1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Geschichte

Die Wunden von Warschau

Der Aufstand mutiger Warschauer im Sommer 1944 wurde von den Nazis blutig niedergeschlagen. Zum 70. Jahrestag diskutierte Polen kontrovers: War dies ein Akt polnischer Selbstbehauptung oder sinnloser Heroismus?

Auf dem Warschauer Schlossplatz tummeln sich täglich Schulklassen. "Das alles war nach dem Krieg eine Wüste", hört man Lehrer zu ihnen sagen, während sie auf den schönen Platz mit der 22 Meter hohen Sigismundsäule und dem Königsschloss dahinter zeigen. Der Wiederaufbau nach 1945 gehört ebenso zum Selbstverständnis des jungen Polens wie der Warschauer Aufstand als ein letzter Versuch, sich aus der eigenen Kraft von den Nazis zu befreien. Am 1. August 1944 - ein Jahr nach dem Ghetto-Aufstand von 1943 und kurz bevor die Rote Armee auf ihrem Siegeszug gen Westen Warschau erreichte - riefen rund 53.000 Polen den Aufstand aus. Eine siegreiche Erhebung gegen die deutschen Besatzer sollte das Symbol eines starken und künftig unabhängigen Polen sein.

Das alles wissen polnische Schulklassen, wenn sie vom Schlossplatz am Denkmal des "Kleinen Aufständischen" vorbeilaufen. Die Skulptur eines kleinen Jungen mit Helm und Waffe in der Hand gilt jedoch inzwischen als umstritten, ebenso wie die Rolle der Kinder im Aufstand.

Denkmal des Kleinen Aufständischen in Warschau

Denkmal des "Kleinen Aufständischen" in Warschau

Lehrer bleiben hier deshalb nur kurz stehen und gehen weiter zum nahen Aussichtspunkt. "Da drüben, am rechten Ufer der Weichsel standen schon die Russen. Man glaubte, dass sie bald angreifen und helfen würden, die Deutschen zu vertreiben", hört man dort. Die Warschauer hofften auf Unterstützung mit Waffen und Munition, aber die Rote Armee wartete ab. Stalin hatte kein Interesse an einem Sieg der polnischen Heimatarmee, von der er befürchtete, dass sie eine antikommunistische Regierung etablieren würde. 63 Tage dauerte der erbitterte Häuserkampf, bei dem die Polen sich selbst überlassen wurden.

Obwohl sie militärisch völlig unterlegen waren, konnten die Aufständischen in den ersten Tagen einige strategische Posten erobern. Die Deutschen zogen sich aus der Altstadt zurück. Doch mit der Zeit gingen den Kämpfern die Kraft und das Material aus. Schließlich wurde der Aufstand brutal von den Nazis niedergeschlagen. Im Januar 1945, als die Russen schließlich die Weichsel überquerten, waren in den Trümmern gerade einmal 1000 Überlebende zu finden.

Sichtbare Spuren

An die Opfer von damals erinnern viele Spuren wie die Südmauer der Johanneskathedrale, wo viele Jugendliche stehenbleiben. Beim Wiederaufbau der Kirche setzte man eine Panzerkette in die Kirchenmauer ein. Die Kathedrale war 1944 ein Verteidigungsposten der Aufständischen, weshalb die Nazis ein mit Sprengstoff beladenes Panzerfahrzeug dorthin schickten, das an der Mauer explodierte. Danach fuhr ein Panzer ins Innere der Kirche und schoss.

Warschauer Aufstand 1944

Warschau im Herbst 1944: Ein Trümmerfeld

Wenige Häuser weiter treffen die Schulklassen und Touristengruppen auf den schönen Marktplatz. Dort wird vom Befehl des SS-Führers Heinrich Himmler vom Oktober 1944 berichtet. "Jeder Häuserblock ist niederzubrennen und zu sprengen", befahl er damals. 60 Prozent der städtischen Bausubstanz wurden während des Warschauer Aufstands zerstört. 1945 standen beiderseits der Weichsel nur noch 15 Prozent der Gebäude. In polnischen Büchern wird oft Himmlers Aussage zitiert, der Ausbruch des Aufstands sei "geschichtlich gesehen ein Segen", da er "einen guten Vorwand" für die totale Zerstörung der Stadt sowie für Massenexekutionen geboten habe. Die SS verübte während des Aufstands in Warschau etliche brutale Massaker, deportierte Zehntausende in Konzentrationslager. Hunderttausende Warschauer wurden in so genannte "Durchgangslager" gebracht. Beim Warschauer Aufstand kamen rund 200.000 Polen ums Leben, die meisten von ihnen waren Zivilisten.

Sinnloses Opfer?

Wie viel Heroismus ist sinnvoll, fragen sich viele Polen heute. Piotr Zychowicz, ein junger Journalist, löste mit seinem Buch "Wahnsinn 1944" kürzlich einen Sturm der Entrüstung aus. Er nannte den Warschauer Aufstand "ein gigantisches, nutzloses Opfer". Zychowicz warf der Führung des damaligen Aufstands eine Fehleinschätzung der Situation vor und gab ihr die Schuld am Tod Tausender Menschen. Doch die meisten Historiker sind zurückhaltend. Man könne den Aufstand nicht aus der heutigen Perspektive beurteilen, weil "die Aufständischen viel weniger wussten, als wir heute" – so Jacek Młynarczyk von der Universität in Toruń. Die zentrale Frage, ob der Aufstand sinnvoll war, könne daher nur unbeantwortet bleiben und werde Polen noch lange beschäftigen.

Warschauer Aufstand 1944

Originalfoto aus Warschau im August 1944 aus dem Museum des Warschauer Aufstands

Ein Ort, an dem viele nach Antworten suchen, ist das

Museum des Warschauer Aufstands

. Bis heute, zehn Jahre nach seiner Eröffnung, haben es rund vier Millionen Menschen besucht. Vor dem Eingang stehen oft lange Schlangen. Der Direktor Paweł Ukielski sieht die aktuellen Debatten um die Schuld am Scheitern des Aufstands als Gewinn, denn sie würden das nationale Selbstverständnis prägen. "Unser Museum präsentiert Hintergründe, aber wir möchten keine Wertung vornehmen", sagt er.

Warschauer Aufstand und Kinder

In dem Museum staunt man über die vielen Jugendlichen und Kinder. Für Schulklassen ist ein Besuch längst zum Pflichtprogramm geworden, wie der Besuch der Warschauer Altstadt. Schon nach wenigen Schritten hört man fallende Bomben und Alarmsignale. Das spricht die Kinder und Jugendlichen an. Dem 85-jährigen Edmund Baranowski, der als 15-Jähriger im Warschauer Aufstand kämpfte, gefällt es weniger. "Kinder haben im Krieg nichts zu suchen", sagt er vor dem Kinder-Spielsaal des Museums stehend, der voll mit Kampfflugzeugmodellen und Soldatenfiguren ist.

Der Trend zu Kriegsspielen als Geschichtsvermittlung ist nicht nur im Museum sichtbar. Erst kürzlich kam ein Kinderspiel mit kleinen Figuren von lachenden Widerstandskämpfern mit Waffen und SS-Offizieren, mit Granaten, Molotowcocktails und Munition auf den polnischen Markt. Die Kommerzialisierung des nationalen Ethos kommt damit kurz vor dem 70. Jahrestag an die Grenzen der Erträglichkeit.

Polen Warschau Stadtansicht Skyline

Warschau heute: Wiederaufbau als Teil des polnischen Identität

1944 - 1989

Das Interesse am Warschauer Aufstand ist in diesem Jahr so groß wie nie. Das Thema bleibt präsent auch nach sieben Jahrzehnten. Was in diesem Jahr aber neu zu hören ist, ist der historische Zusammenhang der zwei wohl wichtigsten Ereignisse der jüngeren polnischen Geschichte. "Ohne die Erinnerung an die Opfer des Aufstands wäre es zu der unblutigen, friedlichen Revolution mit Solidarnosc 1989 möglicherweise gar nicht gekommen", sagt Jacek Ukielski vom Museum des Warschauer Aufstands. Ähnliche Meinungen hört man dieser Tage oft in den Medien. "Die Debatten zeigen, dass Polen aus seiner Geschichte gelernt hat", meint Ukielski. "Wegen des Traumas von 1944 wollte keine Opposition zulassen, dass für die Freiheit wieder Menschen sterben könnten."

So groß die Debatten im Vorfeld - so leise wird man am 1. August gedenken. Dieser Tag ist traditionell nur den Helden von damals gewidmet. Wenn um 17 Uhr die Stunde des Kampfausbruchs schlägt, gehen in Warschau wieder Sirenen los und die Stadt versinkt in einer eindrucksvollen Schweigeminute: Menschen, Autos, Busse, Straßenbahnen – alles bleibt stehen.

Die Redaktion empfiehlt