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Politik

Die Wunden der Diktatur bluten wieder

20 Jahre nach dem Ende der Diktatur sorgen in Chile vier Fälle von Verschwundenen für Wirbel, die nach Jahrzehnten wieder aufgetaucht sind. Pinochet-Anhänger sehen sich bestätigt: Niemand sei verschwunden, behaupten sie.

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Bis heute suchen Angehörige von Verhafteten-Verschwundenen nach ihren Familienmitgliedern

Der Sozialist Germán Cofré wurde kurz nach dem Putsch 1973 verhaftet. Am 24. September verschwand er spurlos. 1991 wurde er offiziell für tot erklärt, seine Witwe beantragte darauf hin eine Hinterbliebenenrente aus dem Fonds für Angehörige von Opfern der Diktatur. 1995 wurden ihr die sterblichen Überreste ihres Mannes übergeben – 20 Jahre nach seinem Tod konnte sie ihren Mann endlich bestatten.

Doch dann tauchte Germán Cofré im November vergangenen Jahres wieder auf. Er war nach seiner Haftentlassung nach Argentinien geflohen, hatte sich dort eine neue Existenz aufgebaut und eine neue Familie gegründet. Dass er als Verschwundener in den Listen der Menschenrechtsorganisationen geführt wurde, wusste Germán Cofré nicht.

Juristisches Nachspiel

Doch die Rückkehr des Totgeglaubten ist nicht das glückliche Ende einer tragischen Geschichte. Die Regierung hat einen Sonderermittler eingesetzt, der untersuchen soll, ob die Angehörigen zu Unrecht finanzielle Unterstützung des Staates bezogen haben. Sogar eine Klage gegen die Familie ist möglich.

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Auch die Organisation der Angehörigen von Verhafteten Verschwundenen (AFDD) fühlt sich betrogen. Als die AFDD von diesem und drei weiteren Fällen erfahren habe, so die Vorsitzende Lorena Pizarro, sei man damit "sofort an die Öffentlichkeit gegangen. Wir haben immer klar gemacht, dass wir niemals akzeptieren werden, dass irgendjemand sich als Verschwundener ausgibt – wer weiß mit welchen Absichten."

Politische Kampagne

Die Geschichte von Germán Cofré kommt der rechten Opposition im Wahlkampfjahr 2009 sehr gelegen. Zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Diktatur sieht die rechtsgerichtete Alianz für Chile Chancen, die Präsidentschaftswahlen im Dezember zu gewinnen – und setzt alles daran, das Image der Diktatur reinzuwaschen. Niemand sei unter der Herrschaft von Augusto Pinochet verschwunden, so die Botschaft.

Die Vorsitzende des Menschenrechsausschusses im Parlament, die konservative Abgeordnete Karla Rubilar, beschuldigte gleich noch eine weitere Familie, das Verschwinden ihres Sohnes vorgetäuscht zu haben. Das vermeintliche Opfer lebe stattdessen in Schweden und sei bei bester Gesundheit.

Lorena Pizarro von der Organisation von Angehörigen von Verschwundenen kann ihre Empörung kaum zurückhalten. "Das Verhalten der Abgeordneten Rubilar ist verwerflich. Wir sind Zeugen einer unbeschreiblichen Niederträchtigkeit. In den Jahren der Diktatur haben wir stets gegen den Versuch gekämpft, unsere Angehörigen als „vermeintliche Verschwundene“ zu verharmlosen. Es hat uns viel Kraft und Mut gekostet, diese unstrittigen Tatsachen zu beweisen."

Nur die Namen verwechselt?

Bei dem in Schweden lebenden Chilenen handele es sich nicht um den Verschwundenen sondern um seinen Sohn, der den gleichen Namen wie sein Vater trägt. Luis Emilio Recabarren war 2 Jahre alt als sein Vater sowie seine schwangere Mutter und sein Onkel verhaftet wurden. Die Großmutter hat ihren Enkel großgezogen – von den Verhafteten fehlt bis heute jede Spur.

Als Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses sei Rubilar nach dieser vermeintlichen "Verwechselung" nicht mehr tragbar. "Sie befleckt den Namen eines Opfers und seiner gesamten Familie, die während der Diktatur vernichtet worden ist", empört sich Lorena Pizarro. "Die Öffentlichkeit hat ihre Äußerungen verurteilt. Wir werden es nicht hinnehmen, dass durch die Zweifel an dem Verschwinden von Luis Emilio Recabarren die gesamte Arbeit unserer Organisation in Zweifel gezogen wird."

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Kein politischer Wille zur Aufklärung

Lorena Pizarro spricht im Namen der Angehörigen von fast 2000 Verschwundenen. Viele von ihnen sind nach Verhaftung und Folter aus Militärflugzeugen ins Meer geworfen worden. Die Namen der Opfer sind auf einer großen Marmorplatte am Zentralfriedhof in Santiago eingraviert, ihre Fälle sind im Internet ausführlich dokumentiert. Doch die Täter sind bis heute straffrei ausgegangen.

Lorena Pizarro fühlt sich betrogen. "Es fehlt der politische Wille um bei der Aufklärung der Menschenrechtsverbrechen voranzukommen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Die Rechte, die ja schließlich im Parlament vertreten ist und damit Teil des Staates ist, hat bislang jedes Gesetz blockiert, das dazu beigetragen hätte, die Namen der Verantwortlichen für Folter und Menschenrechtsverbrechen zu kennen." 20 Jahre nach dem Ende der Diktatur sei Chile noch weit davon entfernt, sich zu einem klaren "Nie wieder“ zu bekennen.

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