hoch interessant ist auch die Situation in Frankreich. Es ist das Land, das am stärksten von der Atomkraft abhängig ist. 77 Prozent der Bürger sind dort für einen Ausstieg und die Chefs der Sozialistischen Partei, Martine Aubry und Harlem Desir, sind beide dafür, dass die Sozialisten einen Ausstiegskurs so wie die Grünen im nächsten Wahlkampf vertreten. Da hat es schon einen gigantischen Wechsel in der Stimmung gegeben. Und auch die Schweiz hat sich von allen Neubauplänen über Nacht verabschiedet, viel schneller noch als die Entscheidung, die in Deutschland getroffen worden ist. Und das hat natürlich auch für den Rest der Welt Konsequenzen, wenn sich Europa mehr und mehr gegen die Atomkraft entscheidet.

Blicken wir nach Asien. Welche Veränderungen nehmen Sie hier wahr?

In Asien ist man noch näher dran an den Folgen der Katastrophe. In Asien gibt es in vielen Ländern, nicht nur in Japan, sondern auch in benachbarten Staaten, große Befürchtungen. Die Sorge über die Kontamination von Nahrungsmitteln und den Fallout ist groß. Ich bekomme immer wieder Anfragen. Die Leute fragen, ob sie noch an den Küsten leben und den Fisch essen können. Und diese Befürchtung in der Bevölkerung, die schlägt sich in zwei Ländern jetzt auch in der Politik nieder. China hat ja von Anfang an gesagt, man muss das gesamte Sicherheitskonzept der Atomkraftwerke überprüfen. Das wird da auch passieren. Die investieren jetzt mehr, noch mehr in Erneuerbare Energien als ursprünglich geplant. Der Ausbau der Atomkraft hat einen Dämpfer bekommen. Und in Indien gibt es eine sehr grundsätzliche Debatte. Da will man, wenn man die japanische Situation analysiert hat, die Pläne Atomland zu werden - also nicht nur militärisch, sondern auch zivil - überprüfen.

Schauen wir nach Russland. Trotz ablehnender Haltung in der Bevölkerung will die Regierung weiter Kraftwerke bauen. Bis 2020 sind insgesamt 26 neue Atomanlagen geplant. Und auch die ukrainische Regierung setzt weiter auf Atomkraft - trotz Tschernobyl. Wie ist das zu erklären?

Da gibt es eben wirklich Regierungen, die überhaupt nichts darauf geben, dass ihre Bürgerinnen und Bürger ganz anderer Auffassung sind. Ob die hochfliegenden Pläne zum Bau neuer Atomkraftwerke in der Ukraine irgendeine Chance zur Realisierung haben, das kann man heute nicht beurteilen. Ich setze mich im Moment sehr stark dafür ein, dass zumindest aus der Europäischen Union keine Hilfestellung für neue Atomkraftwerke geleistet wird. Die EU verfolgt aber leider indirekt durch die Subventionierung von Infrastruktur die Atom-Ausbaupläne in der Ukraine. Dasselbe gilt auch für viele Länder in Afrika oder Asien, die gerade erst angefangen haben, über Atomkraft nachzudenken.

Hat das Festhalten der Politik an der Atomkraft gegen den Willen der Bevölkerung mit wirtschaftlichen Interessen zu tun? Oder wie erklären Sie sich das?

Rosatom zum Beispiel ist eine 100-prozentige Tochter von Gazprom, es gibt also eine Verflechtung der politischen Interessen. Und die Interessen dieser großen Unternehmen sind eindeutig. Ich glaube, dass in vielen Ländern noch nicht genügend über diese Verflechtung von Interessen diskutiert worden ist, wie groß die Gefahren sind, in die wir uns begeben mit dem Betrieb von Atomkraftwerken. Ich glaube, dass in vielen Ländern auch noch nicht genügend darüber diskutiert worden ist, dass auch die Gewinnung von Uran, die Herstellung von Brennstoff und die gesamte Entsorgung äußerst problematisch ist. Wir haben eine Menge Altlasten in den alten Atomländern schon jetzt zu schultern.

Rechnet sich denn Atomkraft heute noch volkswirtschaftlich?

Also die Folgekosten dieser Atomkatastrophe in Japan, dieser Kollaps der Energieversorgung durch den Unfall und dann diese weitreichenden Folgen der gravierenden Verstrahlung, das lässt sich alles überhaupt noch nicht bilanzieren. Und auch wenn man sich einzelne Fälle anschaut, zum Beispiel das europäische Vorzeigeprojekt der Atomindustrie, den finnische Reaktorbau in Olkilouto, dann wird deutlich, dass die Kosten viel höher als geplant sind. Die Kosten für den Reaktor liegen nun um 50 Prozent höher. Heute muss man in der EU für eine neues Atomkraftwerk mit sieben Milliarden Euro kalkulieren. Dazu kommt noch die Planungs- und Bauzeit von zirka zehn Jahren. Das ist ökonomisch eigentlich kein interessantes Ding.

Atomkraft wird es noch einige Jahrzehnte weitergeben. Wagen Sie eine Prognose?

Insgesamt werden auf der ganzen Welt seit vielen Jahren viel weniger neue Atomkraftwerke in Betrieb genommen als abgeschaltet werden, entweder wegen technischer Mängel oder aus Altersgründen. Also der Prozess des Ausstiegs, der ist sowieso im Gange. Man kann, glaube ich, heute davon ausgehen, dass es in den nächsten Jahrzehnten noch einige Neubauten geben wird. Aber bis 2030 oder 2035 wird die Zahl der Atomkraftwerke eher abnehmen. Ich glaube einfach, dass die hohe Zeit der Atomkraft schon längst hinter uns liegt.

Das Interview führte Gero Rueter
Redaktion: Christian Walz

Rebecca Harms ist Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im Europaparlament und engagiert sich seit Jahrzehnten in der Anti-Atombewegung.

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