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Fußball

Die Wunschbilder des Fußballs verblassen

Die Mannschaft des EM-Gastgebers repräsentiert das multikulturelle Frankreich. An einer sachlichen Debatte für Integration und gegen Rassismus will sich der Fußball jedoch nicht beteiligen.

Es sind knapp zwanzig Minuten zu Fuß aus der bunten Partyzone des Stade de France bis ins Zentrum von Saint-Denis. Die Stadt nördlich von Paris gilt vielen als Synonym für die Banlieue, für die wachsenden Vorstädte, die geprägt sind von Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Rund um die Kathedrale von Saint-Denis deutet wenig darauf hin, dass zwei Kilometer weiter das Herz dieser Europameisterschaft schlägt. An den rissigen Häuserfassaden hängen einige Landesfahnen, die Gassen sind schon am Vorabend leer, aus der Ferne hört man Sirenen der Polizei.

Man muss in Saint-Denis oder im benachbarten Sarcelles nicht lange nach Fußball suchen. Es gibt Vereine, Minispielfelder, den Kick auf der Straße. Jugendliche, deren Eltern aus Afrika oder dem Nahen Osten stammen, tragen Trikots des FC Barcelona oder von Real Madrid. Hin und wieder taucht ein Hemd des französischen Nationalteams auf. Hin und wieder, nicht oft. Die meisten Jugendlichen waren 1998 noch nicht geboren. In jenem Jahr, als ihre Heimat eine neue Richtung einschlug. Wobei man heute nicht weiß, ob diese Richtung ins Licht führte oder in den Schatten.

Triumph überdeckt Krisensymptome

Zinedine Zidane und Lilian Thuram laufen Hand in Hand über den Pöatz (Foto: picture alliance/Pressefoto Ulmer/C. Fischer)

Zinedine Zidane und Lilian Thuram bei der WM 2006

In Deutschland sind zuletzt etliche Würdigungen des Weltmeisters von 1998 erschienen. Damals war die französische Landesflagge umgestaltet worden. Aus Blau-Weiß-Rot, also Bleu-Blanc-Rouge, wurde mit Blick auf die Spieler Black-Blanc-Beur: Schwarz wie Lilian Thuram, weiß wie Laurent Blanc, "beur" (französisches Wort für ein in Frankreich geborenes Kind von Eltern aus dem Maghreb) wie der arabischstämmige Zinédine Zidane. Auch ihre Nachfolger im aktuellen Nationalteam repräsentieren das multikulturelle Frankreich. Aber eine differenzierte Debatte über die Integrationskraft des Fußballs gibt es nicht. Warum äußern sich Nationalspieler und Verband so wenig über Politik? Dass sich das nach einem möglichen Achtelfinalsieg der Franzosen am Sonntag gegen Irland urplötzlich ändert, steht auch nicht zu erwarten.

Der Sozialwissenschaftler Albrecht Sonntag erforscht seit zwei Jahrzehnten auch die gesellschaftlichen Hintergründe des Sports, er fühlte sich schon 1998 bestätigt: "Der Fußball spiegelt die Gesellschaft so wieder, wie sie sich gern sehen möchte. Er bietet einen Raum für Wunschbilder." Bereits 1998 hatten es Einwanderer schwer auf dem französischen Arbeitsmarkt, die rechtsextreme Front National unter Jean-Marie Le Pen wurde stärker. Albrecht Sonntag sagt, der WM-Triumph habe viele Krisensymptome nur überdeckt: "Die Hysterie wurde von vielen Intellektuellen befeuert, die bis dahin auf den Fußball herabgeschaut hatten. Plötzlich formulierten sie Thesen, die völlig über das Ziel hinausgeschossen sind."

Siegessstimmung währt zweieinhalb Jahre

Joel Bats (2.v.r.) und Jean Tigana (r.) halten 1984 den EM-Pokal (Foto: picture alliance/dpa/R. Witschel)

Vereint im Erfolg: Joel Bats (2.v.r.) und Jean Tigana (r.) halten 1984 den EM-Pokal

Seit mehr als hundert Jahren verdeutlicht der Fußball die Migrationsbewegungen in Frankreich. In den fünfziger Jahren liefen für das Nationalteam einige Spieler mit polnischen und italienischen Namen auf, in den Siebzigern und frühen Achtzigern tauchten spanische, italienische und portugiesische Namen auf. Der erste schwarze Spieler war Raoul Diagne aus Französisch-Guayana, der sein erstes Spiel für Frankreich 1931 absolvierte. Es folgten Marius Trésor aus Guadeloupe oder Jean Tigana aus Mali. Seit den Neunzigern kamen viele Spieler aus Nordafrika. Im Fußball konnten es Einwanderer bis ganz nach oben schaffen, das zeigten schon die französischen Europameister von 1984. "Aber das sagt wenig darüber aus, wie sehr die Integrationspolitik eines Staates gelungen ist", sagt Albrecht Sonntag. "Und ob alle Bevölkerungsgruppen gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben können."

Historiker sagen, dass die Wirkung des WM-Sieges von 1998 etwa zweieinhalb Jahre anhielt, spürbar durch Wirtschaftswachstum, höhere Geburtenraten und politische Debatten. Selbst konservative Vertreter wie der ehemalige Innenminister Charles Pasqua wollten Migranten ohne Aufenthaltsstatus nun ein Bleiberecht einräumen, denn das starke Frankreich sei "generös für jeden".

Hetze der Front National findet Nachahmer

Algerische Fußballfans stürmen am 06.10.2001 im Pariser Stadion in St. Denis den Rasen, Polizisten versuchen sie zu stoppen (Foto: picture alliance/dpa/O. Morin)

Algerische Fans erzwingen 2001 in Paris den Spielabbruch

Doch das Auseinanderdriften der Gesellschaft blieb nicht verborgen. Das erste Länderspiel gegen Algerien nach Ende des Kolonialkrieges musste 2001 abgebrochen werden. Vier Wochen nach dem 11. September ließen viele arabischstämmige Franzosen ihrem Hass auf den Westen freien Lauf. Jean-Marie Le Pen sagte, dass Migranten das Nationalteam nicht würdig vertreten würden, schließlich verweigerten sie das Singen der Marseillaise. Seine Hetze fand Nachahmer, im Frühjahr 2002 kam Le Pen in die Stichwahl um die Präsidentschaft, er verlor gegen Jacques Chirac.

Es folgte ein Jahrzehnt der Spaltung, mit Straßenkämpfen in den Banlieues, steigender Jugendarbeitslosigkeit, wachsendem Rassismus. Nach den Terroranschlägen 2015 mit mehr als 140 Toten berichteten Lehrer, dass einige Schüler das Morden sogar gut geheißen hätten. Trotz der lange schwelenden Probleme wurde erst vor kurzem der Posten einer Staatssekretärin geschaffen, die sich beim Premierminister mit Migrationsfragen beschäftigt. "Das Modell in Frankreich ist anders als in Deutschland. Man spricht nicht von Integration, sondern von dem Streben nach realer Gleichheit", sagt Stefan Dehnert, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Paris. "Die Idee, dass man Minderheiten durch besondere Maßnahmen integrieren muss, gibt es kaum. Es gilt das Versprechen, dass alle Menschen mit den gleichen Rechten ihre Ziele erreichen können."

Aufregung statt Sachlichkeit

Karim Benzema im Trikot der französichen Nationalmannschaft (Foto: picture-alliance/dpa/S. Nogier)

Benzema manövriert sich ins Abseits und fehlt bei der EM

Das dieses Versprechen mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat, wird auch im Fußball deutlich. Bis auf Lilian Thuram hat sich kein Weltmeister beständig gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung positioniert. Auch der französische Fußball-Verband FFF betreibt - anders als der DFB - keine breiten Integrationsprogramme. Zwar ist der Migrationsanteil unter Spielern in alten Altersklassen hoch, aber unter Funktionären, Trainern und Schiedsrichtern sind Einwanderbiografien unterrepräsentiert. "Ich finde, jeder hat bei uns eine Chance", sagte Romuald Nguyen, Leiter bei der FFF für Internationale Angelegenheiten bei einer Podiumsdebatte im Pariser Goethe-Institut. Einzelinterviews darf er nicht geben.

Von "Affirmative Action", positiver Diskriminierung, ist im französischen Fußball keine Spur. Anders ist das in Großbritannien oder den USA. Zum Beispiel über die sogenannte "Rooney Rule" aus dem American Football. Seit 2003 wird in der Profiliga NFL für einen freien Topposten mindestens ein Kandidat aus einer Minderheit in Erwägung gezogen. Diese Regel wurde nach Ideengeber Dan Rooney benannt, dem Besitzer der Pittsburgh Steelers. In Frankreich wird das Thema gerade höchstens durch Karim Benzema besetzt. Wegen einer Erpressungsaffäre wurde er nicht für das EM-Team nominiert, doch Benzema warf Nationaltrainer Didier Deschamps Rassismus vor. Sachliche Vorschläge sind in dieser Aufregung nicht zu erwarten.

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